Ein Mann von gestern

Comic, Graphic Novel In DER ARABER VON MORGEN dokumentiert R. Sattouf mit viel Humor und einem feinen Sinn für kulturelle Differenzen seine Erinnerungen an eine in Syrien verbrachte Kindheit.
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Riad Sattouf – Sohn eines syrischen Vaters und einer französischen Mutter – zeichnete bis kurz vor dem Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo (2015) beinahe zehn Jahre für die Zeitschrift ätzend sozialkritische Karikaturen und Comicstrips. Seit seinem Weggang von Hebdo hat er sich ganz dem grafischen Erzählen in längeren Formaten verschrieben (und nebenbei noch ein paar Filme gedreht), wobei ihm insbesondere seine mehrbändige Reihe DER ARABER VON MORGEN weltweiten Ruhm eingebracht hat. Seit Erscheinen des ersten Bandes 2014 in Frankreich wurde die Comicreihe mittlerweile in siebzehn Sprachen übersetzt. Woher kommt dieser Erfolg?

Zum einen zeigt sich wieder einmal, wie wunderbar grafisches und autobiografisches Erzählen miteinander harmonieren (können), angetrieben von einem meisterhaften Spiel mit kulturellen und zeitlichen Differenzen: Der Autor dokumentiert hier seine Erinnerungen an eine Kindheit, die er die meiste Zeit in zahlreichen arabischen Staaten verbrachte, insbesondere in Syrien, woher sein Vater stammte und wo dieser als Wissenschaftler und Lehrbeauftragter wirkte. Nun bekommt der/die (vielleicht mit einem kosmopolitischen Selbstverständnis ausgestattete) europäische Leser*in im Folgenden keine literarische Schonkost serviert – im Sinne eines grenzüberschreitenden Verständnistransfers hinsichtlich arabischer Lebensweise und der dortigen politischen Verhältnisse, nach dem Motto: alles gar nicht so anders und so schlimm dort.

Ganz im Gegenteil befremdet vieles an den Schilderungen aus den Augen des siebenjährigen Riad: die hemmungslose Gewalt der Lehrer gegenüber den Schüler*innen, das von Entbehrung und Mangel geprägte Leben in Syrien selbst in einer Familie, die zur höheren Mittelschicht gerechnet werden dürfte, der allseits präsente Antisemitismus in den arabischen Gesellschaften, die untergeordnete Stellung der Frau in ebenjener usw. Aber der Autor weiß um diese Problematik, und er weiß – sonst wäre es ja keine Kunst – mit unseren Erwartungen zu spielen und den Leser*innen im passenden Moment den Spiegel entgegenzuhalten: Während etwa im ersten Band der Serie eine kleine Gruppe minderjähriger Syrer auf der Straße einen putzigen Welpen misshandelt und ihn schließlich mit der Mistgabel aufspießt, wird im dritten Band von einer Frankreichreise mit der Mutter berichtet, bei der eine Bekannte dem Jungen ein niedliches Katzenbaby andrehen möchte und, als Riads Oma dankend ablehnt, das Kätzchen und seine Geschwister erschlägt und in die großelterliche Mülltonne wirft. Dabei irritiert nicht zuletzt die Reaktion der Großmutter, die sich einzig über die ungefragte Benutzung ihrer Mülltonne beschwert. Wer ist hier eigentlich „anders“ und v.a. anders als wer?

Darüber hinaus ist der ARABER VON MORGEN einfach brüllend komisch. Man sieht hier eine weitere „Herkunft“ Sattoufs am Wirken, nämlich sein jahrelanges Mitwirken an dem politischen Satiremagazin Hebdo, welches im Vergleich zu ähnlichen deutschsprachigen Angeboten (Titanic, Eulenspiegel) viel gnadenloser und politisch unkorrekter daherkommt. Das humoristische Zentrum bildet im vorliegenden Buch zweifellos die Darstellung des Vaters, der zwar hochgebildet ist und über einen Doktortitel verfügt, aber in zwischenmenschlichen Belangen fast immer und in beinahe jeder Hinsicht versagt. An einem sich durch diesen Band ziehenden Leitmotiv – der bevorstehenden Beschneidung Riads – zeigt sich zudem, dass der Vater auch Opfer seiner Verdrängungen und seines Männlichkeitsideals geworden ist: Gern und immer wieder maskulinistische Töne spuckend versteckt er sich während der Beschneidungszeremonie seiner Söhne weinend und zitternd im Abstellschrank. Der Mann, der gern der charismatische Führer der kommenden (pan-)arabischen Nation geworden wäre, ist hier, was er eigentlich die ganze Zeit über schon war: ein erbärmliches Häuflein Elend. Es ist zum Lachen wie zum Weinen, nicht zuletzt, weil man solcherlei narzisstisch geprägten „Führungspersönlichkeiten“ im öffentlichen Leben zuletzt auch in Europa wieder häufiger begegnet.

Riad Sattouf: Der Araber von morgen, Vol. 3 (1985-1987), Knaus 2017. Klappenbroschur, 150 Seiten, 19,99€

ISBN: 978-3-8135-0766-9

14:01 06.02.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

M. Zehe

Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung; Vorsitzender der Wolgast-Jury (GEW) zur Darstellung der Arbeitswelt in Kinder- und Jugendmedien
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M. Zehe

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