Eternauta und die Krise des Peronismus

Comic und Politik Wer die Ausstellung zum Mythos der argentinischen Comic-Serie »ETERNAUTA« im Literarischen Colloquium Berlin besuchen möchte, hat dafür nur noch Zeit bis zum 10. Juli.
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Titelbild©avant-verlag, Berlin

Noch bis zum 10. Juli beherbergt das Literarische Colloquim Berlin eine kleine, aber feine Ausstellung zum Comic »ETERNAUTA« und seiner Rezeptionsgeschichte. Deren Besuch sei an dieser Stelle allen literarisch wie politisch Interessierten ans Herz gelegt. Es existiert nämlich ein interessanter Mythos um die von Hector Oesterheld und Francisco Solano López geschaffene Comic-Serie, die von einer Gruppe von Menschen handelt, welche einer Invasion intergalaktischer Conquistadores verzweifelten Widerstand entgegensetzt. Der Mythos besagt, dass von den Comickünstlern etwas vorweg genommen bzw. ›gesehen‹ wurde, was heute wiederum traumatischer Bestandteil der argentinischen Erinnerungskultur ist: die Zeit des »Staatsterrorismus« (so der Historiker M. Riekenberg) zwischen 1976 und 1983, in der rechtsgerichtete Militärs einen regelrechten Krieg gegen einen Teil der eigenen Bevölkerung führten. Insbesondere Oesterhelds eigenes Schicksal gibt dieser Mythisierung Nahrung, da er kurz nach Veröffentlichung einer Fortsetzung der Serie in den Untergrund ging, um gegen das Militärregime zu kämpfen, und nach seiner Verhaftung ermordet wurde (vermutlich 1978/9). In einem Nachwort der deutschsprachigen Gesamtausgabe der (Ur-)Serie schreibt die Soziologin Estela Schindel: »Es ist beinahe undenkbar, den ETERNAUTA […] nicht als erstaunlich antizipatorisches Porträt der argentinischen Gesellschaft unter der Militärdiktatur zu lesen.« Haben wir es hier tatsächlich mit einer solchen Vorahnung des Unaussprechlichen zu tun, das Argentinien Ende der siebziger Jahre heimsuchte? Hat die Geschichte die Literatur kopiert? Es wäre in der Tat unfassbar.

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Héctor Germán Oesterheld (1919-1978[?]) im Jahr der Erstveröffentlichung von »ETERNAUTA«/Foto©wikimedia

Darauf lässt sich am besten antworten, wenn man den Comic auf den unmittelbaren sozialen und politischen Kontext seines erstmaligen Erscheinens bezieht und zumindest nicht gleich auf die spätere Zeit der Militärdiktatur anlegt, die er ja angeblich vorausahnen soll. Erschienen ist die Comicserie erstmals in den Jahren 1957 bis 1959, knapp zwanzig Jahre vor der Machtergreifung der Junta um General Videla.

Das zentrale erzählerische Motiv ist der Konflikt zweier planetarischer Welten, die sich unversöhnlich gegenüberstehen, wobei die Machtverhältnisse relativ schnell zuungunsten der Erdbewohner geklärt sind. Und wer nicht aufgrund des radioaktiv verseuchten Niederschlags, der die Invasion ›vorbereitet‹, sofort den Tod findet, wird früher oder später aufgrund der Überlegenheit der außerirdischen Eindringlinge sterben oder versklavt werden. Nur Juan Salvo, der in Buenos Aires den Widerstand organisiert, gelingt es, sich mithilfe einer Zeitmaschine dem Zugriff seiner Häscher zu entziehen. Die Rückkehr zu seiner Familie (vier Jahre vor der Invasion) entpuppt sich allerdings nur als Scheinlösung, da Salvo sein Gedächtnis verloren hat und die Menschen nicht vor der anstehenden Gefahr warnen kann. Der Erzähler der Rahmenhandlung fragt, wie sich das Unvermeidliche doch noch aufhalten ließe. Es ist plausiblerweise anzunehmen, dass sich diese Frage direkt an den Leser richtet. In ihr steckte dann die ganze politische Sprengkraft des »ETERNAUTA«: Wie der Wiederholung, die Zirkularität von Geschichte entkommen? Haben wir es hier tatsächlich mit einem mystischen, weil unbegreiflichen Fingerzeig Oesterhelds auf die Zukunft zu tun?

Wer den Comic allerdings zuerst von seinem Ende her denkt, übergeht die unmittelbare Gegenwartsbezogenheit des Textes: Die argentinische Gesellschaft ist zum Erscheinen der ersten Ausgabe (1957) zutiefst gespalten. Diese Spaltung zeigt sich in einer ›Anomalie‹ des politischen Systems, aufgrund derer sich die politischen Identitäten nicht einfach auf der klassischen Konfliktlinie links/rechts abbilden lassen. Wichtiger ist vielmehr der Antagonismus zwischen Anhängern und Gegnern Juan Perons, der Argentinien zwischen 1946 und 1955 erstmals regierte und mit einer linksnationalistischen und sozialreformerischen Agenda v.a. die Arbeiterschaft für sich gewinnen konnte. Als zu Beginn der fünfziger Jahre der Peronismus scheinbar abgewirtschaftet hatte, intensivierte sich der Konflikt zwischen den Anhängern Perons und dessen Gegnern, die einer seltsamen Allianz, von rechts (Konservative) bis links (Kommunisten) reichend, vereint waren. Den konservativen Militärs, die den populistischen Präsidenten schließlich aus dem Amt putschten, gelang die ›Befriedung‹ der argentinischen Gesellschaft freilich nicht. Im Gegenteil, die innergesellschaftlichen Konflikte wurden gewaltsamer und multiplizierten sich (auch innerhalb der beiden politischen Lager).

Eine mögliche Lesart des »ETERNAUTA« bestünde daher darin, den Comic als Allegorie auf die große Krise des Peronismus Mitte der fünfziger Jahre zu lesen, und zwar – und das ist das Entscheidende! – aus einer (links-)peronistischen Perspektive. Denn Oesterheld erweist sich nicht als neutraler Beobachter des sozialen Raums. Das Politische der Comicserie besteht vielmehr in der Teilung des Raums in ein Innen und ein Außen, ein Unten und ein Oben, ein Wir und ein Sie. Dort also die Invasoren, die Fremden, die nicht konsensualisierbaren Anderen, deren reine Präsenz ›unserem‹ Überleben entgegensteht. So wie der Peronismus von einer merkwürdigen Ambivalenz durchzogen ist, geht es auch der Diegese des Comic: Der chaotische, gewaltsame Zustand der argentinischen Gesellschaft (in der Realität wie im Comic) lässt sich nur durch das Bild eines inkommensurablen Anderen, mit dem keine Verständigung möglich scheint, erklären. Im Comic sind es die Außerirdischen. Sie ›existieren‹ außerhalb jeder Fokalisierung, sind nie zu sehen, geschweige denn zu hören. Ihre Angriffe führen sie über ferngelenkte Waffensysteme, unterworfene Völker und technisch manipulierte »Robotermenschen« aus. Sie sind einfach nur die Anderen. Wer sind aber die Anderen des Peronismus? Zum einen die da oben, also die Vertreter des Establishments und die konservativen Teile des Militärs. Vor allem sind es aber die da draußen, insbesondere die Vereinigten Staaten, auf die Oesterheld hier über die Umwege von Metapher und Metonymie zeigen will. Die USA avancierten während des zweiten Weltkriegs zum äußeren ›Lieblingsfeind‹ des argentinischen Nationalismus, u.a. weil diese gegen das vermeintlich profaschistische Argentinien ein schmerzhaftes Handelsembargo verhängten, und sie blieben es auch zur Zeit der peronistischen Ära.

Wer nun aber dem Autor revanchistische Tendenzen vorwerfen möchte, sollte sich vergegenwärtigen, dass »ETERNAUTA« als ein Fanal zu verstehen ist an die zur Zeit des argentinischen Schismas völlig zerstrittene peronistische Bewegung, sich zu einigen und Widerstand zu leisten. Insofern ist die ›futuristische‹ Lesart, die den Comic auf die Situation zwanzig Jahre später bezieht, zwar vollkommen anachronistisch, aber in politischer Hinsicht dennoch plausibel: Dass die äußere Bedrohung, ein wesentliches Moment in der populistischen Rhetorik Perons, kein reines nationalistisches Hirngespinst war, zeigte sich spätestens bei der Machtergreifung der Generäle im Jahre 1976, die im Rahmen der ›Operation Condor‹ maßgeblich von Seiten der damaligen US-amerikanischen Regierung unterstützt und (mit-)organisiert wurde.

Auch wenn die Geschichte wohl nicht die Literatur kopiert hat: »ETERNAUTA« hat einen prophetischen Charakter, weil hier aus ihrem Innen heraus die Grenzen der peronistischen Bewegung erkannt und aufgezeigt wurden. Solange sich die argentinische Oligarchie und ihre politischen Verbündeten auf internationale Unterstützung verlassen konnten, war an eine dauerhafte progressive Umgestaltung der Gesellschaft im Sinne des Linksperonisten Oesterheld kaum zu denken. Der aufgrund dessen kaum zu befriedende soziale Antagonismus machte denn auch die Wiederholung von Geschichte möglich, die sich allerdings in einer schrecklich pervertierten Form realisierte.

Héctor Germán Oesterheld/Francisco Solano López: Eternauta, Avant 2016, 392 Seiten.

ISBN: 978-3-945034-35-4

Anbei noch ein Link zu einem interessanten Interview mit dem Herausgeber der deutschsprachigen Ausgabe des »ETERNAUTA«, Johann Ulrich.

http://www.swr.de/swr2/kultur-info/argentinische-graphic-novel-im-literaturhaus-stuttgart-die-junta-und-die-kraft-des-comics/-/id=9597116/did=16809212/nid=9597116/1mu68ba/index.html

09:07 05.07.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

M. Zehe

Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung; Vorsitzender der Wolgast-Jury (GEW) zur Darstellung der Arbeitswelt in Kinder- und Jugendmedien
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M. Zehe

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