Über die perfide Logik von Schuld und Gewalt

Bloch: Das Labyrinth Der Fernsehfilm gibt mit schauspielerischer und dramaturgischer Brillanz Einblicke in die perfide Logik einer sadomasochistisch angelegten dysfunktionalen Paarbeziehung.
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Das Labyrinth ist die vorletzte Folge der seit 2002 in unregelmäßigen Abständen ausgestrahlten Fernsehfilm-Reihe „Bloch“. Darin war der kürzlich verstorbene Schauspieler Dieter Pfaff bislang 23 Mal in der Hauptrolle des Psychotherapeuten Maximilian Bloch zu sehen. Gedreht wurde Das Labyrinth im Sommer 2012, noch vor der letztendlich tödlichen Krebserkrankung von Pfaff, doch aufgrund der Ausstrahlung kurz nach dem Tod des Hauptdarstellers avancierte die Folge zu einer Art Vermächtnis für Pfaff und die von ihm gespielte Figur. Es zeigte sich zum wiederholten Mal die herausragende Qualität dieser Fernsehserie.

Die Anfangsminiatur steht für das Ganze

Ein Wasserhahn wird geöffnet, klares Wasser läuft ins Waschbecken des Badezimmers, es vermengt sich mit dicken Tropfen Blut. Zwischenschnitte auf Jens, gespielt von Devid Striesow, der sich verzweifelt und atemlos um Fassung ringend in der Küche über der Spüle krümmt. Andrea (Birgit Minichmayr), seine Freundin, hält sich vor dem Spiegel die blutende Nase, das Make-up ist verwischt. Mit einem Handtuch beseitigt sie die gröbsten Spuren aus ihrem Gesicht, ohne jede Scheu blickt sie dabei in ihr Spiegelbild. Ihre Handlungen sind bedacht und kontrolliert, sie strahlen Routiniertheit aus und der Zuschauer könnte meinen, er würde ihr beim abendlichen Abschminken zusehen. Andrea wechselt in die Küche zu Jens. Dieser verbleibt in höchster Erregung, er traut sich kaum, den Kopf in ihre Richtung zu drehen. Wenn er es doch tut, dann nur für einen kurzen Augenblick, bevor er wieder in die Abgewandtheit zurückrastet. Mühsam die körperliche Beherrschung wahrend schwingt er hin und her, entschuldigt sich wiederholt, fast flehentlich. Andrea geht nicht auf die Entschuldigungen ein, sie ist nahezu emotionslos, doch in der Kombination von Lakonie und Opferhaltung wirkt die Aussage umso stärker: „Du brauchst Hilfe Jens. Wir sind nicht mehr sicher, ich und das Baby.“ Er verspricht hinzugehen. Zu Bloch.

Zur Grundstruktur einer sadomasochistischen Beziehung

Wie Striesow und Minichmayr dieses Paar spielen, wie sie schon in den Anfangsminuten die sich erst später in aller Ausführlichkeit erschließende perfide Struktur ihrer Beziehung aufzeigen, ist großes Schauspiel. Man möge sich nach dem Ende des Films, wenn das Rätsel um ihre Dynamik weitestgehend gelöst ist, nochmals diese Anfangsszene ansehen, auf youtube sind Versionen zu finden. Hinter der eindeutigen Rollenverteilung von Opfer und Täter in dieser Geschichte, die sich nur vordergründig um körperliche Gewalt dreht, lauert das Grauen einer auf Manipulation, Abhängigkeit und Sadomasochismus basierenden Beziehung.

Andrea, das Opfer körperlicher Gewalt, besitzt praktisch die gesamte Kontrolle, während Jens’ einziges Mittel, sich der fortwährenden Manipulationen und Vorwürfe zu erwehren und ein Ventil für die aus der Hilflosigkeit resultierenden Aggressionen zu finden, im Zuschlagen besteht. Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Film (und auch der Autor dieses Artikels) verurteilen körperliche Gewalt ohne Einschränkungen. Für eine angemessene Lesart, soviel sei gesagt, sollten zwei Aspekte im Hinterkopf behalten werden: die Unterscheidung zwischen Rechtfertigung und Erklärung, sowie die Überzeugung, dass Gewalt in unterschiedlichen Varianten existiert. Das Labyrinth ist ein Diskurs über die Gewalt, welche man sich selbst und anderen antut, über die Formen, in denen sie auftreten kann, über deren Aufeinanderbezogenheit und die dahinter stehenden psychodynamischen Konflikte. Hier in erster Linie: Schuld. Diese ist die treibende Kraft von Andrea's Konflikten, sie hält sämtliche Fäden in der Hand. Jens scheint diesen Zustand in Kauf zu nehmen, weil er wenig Selbstvertrauen im Umgang mit Frauen besitzt und durch Andrea den Zugang zu einer ihm ansonsten verschlossenen sexuellen Welt gesichert sieht. Seine Motive jedoch verbleiben meist im Unklaren und er handelt überwiegend reaktiv.

Die paradoxe Logik von Andrea's Handeln

Neben der jederzeit zu sanktionierenden körperlichen Gewalt spielen das manipulative Einsetzen bzw. Entziehen von emotionaler und sexueller Zuneigung, das Ausspielen von Machtpositionen und der zielgerichtete Gebrauch von Abwertungen und Schuldzuweisungen eine wichtige Rolle. Etwas globaler gesprochen könnte man sagen: In Das Labyrinth wird der äußerst schmerzhafte und zerstörerische Prozess von fehlgeschlagener Kommunikationdargestellt. Andrea ist sich im Unklaren darüber, was sie von einer Beziehung will und was sie mit ihren Handlungen bewirkt. Das Maß an selbstschädigendem Verhalten ist enorm und ihr Arsenal an Werkzeugen von einer mephistophelischen Brillanz. Auf diese Weise macht sie das Funktionieren einer Beziehung unmöglich, zugleich provoziert sie Jens auf verschiedenste Weise bis zu dem Punkt, an dem er sie schlägt. Darüber hinaus täuscht sie als Druckmittel gegen Jens eine Schwangerschaft vor, später wird sie Bloch der Vergewaltigung beschuldigen, weil er ihr System zu durchschauen beginnt. Auch ein Selbstmordversuch, bei dem sie sicherstellt, dass sie rechtzeitig gefunden wird, zählt zu ihrem Repertoire.

Andrea trägt, wie sich später erschließt, tiefe Schuld mit sich. Diese Schuld, welche nie thematisiert und noch viel weniger aufgearbeitet wurde, zwingt sie in Beziehungsstrukturen, die ihr selbst und ihrem Gegenüber Schaden. Ihre Tat liegt ungesühnt wie ein bleierner Deckel auf ihrem Leben und bestimmt ihre unbewusste psychische Dynamik. Andrea gönnt sich das glückliche Leben nicht, welches sie einer anderen Person für immer unmöglich gemacht hat, das hält sie in einem Wiederholungszwang gefangen. Diese Erkenntnis lässt sich allerdings nur aus ihren Handlungen herausdestillieren, es existiert keine bewusste Einsicht ihrer selbst. In dem Maße, wie ihre fortwährende Produktion eigenen Leids ein unbewusstes Eingeständnis der ungesühnten Schuld ist, so versucht sie auch, sich dieser Schuld zu entledigen: Stets gelingt es ihr, die Ursachen für das eigene Unglück in den Handlungen der anderen zu sehen. Zu einer paradoxen Erfolgsgeschichte erwächst dieses Prinzip, weil Andrea mithilfe ihres perfekt funktionierenden Arsenals an manipulativen Mechanismen ihre Gegenüber dazu bringt, sich tatsächlich oder vermeintlich (dann in ihrer Darstellung) schlecht zu verhalten. Das Glück, welches sie sich nicht gönnt, verhindert sie selbst; das ist ihre masochistische Seite, sie muss immer wieder zu der Schuld zurück und bleibt ihr verhaftet. Das sadistische Element ihres Handels besteht darin, stets Jens die Schuld zu überantworten und all seine Versuche, die Beziehung zum Funktionieren zu bringen, mit einer Meisterhaftigkeit zum scheitern zu bringen, die fröstelnden Respekt abverlangt. Das ist als der Versuch zu verstehen, der Schuld zu entkommen. Jens wiederum lässt es zu, dass er bis zur Gewalttätigkeit provoziert wird.

Ethik des Alltags und der Therapie

Gottseidank!, so möchte man rufen, sind Andrea und Jens an ein therapeutisches Kaliber vom Schlage Maximilian Bloch geraten. Er lässt sich weder durch private Probleme noch durch Andrea’s Angriffe von seinem Weg abbringen und verweigert sich bis zur Selbstaufgabe einer einfachen Lösung. Die Weite seines Herzens und die Schärfe seines Blickes sind nötig, um dem Problem ohne falsche Zugeständnisse an die Erfordernisse des therapeutischen Alltags oder an narzisstische Bestätigungen auf den Grund zu gehen. Das nötigt größten Respekt ab und trägt nichts weniger als die Aufforderung in sich, gerade im Leben außerhalb des Films seine Gegenüber mit offenem Blick als das anzuerkennen, was sie oftmals sind: verletzte, hilflose oder verzweifelte Wesen mit einer eigenen Geschichte und einem eigenen Schmerz.

02:26 28.03.2013
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