Die unerträgliche Schwere des Überlebens

Comic/Graphic Novel Die ehemalige Charlie-Hebdo-Mitarbeiterin Catherine Meurisse beschreibt in der Graphic Novel "Die Leichtigkeit" Trauer, Traumata und ihre Bewältigung
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Die unerträgliche Schwere des Überlebens
Catherine Meurisse (hinten, 2.v.l.) mit Kolleginnen zwei Tage nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo im Januar 2015

Foto: Catherine Meurisse/AFP/Getty Images

»Tout est pardonné« (Alles ist vergeben) lautete die Titelzeile der ersten Charlie-Hebdo-Ausgabe nach den Anschlägen auf die Redaktion des Satiremagazins im Januar 2015. Die Abbildung darunter zeigt einen weinenden Mohammed, der ein Schild mit der Aufschrift »Je suis Charlie« in den Händen hält. Sie hatten es also wieder getan und dem mythischen Begründer des Islam entgegen aller verbalen und physischen Einschüchterungsversuche, von denen das Attentat der Kouachi-Brüder den traurigen Höhepunkt bildete, eine titelseitige Karikatur gewidmet. Das war verständlich und vielleicht sogar erwartbar. Statt sich einschüchtern zu lassen, hieß es nun, in die Offensive zu gehen und die Freiheit der Meinung und der Künste zu verteidigen, nicht nur, aber insbesondere im Namen der ermordeten Künstler und Mitarbeiter des Blattes.

Abgesehen von der Übertretung des (vermeintlichen) islamischen Bilderverbotes war dennoch einiges anders an diesem Titelbild: Mohammed war nicht als peinlicher Lüstling oder als blutrünstiger Barbar abgebildet. Ein geschockter und mitfühlender Prophet solidarisierte sich mit den Opfern und ihren Angehörigen. Es war eine große Geste der ersten Charlie-Ausgabe »danach«, eben nicht nur das eigene Recht kompromisslos zu verteidigen, sondern auch das der anderen im Auge zu behalten. Es lag förmlich in der Luft, und (nicht nur) der Front National gierte danach, die soziokulturellen Konfliktlinien der französischen Gesellschaft endgültig zu unüberwindlichen Demarkationslinien werden zu lassen. Stattdessen sollten mit diesem Titelblatt die Grenzen der Republik anders gezogen werden: Nicht nur Mohammed war einer von »uns« (sprich: »Charlie«). Angesprochen waren schlicht alle, ungeachtet von Herkunft und Religion, insofern sie sich den religiösen und/oder politischen Phantasien von gesellschaftlicher Totalität und Homogenität widersetzen wollten.

Für Renald Luzier (Luz), bis März 2015 Mitarbeiter von Charlie Hebdo, markiert dessen Titelzeichnung den Beginn seiner Katharsis, seiner individuellen Trauerarbeit über die Geschehnisse, die er schon vor einiger Zeit in Comicform niedergeschrieben und -gezeichnet hat. Es ist aber auch der Anfang vom Ende seiner Arbeit für die Zeitung. Wer das Buch liest, merkt, dass es nämlich gar nicht so einfach ist mit dem »Tout est pardonné«. Wie mutig kann man in künstlerischer und politischer Hinsicht schon sein, wenn man permanent von Ängsten, Albträumen und Gespenstern verfolgt wird? Wenn einen das Gefühl beschleicht, dass man nicht nur tot sein könnte, sondern es längst ist? Bräuchte es nicht zunächst erst einen reinigenden Zorn, um dann seinen Frieden mit der Welt schließen zu können?

Überleben durch Liebeskummer

Mehr als ein Jahr nach Luz hat mit der Illustratorin Catherine Meurisse eine weitere Überlebende der Anschläge einen Comic gemacht. Wie in einem zeichnerischem Tagebuch skizziert sie darin den langen und beschwerlichen Weg durch eine traumatische Leere zurück zu sich selbst. Gezeichnet von der brutalen Schwere des Überlebens, ihrer Erinnerungen und künstlerischen Fähigkeiten beraubt, begibt sie sich auf die Suche nach der Leichtigkeit, die vor jenem Tag im Januar trotz allem in ihr und um sie existierte. Und sie findet sie schließlich durch die Konfrontation mit der schrecklichen Schönheit der Künste. Doch der Reihe nach...

Ihr Überleben verdankte die ehemalige Pressezeichnerin von Charlie Hebdo schwerem Liebeskummer. Eine aufgrund dessen schlaflos verbrachte Nacht und ein verpasster Linienbus lies sie die entscheidenden Minuten, in denen sich das Massaker in den Redaktionsräumen abspielen sollte, zu spät kommen. Auf der Straße wird sie von ihrem Kollegen Luz abgefangen, der sich ebenfalls verspätet hatte. Unter Schock stehend berichtet er ihr, das da im Haus etwas vorgehe, eine Geiselnahme vermutlich. Sie suchen Schutz in einem benachbarten Gebäude und hoffen das Beste für ihre KollegInnen. Leider vergeblich.

Dokumentation einer psychischen Erkrankung

In den Tagen danach breitet sich neben der unendlichen Trauer auch eine große Leere in ihr aus, die ihre künstlerische Identität bedroht. Auf einer Seite so ziemlich am Anfang des Comic führt sie dem Leser das Drama vor Augen. Wie ein Rollgitter schiebt sich eine durchsichtige, aber unüberwindbare Barriere zwischen sie und der Kunst des Zeichnens. Im ersten Panel der folgenden Seite fragt sie sich am Arbeitstisch sitzend: »Wie ging das nochmal?«. Doch ihr Gedächtnisverlust betrifft nicht nur das Zeichnen, er ist total: Selbst an ihren eigenen Geburtstag muss sie von Freunden erinnert werden. Was ihr Mustapha, der ermordete Korrektor bei Charlie Hebdo, zu Beginn des neuen Jahres wünschte, sie weiß es nicht mehr.

»Die Leichtigkeit« von Catherine Meurisse bietet denn auch weniger eine ausführliche Schilderung der Ereignisse des 7. Januar oder einen Einblick in das Treiben bei »Charlie« davor. Es handelt sich vor allem um eine sehr persönliche Dokumentation einer psychischen Erkrankung: eine durch traumatische Umstände verursachte ›dissoziative Störung‹ (hier als Abspaltung von Erinnerungsanteilen). Diese ist für das unmittelbare Überstehen derartiger Momente sehr funktional. Früher oder später muss ein solcher Zustand aber überwunden, dem Unerträglichen ins Auge geblickt werden, um wieder ein normales Leben führen zu können.

Die heilsame Konfrontation mit dem Traumatischen

Die Autorin bestimmt den Ort dieser unausweichlichen Konfrontation mit dem traumatischen Realen selbst. Es ist das Feld das der bildenden Künste, wo die Schönheit und die Hässlichkeit der Welt immer schon eine seltsame wie faszinierende Einheit bildeten. Ausgeführt wird dies sowohl auf der Ebene der Handlung, als auch auf der ästhetischen Oberfläche des Comic. Meurisse findet Exil in der Villa Medici in Rom, besucht die Kunstmuseen und antiken Denkmäler der Stadt. Aber die Suche nach ihrer verlorenen Lebenslust wird auf eine harte Probe gestellt. Hass, Verfolgung, Enthauptungen und Ermordungen – die meisten Gemälde und Skulpturen spiegeln sich vor allem eins wider: eine Kulturgeschichte der zwischenmenschlichen Gewalt. Nur Grausamkeiten und keine Schönheit allenthalben?

Dennoch hat sich seit ihrer Ankunft in Rom etwas verändert, das weniger auf der Handlungsebene als vielmehr auf der Ebene der Wahrnehmung des Comic nachzuvollziehen ist. In Paris zeichnet sich die Künstlerin noch in ein schwarz-weißes, teils blau-grau aquarelliertes Umfeld. So signalisiert sie die vorherrschende Tristesse und bleierne Schwere ihres Gemütszustandes. Während ihrer Führung durch den Garten der Villa Medici ändert sich die Farbgebung fundamental. Die Bilder sind nun meist vollständig koloriert, das triste Blau-Grau-Schwarz-Weiß weicht Tönen der ganzen Farbpalette. So kehrt zunächst die Freundlichkeit der Welt in all ihren Farben zurück, dann auch ihre Schönheit. Nun erkennt sie auch bei ihren Museumsgängen die anderen großen Themen der Künste wieder. Die Liebe, die Leidenschaft, die Hoffnung ... Das »Gleichgewicht der Wahrnehmung« ist wieder hergestellt, wie es am Ende des Buches heißt.

Vielleicht liegt hier der entscheidende Unterschied zum Schicksal ihres Leidensgenossen, dem Zeichner Luz. Während dieser nach dem Attentat schnell seine (politische) Sprache wiedergefunden hatte und so eine großartige Karikatur wie der auf der Titelseite der ersten Charlie-Hedbo-Ausgabe danach entstehen lassen konnte, hat es Catherine Meurisse zunächst die Sprache verschlagen. Während er aber heute – so ist zu vernehmen – ein zutiefst gebrochener Mensch ist, hat sie die Leichtigkeit des Seins für sich wiederentdeckt. Nicht einfach nur Überleben, sondern das Leben feiern. Trotz allem, oder sogar deswegen.

Catherine Meurisse Die Leichtigkeit Carlsen, Hamburg 2015; 144 Seiten; Hardcover; 19,99€. ISBN 978-3-551-73424-2

09:58 18.01.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

M. Zehe

Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung; Vorsitzender der Wolgast-Jury (GEW) zur Darstellung der Arbeitswelt in Kinder- und Jugendmedien
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M. Zehe