Wahre Vorbilder!?

#GauchoGate Warum übertrieben sensibel im Zweifelsfall besser als übertrieben naiv ist
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Wahre Vorbilder!?

Bild: Markus Gilliar - Pool /Getty Images

Sie sind zurück! "Unsere Jungs"! "Unsere Weltmeister"! "Unsere Vorbilder"! So zumindest die offizielle Lesart. Der DFB hoffte schon direkt nach dem Final-Spiel, dass Kinder und Jugendliche, wie einst nach dem Weltmeister-Titel 1990, die Fußball-Clubs der "Nation" stürmen werden, um ihren Vorbildern nachzueifern.

Nun haben Vorbilder allerdings auch eine gewisse Verantwortung gegenüber ihren fanatischen Anhängern [kurz "Fans"]!

Wenn ein Teenie-Idol beim Rauchen erwischt wird, dann ist die mediale Empörung oft groß. Alkohol und Dope scheinen eh nur den Rock-Rentnern erlaubt zu sein. Da wurden Drogen-Exzesse quasi vorausgesetzt. Und wenn sich eine junge Sängerin Jahrzehnte nach Cher und Madonna halbnackt in sexy Posen zeigt, dann wird ein Fass aufgemacht, als wäre es das allererste Mal, dass eine weibliche Sängerin so etwas getan hat, um die Verkäufe ihrer Platten [Kurzform von Schallplatte, auch bekannt als Vinyl, Vorgänger der CD, welche wiederrum von der Mp3 abgelöst wurde. Spotify für Alte.] anzukurbeln.

Und obwohl die meisten Beobachter es denken, so verteidigen nur die wenigsten diese Opfer der Medien. Kaum einer sagt dann Sätze wie:

"Jetzt lasst sie doch erst einmal Mal ausgiebig feiern! Sie ist doch noch jung. Das kennen wir doch alle!"

"Schon wieder diese Spielverderber. Darf er sich nicht über seinen Erfolg freuen?"

"Verstehe euch nicht. Immer nur meckern. Sie kann doch stolz auf ihren wunderschönen Körper sein!"

"Boah ey. Was könnte ich mich über all die Hater aufregen. Ihr seid doch nur neidisch, ey! Der ist doch voll cool!"

Unter kritischen Artikeln über Musiker und anderen Promis springen die meisten Kommentatoren eher auf den fahrenden Zug auf und spotten ihrerseits über die Verfehlungen dieser "Künstler". Wohlwissend, dass sich das eigene Privatleben sicher auch nicht für eine Karriere als "Vorbild" eignen würde, würde man sie auf Schritt und Tritt mit Kameras belagern und aus jedem Besäufnis einen großen Aufreger machen: "Er greift schon wieder zur Flasche! Wie lange geht das noch gut?"

Und das, obwohl die meisten Musiker und andere Künstler – im Gegensatz zur Nationalmannschaft – nicht staatlich(!) zu nationalen Vorbildern herangezüchtet und in dem Ausmaß instrumentalisiert werden. Zumindest gehört Kultur nicht zum Aufgabengebiet des Innenministeriums! Und noch nie waren Politiker beim Eurovision Song Contest, beim World Music Award oder bei den Oscars, um den "nationalen" Künstlern und Kulturschaffenden die Daumen zu drücken. Dieses gegenseitige Groupie-Verhältnis gibt es nur zwischen der Politik und dem geförderten Sport. Nicht grundlos sind die meisten Olympioniken Soldaten oder Polizisten von Beruf.

Wenn nun eine Nationalmannschaft von ihrem WM-Sieg nach Hause kommt und eine staatstragende, "nationale" aber auch extrem kommerzielle Siegesfeier vor dem Brandenburger Tor organisiert bekommt, dann sollte man ein wenig vorbildliches Verhalten erwarten dürfen.

Und war dieser "Gaucho-Tanz" vorbildlich? Nein! Sind sie deswegen rechte Nazis? Nein! Sind ihre schwarz-rot-goldenen Fans alle rechtsradikale Nazis? Nein! Sind Argentinier deswegen dauerhaft beleidigt? Nein! Aber kann so ein geschmackloser Tanz rechtsextremes Gedankengut fördern? Leider ja!

Wenn schon das bloße Endergebnis des WM-Finales zu etlichen rechtsextremen Vorkommnissen in Deutschland geführt hat, dann kann man leider davon ausgehen, dass sich diese Idioten auch durch solche Tanzeinlagen ermutigt fühlen.

Es geht hier nicht darum, ob hier ein Land beleidigt wurde. Es geht darum, dass so ein Verhalten nicht Vorbild sein darf. Die Argentinier werden es "uns" verzeihen. Aber wir müssen mit den Idioten leben, die so etwas "cool" finden und vermutlich sogar nachmachen werden. Auch zu anderen Anlässen. Zu anderen Themen. Und ganz generell.

Es ist unsere Gesellschaft, um die wir uns Sorgen machen sollten!

17:31 16.07.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Harm

queer dissenting artist - twittert unter @HarmNeitzel
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Harm

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