Herrgottschnitzer und Pestspiel

Bühne Im Jahr vor dem Passionsspiel herrscht in Oberammergau "Die Pest": Christian Stückl inszeniert das Stück über Leben, Tod und Teufel mit bedeutungsvoller Eindeutigkeit

Italienisch, französisch, spanisch und bayrisch klingt es derzeit in Oberammergau, der Ort ist fest in der Hand von Touristen und eingeborenen Laienspielern. Während die Touristen vor dem Regen in die Gasthäuser oder Holzschnitzereien flüchten, schauen die Einheimischen gelassen zum Himmel: Das neue Dach über ihrem Passionstheater lässt sich mittlerweile problemlos schließen, und das Prasseln des Regens auf dem durchsichtigen Regensegel über der Bühne unterstreicht nur die düstere Dramatik des abendlichen Spiels. Seit 1933 wird im Jahr vor der Passionsgeschichte Die Pest. Das Spiel vom Oberammergauer Passionsgelübde aufgeführt. In ihm wird erzählt, wie es zum Gelübde kam, alle zehn Jahre Jesu mit einer Theateraufführung seiner Passion zu ehren.

Der Angereiste findet sich hier umgeben von lauter Menschen, für die dieses Theater zum normalen Leben gehört. Begrüßungen fliegen über die Reihen, man tauscht sich darüber aus, wer welche Rolle spielt, und wie es das letzte Mal war. Hier besitzt Theater eine ganz eigene gesellschaftliche Bedeutung. Ob es auch noch eine religiöse hat, lässt sich schwer sagen. Die Gespräche in der Pause und nach der Aufführung drehen sich jedenfalls nicht um religiöse Fragen.

Theater in Oberammergau ist Massentheater: In Die Pest gibt es rund 30 Sprechrollen, dazu treten 130 Einwohner des Ortes auf sowie die Gletscherschliff-Musi aus Mittenwald, Mitglieder des erweiterten Chores der Passionsspiele und Mitglieder des Musikvereins Oberammergau. Regisseur Christian Stückl ist ein Meister der Massenszenen. Sie sind von einer bemerkenswerten Sinnlichkeit, die zugleich selbstverständlich wirkt und dabei weit entfernt ist von der leeren Beweglichkeit, die man von Opern- und Operettenchören kennt. Eine Blaskapelle untermalt das Geschehen auf der von Erde und Torf bedeckten Bühne mit ihrem düster-verwinkelten Bühnengerüst.

Erzählt wird von einem pestkranken Tagelöhner, der sich am Kirchweihfest des Jahres 1633 aus der Ferne zurück in sein pestfreies Dorf schleicht. Wo noch gefeiert wird, bringt er den Tod. Wie Menschen sich in solcher Situation verhalten, ist Thema dieses Denkspiels.

Indem Stückl das Stück in eine bedeutungsvolle Eindeutigkeit treibt, hilft er den Laiendarstellern: Sie zeigen zwar Klischeefiguren, geben ihnen aber mit erstaunlicher gestisch-mimischer Sicherheit und Sprechtechnik Lebendigkeit. Ein wie aus dem Hamlet auftauchender Totengräber überzeugt als shakespearisch gallig-weiser Narr, während ein eifernder, demagogischer Pfarrer als grelle Karikatur in hellgrauer Kutte eher nervt. Das Stück ist voller Zitate: So bereiten sich Jugendliche wie die Handwerker-Truppe aus Shakespeares Ein Sommernachtstraum auf ihren Theaterauftritt vor, und beim Kirchweihfest zeigen Schauspieler, wie der Teufel gegen Gott antritt.

Nachdem viele an der Pest erkrankt oder gestorben sind, findet man bei der Suche nach dem wahren Gott stets nur die Schuld der anderen: es gibt Hexenverfolgungen und Bezichtigungen. Der Chor singt zu allen christlichen Schrecken sein Miserere dazu. Wenn lynchbereite Gottsucher im Fackelschein folkloristisch wüten, bleibt uns dieser sinnsucherische Abend recht fern. Und als die Menschen schließlich akzeptieren, dass nicht Gott sie, sondern sie Gott verlassen haben und deshalb ihr Passionstheater-Gelübde ablegen, dann klingt es, als raschele historisches Papier.

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