Hoffnung und Chancen

Terror in Paris Die Terroranschläge von Paris müssen eingeordnet und Konsequenzen gezogen werden. Der Versuch zu fassen, was Fassungslosigkeit erregt, wird zu einem Drahtseilakt

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Solidaritätsbekundung: Ein Schreibtisch im Europäischen Parlament
Solidaritätsbekundung: Ein Schreibtisch im Europäischen Parlament

Foto: PATRICK HERTZOG/AFP/Getty Images

Plötzlich ist er da. Er ist auch nicht neu der Terror, doch nun ist er in Europa und das Gefühl der Entfernung das ihn so oft in den Köpfen abstrahierte schwindet. Eigentlich ist es ja schändlich, aber eben auch verständlich, dass die Toten von Paris uns mehr treffen als jene die den blutigen Weg des militanten Islamismus in unser Nachbarland bereits säumen. Es existiert wohl doch: Das europäische Gesamtgefühl, plötzlich sind alle Charlie. Man kommt nicht umhin sich direkt indirekt angegriffen zu fühlen, da hilft auch keine deutsche Lethargie. Die Empathie siegt in Angesicht französischer Tränen. Zum Glück und endlich.

Die erste Reaktion auf die Anschläge sind Trauer und Solidarität. In atemberaubender Art wurde sie bewiesen beim Trauermarsch der ein Europa mimt das vereint steht gegen „das Böse“, islamistische Gewalt. Eine Täuschung? Im Sinne von Symbolpolitik ist das freilich ein denkwürdiger Moment wenn die Staatsspitze Frankreichs, Deutschlands, von Mali, Israel und Palästina u.A. dort eingehakt steht. Die Frage nach der Abwesenheit Obamas bleibt, zeigt aber auch womit wir es hier zu tun haben: Eine Tragödie die natürlich zuerst Europa in Zugzwang bringt. Bisher ohne die angebliche Weltpolizei USA. Doch es reicht nicht eine Einheit auf symbolischer Ebene zu demonstrieren. Bald ist es an der Zeit für Einheit der politischen Konsequenzen und deren Konsens wird wesentlich schwerer zu finden sein als der des emotionalen Affektes.

Nun werden Themen neu aufgerollt deren bürgerrechtliche Dimension unsere Grundrechte anbelangt. Denn sie kommt wieder, die Frage nach der Vorratsdatenspeicherung und einer Verschärfung der inneren Sicherheit. Einfach weiter machen wie zuvor, dafür ist es zu spät wenn der Terror sich nur ein und dreiviertel Stunden ins Flugzeug sitzen zu braucht um in Berlin anzukommen. Hier treffen wir den ersten Drahtseilakt den die europäische Politik bewältigen muss. Wo ist der Punkt an dem eine erhöhte Gefahr des Terrors die Einschränkung vom eigentlich unabdingbaren Rechten legitimiert? Wie weit heiligt der Zweck die Mittel? Die Forderung der rechten Front National in Frankreich nach der Todesstrafe ist das erste Symptom dieser schwierigen Frage die sich in Frankreich besonders stark auswirken wird wegen des großen rechts-links Kontrast der politischen Klasse. Hollande muss nun zeigen, dass es wirksame Alternativen gibt zu der rigorosen Politik die Marine Le Pen samt Anhängerschaft fordert. Mit aller Klarheit müssen solche Vorstöße verurteilt werden.

Auch in Deutschland kommt man nicht um das Gefühl herum, dass der weitere Verlauf des Terrors starken Einfluss haben wird auf den Wahlerfolg des äußeren rechten Flügels. Der Terror gibt den Rechtspopulisten neue Propagandainstrumente in die Hand. Die Presse Frankreichs versucht bereits der Instrumentalisierung der Toten durch Vereinigungen wie Pegida in Deutschland vorzubeugen. Sie erkennt die Parallelität in ihrem Nachbarland zur eigenen politischen Situation. Ihr Statement ist klar: Ihr seid nicht Charlie. Ihr seid die, die Charlie verachtet. Schön, dass sich auch die deutsche Presse und Politik anschließt. Ich bin positiv überrascht, dass ein Horst Seehofer der durchaus bei Pegida-Sympathisanten Wählerstimmen für seine Partei und die große Schwester CDU akquirieren könnte deutliche Worte findet, wenn er zur Absage der Demonstrationen in Dresden aufruft. So löblich all das sein mag wird es nur einen Weg geben das neue Propagandamittel der Rechten zu entkräften. Die Klärung der Frage nach dem Ursprung und damit auch einer Teilschuld am Terrorismus. Das ist der schwerste und gefährlichste Drahtseilakt den Politik und besonders auch die Gesellschaft selbst zu bewältigen hat.

Der Terror ist deshalb so schwer zu begreifen, weil er von Menschen verübt wird die im Endeffekt, und das ist mit aller Vehemenz zu betonen, psychisch krank sind. Es ist die Logik derer die keinen Respekt vor menschlichem Leben haben die man versuchen muss nach zu vollziehen. Es ist die kranke Denkweise von Menschen die aus irgendeinem Grund, den es eben zu finden gilt, nicht gefeit waren vor perfider Gehirnwäsche. Warum kommen Menschen überhaupt erst in die Situation anfällig zu sein für solch schreckliches Denken? Diese Frage rückt die Schuld auf die Seite der Gesellschaft. Dass sie dort auch berechtigterweise steht zeigt, dass es sie gibt, die deutschen Islamisten. Auch solche die einmal Christen waren oder Atheisten.

Der „Presseclub“ der ARD vom 11.01.2015. spricht hier einige Punkte an. Es ist inakzeptabel, dass der Staat seine Pflicht zur Bildung in Bezug auf den Islam versäumt hat. Es gibt keinen Islamunterricht an Schulen. Ihn einzuführen wären ein jetzt ein konsequenter Schritt. Der Staat hätte hier ein Mittel der Aufklärung und gäbe auch die Möglichkeit eines direkten Dialoges mit dem Christentum in Form von regelmäßigen gemeinschaftlichen Unterricht der auf die Gemeinsamkeiten der Religionen setzt und zeigt, dass Religion heute nur ein Ziel haben kann: Moral und Respekt dem Anderen gegenüber. Ein Schritt der dazu beitragen würde, dass keine muslimische Parallelgesellschaft entstehen soll die in ihrer Vielfalt der Auslegung des Koran Extremismus begünstigt. Diese Gefahr einer breiten radikalen Moslemgemeinschaft halte ich in Deutschland zwar für eher gering, trotzdem muss eingesehen werden, dass man vielleicht so die ein oder andere Jugendliche oder den Jugendlichen vor dem Schritt zum Dschihadismus hätte schützen können. Jeder einzelne wäre eine unendlicher Gewinn.

Wir brauchen endlich eine richtige abrahamitische Ökumene. Außerdem ist dieses Versäumnis natürlich ein Armutszeugnis für eine letztendliche Integration der muslimischen Menschen. Ein Versäumnis, das irreparablen Schaden angerichtet hat. Auch in Frankreich ist diese Integration mit Glaubensbezug noch lange nicht dort wo sie sein sollte. Ghettoisierung geben 2010 37% der Franzosen als wahrscheinliche Ursache der mangelnden Eingliederung der Muslime in die Gesellschaft an. Die sich verschlimmernde Problematik von Jugendarbeitslosigkeit betrifft besonders Muslimas und Moslems.

Dieser nationale Aspekt aber wird dem Thema nicht gerecht. Es ist besonders außenpolitisch und in einem beinahe nicht überblickbaren historischen Kontext zu sehen. In erster Linie ist es ein Problem der Globalisierung die diese Entwicklungen überhaupt erst möglich macht. Manch einer mag die These vertreten, dass der „Clash of Cultures“ unbedingt auch militante Bewegungen mit sich führt. Ob das stimmt oder nicht ist deshalb unklar, weil sich die Welt noch nie in einer vergleichbaren Situation befand. Die Ausdehnung der westlichen Kultur der letzten Jahrzehnte auf der Welt betrifft, gefördert von der Entwicklung der Kommunikationstechnik, mehr Perspektiven des Alltags und der Kultur denn je. Es ist nicht verwunderlich, dass er gewaltsame Reaktionen provoziert. Machen wir uns bewusst, dass in Deutschland 22% der Bürger mit einer Organisation sympathisieren die ihre Anhänger vor allem aus der haltlosen Angst vor einer „Islamisierung des Abendlandes“ speist. Die „Verwestlichung des Morgenlandes“ ist weit mehr Fakt. Mit diesen Überlegungen will ich natürlich den Terror nicht legitimieren. Sie stehen ausschließlich im Interesse des Begreifens mit dem Ziel der Vorbeugung.

An dieser Stelle will ich in einem kleinen Einschub noch auf ein Problem der Semantik hinweisen: Der dem Christentum zugetane Mensch nennt sich „Christ“, der mit jüdischem Glauben „Jude“. Extremformen nennen wir dem Zustand nach auch „extrem“ wie z.B. „extremer Christ“ etc.. Der Islam hat hier das Problem, dass man den „normal Gläubigen“ Muslima nennt oder Moslem, den Extremisten aber „Islamist“. Die Begrifflichkeit erweckt also bereits den ungerechtfertigten Anschein, dass der Islamist der durchschnittliche Gläubige des Islams wäre, so wie der „Christ“ eben der durchschnittliche Gläubige des Christentums ist. Da ich es nicht beweisen kann möchte ich zumindest die Frage stellen, ob das ein verqueres Bild des Islams unter weniger reflektierten Menschen nicht begünstigt.

Nun habe ich einen Teil der Verantwortung „des Westens“ an den Tragödien von Paris beleuchtet. Eine Mitverantwortung kann man, so bequem es wäre, nicht leugnen. Aber natürlich, die Schuld liegt nicht nur bei uns. Die populäre Äußerung „Das hat nichts mit dem Islam zu tun“ ist in seiner Formulierung nicht haltbar. Nein, es sind nicht meine ehemaligen Klassenkameraden und muslimischen Nachbarn, die haben nichts damit zu tun. Die breite Mehrheit der Muslimas und Muslime trifft keine direkte Schuld. Mit dem Islam zu tun hat das aber alles freilich. Es sind ja Islamisten, extreme Anhänger des Islams, die die Gräueltaten verübten.

Dem Islam fehlt etwas, das Judentum und Christentum haben. Eine zentralisierte Struktur mit maßgebender Instanz, wie der Vatikan oder der Zentralrat der Juden. Eine teils hierarchische Struktur würde Extremismus zwar keinesfalls komplett aus der Welt schaffen, aber auch hier gilt: Jedes Einzelschicksal, dass so vom Weg zur Gewalt abgehalten werden würde ist entscheidend. Im Terror ist es nun mal oft genau dieser eine der Unschuldige in den Tod reißt. Vielleicht wäre das eine Möglichkeit den Konsens eines pazifistischen Islams auf der Welt zu verbreiten. Das nämlich ist die einzige Lösung. Nicht die Unterdrückung islamischer Werte, sondern eine Neudefinition von hoher Instanz. Auch im Bezug auf die Rechte von Frauen und Homosexuellen. Denn diese Akzeptanz ist für den modernen Glauben unabdingbar.

Dieser Ansatz von einem zentralisierteren Islam hat den Fehler, dass die hypothetische Instanz von den Extremisten eher nicht anerkannt werden wird. Das ist mir klar, doch es ist ein Ansatz der Hoffnung. Mit ihm setzt man auf die Zukunft, auf jene Gläubigen die noch geboren werden, die gerade in ihrer Familie mit dem Koran konfrontiert werden und jene die sich aus der Spirale des religiösen Fanatismus lösen wollen und Ansprechpartner brauchen. Diese Entwicklung ist eine langfristige. Während das Christentum im Zuge der Aufklärung neu eingeordnet und quasi grundsaniert wurde ist mir ein derartige Prozess im Islam historisch nicht bekannt. Falls ich da falsch liege, lässt sich trotzdem sagen, dass er vielerorts nicht sonderlich beständig war.

Wenn man beginnt den Werdegang des Islam mit dem des Christentums zu vergleichen wird oft der Hinweis auf die Kreuzzüge und ähnliche grausame Verbrechen des Christentums laut. Ein völlig richtiger Einwand, die blutige Historie „unserer“ Religion ist nicht zu vergessen und sie zeigt, dass es nicht etwa so ist, dass der Islam das Böse, die Christen das Gute sind. Sicher nicht. Es gilt also zu beachten, dass im Kern aller Religionen ein Potential liegt. Einerseits das der Gewalt und andererseits das des Friedens und der Gemeinschaftlichkeit. Ich kann nur hoffen, dass die Zukunft eine Religionsauffassung mit sich bringt die ersteres völlig negiert, die Toleranz stärkt.

Die Forderung nach Modernisierung ist dem Islam, das sei auch gesagt, nicht eigen. Sie betrifft letztendlich alle unsere Weltreligionen. Der Status der Religion hat sich gewandelt und die Werte müssen sich mit ihm wandeln.

Um gegen eine Erstarkung des Rassismus vorzugehen ist also eine große gesellschaftliche Gegenbewegung wichtig. Ich hoffe auch, dass die CDU/CSU weiter an ihrem Anti-Pegida Kurs festhält. Dem „Neo-Rassimus“ darf in keiner Form von etablierten Parteien der Rücken gestärkt werden. Hoffentlich entsteht eine bzw. bleibt eine durchsetzungsfähige bürgerrechtliche Bewegung die den Rechtspopulismus und die kommende Sicherheitsdebatte in Frankreich und Deutschland beobachtet.

Europa braucht einen offeneren Dialog der ohne Vorurteile, sondern mit Fakten und Mut dem Islam hier und irgendwann überall auf der Welt hilft, sich eindeutig und mit aller Kraft gegen den Terror zu stellen. Jeder Schritt der in Richtung der Utopie von zentralisierter pazifistischer globalen Moslemgemeinde führt ist wertvoll. In aller Trauer und Wut bitte ich die Chancen zu sehen konstruktiv mit den schrecklichen Vorfällen in Paris umzugehen.

Nachbemerkung: Kurz nach der Veröffentlichung dieses Textes bin ich hier in der Freitag Community auf ein Schreiben gestoßen das ganz richtig die Verwendung des Wortes "Trauer" im Bezug auf die Charlie Hebdo kritisiert. Im Sinne der Integrität des Originaltextes werde ich meine Verwendung des Wortes nicht ändern. Es sei dennoch darauf hingewiesen, mit Verweis auf besagten Beitrag: https://www.freitag.de/autoren/lethe/charlie-hebdo-und-die-trauer/@@view#1421079399688531

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Hartmann

Halb anonym und trotzdem ganz persönlich. Musiker und Zoon politikon. Ist gerade in der Kaffeepause.
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