RE: Lebe völlig ungeniert | 18.01.2022 | 19:00

Spricht man von Kommunikation, dann hat es Privatheit nie gegeben. Wie auch? Der Dialog mit Gott oder mit dem eigenen Ich mag privat sein, wo jedoch zwei Menschen miteinander kommunizieren, ist Öffentlichkeit. Hundertprozentige Privatheit, völlige Vertraulichkeit, absolute Geheimhaltung kann es dort nicht geben. Es muss ja nicht einmal ein Dritter mithören - mein Gesprächspartner ist frei darin, mit dem ihm von mir Mitgeteilten zu tun und zu lassen, was ihm beliebt. Ich kann ihn nicht daran hin­dern. Ebenso wenig kann ich verhindern, dass Inhalte unseres Zwiegesprächs auf anderen Wegen an Dritte geraten.

In Kenntnis dieser simplen Tatsache haben wir gelebt seit Menschengedenken. Wir haben unser Kommunikationsverhalten daran ausgerichtet, haben, je nach Bedeutung und Ver­traulichkeitsanspruch, unsere Kommunikationspartner, Kommunikationsorte, Kommuni­kationswege und Kommunikationsarten gewählt. Die Kulturtechniken zur Herstellung von Vertraulichkeit und Privatheit hatten wir wie selbstverständlich von klein auf zu erlernen und einzuüben.

Es war klar, dass die große (politische) wie auch die kleine (private) Verschwiegenheit nur unter Einhaltung strikter und gleichsam allen geläufiger Regeln funktionieren kann. Wir waren öffentlich, es sei denn, wir trafen Vorkehrungen, die Öffentlichkeit auszuschließen.

Das hat sich mit dem Volkszählungsurteil des BVerfG von 1983 grundlegend geändert. Mir scheint, dieses Urteil markiert den Beginn eines allmählichen und verheerenden Para­digmenwechsels im Verständnis von normaler Kommunikation. War bis dahin öffentliche Kommunikation der Normalfall und jedem irgendwie klar, dass private, vertrauliche Kommunikation zusätzlicher Vorkehrungen bedarf, so erklärte das Ge­richt nunmehr die Privatheit zum Normalfall.

Mit der Ausbreitung des Internets als dem Kommunikationsmedium schlechthin haben sich die Unterschiede zwischen analoger und digitaler Kommunikation gleichsam verflüs­sigt. Irgendwie ist alle Kommunikation, ist aller Informationsaustausch digital geworden. Statt zu telefonieren schicken wir SMS oder WhatsApp-Messages oder E-Mails oder sky­pen oder chatten. Digitalisierung ist zur technischen und auch mentalen Norm unseres Kommunikationsverhaltens geworden, ohne dass allerdings, und darin liegt m. E. eines der wesentlichen Probleme, unsere Kul­turtechniken der Herstellung von Vertraulichkeit und Privatheit darauf abgestimmt wor­den wären.

Stattdessen haben sich die Verhältnisse schlicht umgedreht: An die Stelle der Normalität des öffentlichen Raumes, in dem man sich Privatheit schaffen muss, ist die Normalität des privaten Raums getreten, aus dem heraus aus man sich Öffentlichkeit schaffen will. Die Kulturtechniken der Herstellung von Privatheit, die das BVerfG schüt­zen zu müssen meinte, werden so gar nicht mehr benötigt, weil das Individuum im digita­len Kommunikationsraum keinerlei physische Präsenz hat, stattdessen mit einer digitalen Identität in Erscheinung tritt und je nach Kommunikationskontext entscheiden kann, wie viel von seiner eigentlichen „wahren“ Identität in die Kommunikationsflüsse Eingang fin­det.

Die einstmals öffentlichen Rollenspiele des realen Lebens finden als private zunehmend im Netz statt, und gleichsam als Kompensation wird von uns in der Öffentlichkeit ein Höchstmaß an Authentizität er­wartet. Auf die Tyrannei der Intimität (Richard Sennet) folgt die Tyrannei der Authentizität.

RE: So wächst das Misstrauen | 18.01.2022 | 17:32

" Der Zusammenhang besteht darin, dass diese mRNA Behandlung dein Immunsystem triggern soll, auf einen kleinen Abschnitt eines Protiens des Virus zu reagieren. Dazu muss er a.) in Zellen eingeführt werden und dortb.) produziert werden. ... Durch die "Präsentation" der RNA auf der Oberfläche der zellen, reagiert das System. Da diese Präsentation durch deine eigenen Körperzellen erfolgt, ist die Gefahr einer Autoimmunerkrankung gegeben."

Ich will Ihnen Ihre Leiden natürlich nicht absprechen.

Aber was Sie da geschrieben haben, ist zumindest wirres Zeug.

Die mRNA enthält den genetischen Bauplan des kompletten Spike-Proteins. Dass nur Teile eines Proteins synthetisiert werden, hat die Evolution nicht vorgesehen und m.W.n. auch nicht praktiziert.

An der Oberfläche der Zelle wird nicht die mRNA präsentiert, sondern das Spike-Protein, das Antigen. Ob sich allerdings aus der Tatsache, dass dieses Antigen vom Körper selbst produziert wird, das Risiko von Autoimmunreaktionen ergibt, kann ich nicht beurteilen.

Vielmehr ist es wohl so, dass laut Studien der Charité das SARS-COV2-Virus eine überschießende Immunreaktion hervorrufen kann, die eine Vernarbung des Lungengewebes mit entsprechenden Langzeitfolgen bewirkt.

RE: Was bringe ich euch da bei? | 10.01.2022 | 18:39

"Wenn die Standards sich ändern, der Genitiv halt verschwindet"

Keine Sorge, der Genitiv überlebt wacker, allerdings in meist falscher Anwendung, wie bspw. "gemäß des", "entsprechend des" u. ä. ;-)

RE: Die Generalprobe | 09.01.2022 | 19:04

An Impuls- resp. Affektkontrolle mangelt es, zum Leidwesen mancher Zeitgenossen, wahrlich nicht. Umso erstaunter war ich über die erwähnte Faszination.

Vom Kreidefressen halte ich i. Ü. nicht sonderlich viel. Und Wasser nur bei Bedarf.

Gute Woche.

RE: Den Kollaps aufhalten | 09.01.2022 | 18:58

Das im Detail zu erläutern, würde ein Pamphlet erfordern, für das hier nicht der Platz ist.

Die Kurzfassung lautet: Dialektik von Basis und Überbau.

RE: Die Generalprobe | 07.01.2022 | 17:29

Ich habe mir gestern Abend die Doku "Sturm auf das Kapitol" bei der ARD gegönnt. Noch zu sehen in der Mediathek . Auf zeit.de gibt´s dazu auch eine Rezension.

Was mich über mich selbst dabei erschrecken ließ, war die Faszination für die Revolte. Man stelle sich vor, am 6. Januar 2021 hätte nicht rechter Mob das Kapitol gestürmt, sondern bspw. Occupy. Würden wir dann auch so urteilen?

RE: Den Kollaps aufhalten | 07.01.2022 | 17:10

"konsequenter Klimaschutz, wie ihn die Aktivisten fordern, beinhaltet ein negatives Wirtschaftswachstum, eine Reduktion des Konsums auf das minimal notwendige, aber das destabilisiert die Volkswirtschaft und reduziert die Steuereinahmen"

Ich halte Degroth unter den gegebenen Umständen für eine Illusion, und das aus drei Gründen:

1. Eine Warenökonomie, es muss nicht einmal eine kapitalistische sein, wird immer Wachstum benötigen und generieren.

2. Technischer Fortschritt generiert Wachstum. Eine stagnierende oder schrumpfende Wirtschaft wird man nur um den Preis einer erzwungenen allgemeinen gesellschaftlichen Stagnation erreichen können.

3. Nach aktuellen Prognosen wird die Weltbevölkerung bis 2100 auf ca. 10 Mrd. Menschen anwachsen. Der Erhalt von Bio- und Atmosphäre müsste also erkauft werden mit entweder massivster globaler Umverteilung oder mit weiterer Verelendung des globalen Südens.

RE: Musik für das gute Gewissen | 05.01.2022 | 18:45

"...Morddrohungen sind eine unverzeihliche Straftat, aber führen eben oft auch zu Fotomodell-Aufträgen für Luxuskaufhäuser oder an die Spitze von Radio-Charts..."

Sorry, das ist mir zu zynisch.

RE: Gegen die Klima-Resignation | 31.12.2021 | 08:20

Es ist nicht deine Aufgabe, die Arbeit zu vollenden, aber du hast nicht das Recht, dich ihr zu entziehen.

Rabbi Tarfon (zitiert nach Erich Fromm)

In diesem Sinne allen ein gutes 2022.