Hartz IV: So dreist lügt die Welt am Sonntag

WamS, Lügen, Satire Welt am Sonntag, Kampagnenjournalismus, Hetze gegen sozial Schwache. Medienmärchen.
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Man ist ja von der Bildzeitung für FDP-Wähler einiges an unsäglichen Auswurf gewohnt, wenn es darum geht gegen Hartz IV-Empfänger/innen und sozial Schwache Hetze zu betreiben.
Was jedoch im Artikel “Warum sich jemand bewusst für Hartz IV entscheidet“ am 8.4.2013 publiziert wurde, ist ungewollt von einer derartig satirischen Qualität, dass es eine genauere Betrachtung verdient.

Erzählt wird das Märchen von Susanne Müller(42) aus Berlin, ihres Zeichens berufserfahrene Betriebswirtin. Unter der Überschrift “Sie nennt es Freiheit“ lernt der geneigte Leser eine Dame kennen, die gut verdienen könnte und sich dennoch für ein Leben mit Hartz IV entschieden hat. Dabei ist Frau Susanne Müller „keineswegs anspruchslos“, deshalb lädt uns die Welt am Sonntag zu einem Besuch in ein „spartanisches Luxusleben“ ein.

Wir schreiben den 1. März 2013, 9.00 Uhr mitteleuropäische Zeit. Frau Müller versorgt die Krähen auf ihrem Balkon mit Katzenfutter, „obwohl sie eigentlich nichts zu verschenken hat.“ Am Ende dieses Tages, exakt um 19.25 Uhr wird sie noch 182,85 im Portemonnaie haben, von denen noch 21 Euro für ihren DSL-Anschluss abgehen, also 161,85 Euro. Für unsere Heldin kein Problem, denn „ihr Monatsbudget für Nahrungsmittel liegt bei 120 Euro“, und das obwohl sie nur Bioqualität kauft. Susanne geht es „super“, wie sie sagt, denn „mit viel Geld in der Tasche fühle ich mich gut.“

Diesen Tag wird sie mit einem französischen Frühstück beginnen, und dann wie an jedem Monatsanfang ihren türkischen Friseur Yilmaz besuchen, um sich einen neuen Pagenschnitt verpassen zu lassen. Nach einem Einkauf im Bioladen geht es dann in ihre Wohnung, wo sie sich am Abend an der herrlichen Onlineüberweisung des Jobcenters Friedrichshain erfreut. Susanne trägt nur teure Markenklamotten, im Outlet gekauft, besitzt ein I-Phone und einen drei Jahre alten Mac. Beide Geräte wird sie demnächst verkaufen, um sie gegen neue zu ersetzen. Ja, Susanne ist anspruchsvoll, dabei lebt sie seit 2004 nur vom Regelsatz des ALG II, vom Blutspenden und Flaschensammeln. Susanne hat Abitur, einen Fachhochschulabschluss, ist clever und sparsam. Genügsam ist sie nicht, sondern ein „Mensch mit Ansprüchen“. Dennoch will sie nicht arbeiten, nie wieder.

Nur, wie konnte es so weit kommen?

Das ist schnell erzählt. Sie hat jahrelang für eine Versicherung gearbeitet und dort unheimlich viel Geld verdient. Die 2290 Euro netto konnte sie damals gar nicht ausgeben, „Die Hälfte brauchte sie zum Leben, der Rest blieb liegen. Und dieser Rest wurde immer mehr. Im September 2004 lagen 30.000 Euro auf ihrem Girokonto.“

Man kann sich ihre Verzweiflung vorstellen, wahrscheinlich rief die Bank fast täglich an und sagte, Frau Müller ihr Konto ist voll und quillt über. Da ist sie dann in die Sahara geflüchtet, denn „es gab keinen Gegenstand, auf den sie sparte.“ Wohin also mit all dem Geld?

Unter dem Sternenhimmel der Wüste kam ihr die Erkenntnis, dass sie nie wieder arbeiten will. Das ist die Lösung! Deshalb kündigte sie ihre Anstellung, obwohl dort alles ganz toll war. „Als das Geld aufgebraucht war, ging sie zum Sozialamt. Seitdem bekommt sie Hartz IV.“

Und siehe da, heute geht es ihr richtig gut. Seit sechs Jahren hat sie kaum mehr Geld als 300 Euro am Monatsersten.“ Ich brauche nicht mehr“ und „ich will nicht mehr“, sagt Susanne.
Eigentlich ein glückliches Ende, aber es gibt auch Schattenseiten.
Sie hat immer noch kein I-Phone 5, kann nicht mehr verreisen und wenn sie ihren Freund ins Kino einlädt, fehlt das Geld für Popcorn.

„Das Jobcenter ist freundlich zu Susanne, aber es foltert auch.“

Und das auf perfideste Weise. Susanne wurde jährlich mit Umschulungen, Weiterbildungen und Qualifizierungskursen malträtiert, von denen normale Hartz IV-Empfänger/innen nur träumen können und die sonst nicht finanziert werden. Dabei will sie doch gar nicht!

„Englischkurse, Managementkurse (!), Buchhaltungskurse, Stadtentwicklungskurse, Computerkurse.“

Vermutlich ist es nur der leeren Staatskasse zu verdanken, dass man sie nicht an eine ausländische Eliteuniversität, wie Oxford oder Harvard strafversetzt hat. Von einem dramaturgisch überzeugendem Happyend kann man also bei der Geschichte nicht sprechen.

Satirisch konnte die Redaktion der Welt am Sonntag dafür um so mehr brillieren. Schade eigentlich nur, dass Friede Springers Gossenjournaille sich nicht einmal ansatzweise die Mühe gemacht hat, sich um eine realistische Darstellung zu bemühen. Recherche –Fehlanzeige!

1.) Der Online-Bankauszug am Anfang des Artikels ist völlig unglaubwürdig, pure Phantasie. Weder der Regelsatz stimmt, noch das Auszahlungsdatum, geschweige denn der Auftraggeber.

http://kopperschlaeger.net/2013/04/der-springer-verlag-und-seine-hartz-iv-marchen/

2.) Gäbe es jene Frau Sandra Müller in Berlin, würden dieser spätestens nach diesem Artikel sämtliche ALG II-Leistungen gestrichen. Hierbei handelt es sich um Sozialbetrug, da sie eine Eingliederungsvereinbarung unterschrieben hat, obwohl sie öffentlich erklärt, nie wieder arbeiten zu wollen. Dann stehen ihr auch keine Leistungen zu.

3.) Hartz IV beantragt man nicht beim Sozialamt.

4.) Derartige Qualifizierungsmaßnahmen sind im ALG-II System nicht vorgesehen, vernünftige Fortbildungen müssen vor den Sozialgerichten mühsam erkämpft werden.

5.) 410 Euro Miete liegen über dem Satz. Frau Müller müsste sich eine neue Bleibe suchen.

6.) Frau Müller sammelt fleißig Pfandflaschen, für 30 Stück bekommt sie angeblich 7,50 Euro. 25 Cent gibt es jedoch nur für Dosen und dieses Geschäftsmodell haben bereits viele Berliner/innen für sich entdeckt. Die liegen nicht lange herum!

Das ganze Märchen ist so etwas von absurd und unfreiwillig komisch, dass es mich fast schon wieder freut. In der journalistischen Gosse ist die Welt am Sonntag schon lange angelangt, das ist ein Grund sich zu ärgern. Inzwischen ist das Niveau aber so unterirdisch, dass es schon wieder richtig lustig ist und es Spaß macht sie zu lesen.

Ich freue mich schon auf die nächste Ausgabe!

11:53 12.04.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

harald Blumenau

Kölner mit einem Faible für Satire, Lyrik, Prosa, Politik und Geschichte.
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