"Eigentlich interessiert mich das nicht mehr"

Graphic Novel Cyril Pedrosas Comicroman "Jäger und Sammler" über nichts Geringeres als den Sinn des Lebens
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"Eigentlich interessiert mich das nicht mehr"
Der Alltag
Screenshot: Reprodukt

Man möchte dieser Fährte nur zu bereitwillig folgen, die der frankoportugiesische Comickünstler Cyril Pedrosa in seinem neuesten Comicroman »Jäger und Sammler« auslegt hat: In einer französischen Kleinstadt soll ein Flughafenprojekt realisiert werden, was die ansässige Bevölkerung in Gegner und Befürworter des Bauvorhabens spaltet. Wirtschaftliche Interessen kollidieren dabei mit ökologischen Werthaltungen. Doch Predrosa, von dem seine Sympathien für grün-alternative Lebens- und Politikentwürfe bekannt sind, verzichtet darauf, hier ein auf sozialen Antagonismen beruhendes Gesellschaftsportrait zu entwerfen. Er will nicht politisieren, d.h. polarisieren, auch wenn Politik und politisches Engagement in seinem neuesten Comic eine wesentliche Rolle spielen. Doch die eigentlichen Konflikte tragen die Protagonisten in erster Linie mit sich selbst aus, und somit scheinbar unvermeidlich auch mit ihren jeweils Nächsten.

Louis und Vincent, beide schon um einiges von ihren Jugendjahren entfernt, bilden dabei das Zentrum der Erzählung, während sich die Fotografin Camille – ein nicht weniger prominent dargestellter Charakter – wie eine Art teilnehmende Beobachterin an dessen Rand bewegt. Die beiden männlichen Figuren würden wohl auf einer Sympathie-Skala die beiden entgegengesetzten Enden besetzen, so hat sie Pedrosa jedenfalls in Szene gesetzt: Louis, bereits im fortgeschrittenen Pensionsalter, hat ein bewegtes Leben hinter sich, das gilt fürs Öffentliche wie auch fürs Private. Für seinen Lebensabend wünscht sich der einstmalige Kommunist und Gewerkschaftsaktivist, von den ewigen Kämpfen zwischen Gut/Richtig und Böse/Falsch verschont zu bleiben, und enttäuscht damit zwangsläufig seine alten Weggefährten aus den Sozialen Bewegungen. Das Scheitern seiner kommunistischen Ideale und die unzähligen Niederlagen der französischen Linken hat er verarbeitet, ebenso den frühen Tod seines einzigen Kindes und die bereits lange zurückliegende Trennung von seiner Frau. Ohne Reue, aber müde und ausgezehrt schaut er auf sein bisheriges Leben zurück. Trotz der Distanziertheit, mit der er nun die aktuellen Entwicklungen in seiner Stadt verfolgt, verfällt er nicht in Zynismus, stattdessen umgibt ihn eine fast liebevolle und gütige Aura.

Ganz anderes dagegen Vincent, ein Kieferorthopäde, der sich in einer akuten Phase einer Midlifecrisis befindet. Notorisch schlecht gelaunt, kettenrauchend und gotteslästerlich fluchend schlägt er sich so lala durchs Leben. Für die Bedürfnisse, Sorgen und Nöte seiner fünfzehnjährigen Tochter hat er meist kein Verständnis, sie »nervt« eben, auch wenn man seine aufrichtige väterliche Liebe spüren kann. Louis' lebenslanges Engagement fürs große Ganze würde er wohl nur mit einem müden Achselzucken quittieren, die Entscheidung seines Bruder Damien fürs Priesteramt findet er völlig idiotisch.

Camille, die durch ihre fotografischen Portraits der Protagonisten und anderer Figuren die kaleidoskopartig erzählte Geschichte zusammenhält, ohne dabei so etwas wie eine übergeordnete Erzählinstanz zu sein, ist dagegen mit Anfang dreißig noch relativ jung. Da sie sich – wie gesagt – eher etwas außerhalb der eigentlichen Handlung befindet, erfahren wir das meiste über sie und ihr bisheriges Leben nicht über die comictypische Kombination aus Bild und Schrift, sondern durch mehrmals eingeschobene Prosatexte. Die verraten uns, dass Camille vor Jahren ihr Studium geschmissen, sich von einem prekären Job zum nächsten gehangelt und ein paar mehr schlecht als recht laufende Beziehungen hinter sich gebracht hat.

Trotz ihres unterschiedlichen Alters eint Louis, Vincent und Camille die Frage nach dem Warum des Ganzen, oder anders ausgedrückt: Was ist der Sinn des Lebens? Und diese Frage stellt sich für die drei angesichts ihrer Einsamkeit umso nachdrücklicher.

Der Comic ist deswegen so schön und lesenswert, weil er trotz seiner Verhaftung im modernen Hier und Jetzt ein durch und durch mythologischer Text ist. Die vier Kapitel sind mit den Namen der Jahreszeiten betitelt und werden jeweils eingeleitet durch Kurzgeschichten, die von einem vor ca. 15.000 Jahren lebenden Urahn unserer Protagonisten handeln. Der Mythos versteht nämlich das menschliche Leben – individuell wie gesellschaftlich – nicht als eine fortschreitende Entwicklung, sondern als eine Wiederholung des ewig Gleichen bzw. als einen Kreislauf, in dem sich Anfang und Ende, Gut und Schlecht etc. nicht wirklich unterscheiden lassen (wie die Jahreszeiten eben). Wichtig ist, dass man die Gesetze des ewigen Zyklus erkennt und anerkennt. So gesehen, sind wir auch heute noch die Jäger und Sammler, die wir schon vor tausenden von Jahren waren. Zwar haben sich die Existenzbedingungen des Menschen seitdem drastisch verändert, im Grunde ist er aber der Gleiche geblieben und wird es wohl auch bleiben. Das heißt, dass die utopischen Träume des jungen Louis' von einer grundlegenden Veränderung der sozialen Verhältnisse unrealistisch waren. Aber seine Kämpfe waren deswegen noch lange nicht sinnlos, weil sie seinem Leben einen Halt, eine Orientierung gaben. Als alter Mann bereut er jedoch, den Dingen links und rechts seines geradlinigen Weges zu wenig Beachtung geschenkt zu haben. Für die junge Camille, die sich beinahe aufgegeben hat, stellt sich die Sache anders da. Sie stürzt mithilfe ihrer Leidenschaft zur Fotografie zurück ins Leben, beteiligt sich an den gewerkschaftlichen Protesten gegen ›Umstrukturierungsmaßnahmen‹ in einer Fabrik für Glasfassaden und findet dabei schließlich auch ihr privates Glück. Selbst der übellaunige Vincent sieht im Gespräch mit seinem Bruder ein, dass er aufhören muss, den ganzen Tag »Tischtennis zu spielen«, was wohl heißen soll: sich von seiner zynischen Sicht auf die Welt zu befreien und an die Möglichkeit zu glauben, die Dinge zumindest im Kleinen bewegen und im besten Falle auch verbessern zu können.

Pedrosas comicale Antwort auf die ›große Frage‹ trägt also eine existenzialistische Botschaft im Geiste des Philosophen Albert Camus mit sich: Dieser berief sich ja auch auf den Mythos (des Sisyphos). Er meinte, dass wir gerade durch die Annahme unserer vermeintlich sinnlosen Taten und Handlungen in ihren ewigen Wiederholungen ein selbstbestimmtes Leben führen könnten. Diese abstrakte philosophische Einsicht Camus überführt »Jäger und Sammler« in feinfühlig erzählte und herausragend visuell gestaltete Geschichten, gibt ihr individuelle Gesichter und verankert sie in die konkreten sozialen Kämpfe der heutigen Zeit. Vielleicht ist das Leben ja tatsächlich wie Fahrradfahren, wie Camille am Ende des Comicromans meint. Es mag manchmal anstrengend sein, und ich erreiche damit vielleicht nicht alle gewünschten Orte, aber: »Wenn ich aufhöre zu treten, falle ich.«

(Eine Leseprobe des besprochenen Comics gibts hier: http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/jager-und-sammler/)

Cyril Pedrosa: Jäger und Sammler, Reprodukt, Berlin 2016.

336 Seiten, farbig, 20,5 x 27 cm, Hardcover

ISBN 978-3-95640-044-5

Aus dem Französischen von Marion Herbert

39 EURO

10:46 20.09.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

M. Zehe

Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung; Vorsitzender der Wolgast-Jury (GEW) zur Darstellung der Arbeitswelt in Kinder- und Jugendmedien
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M. Zehe

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