Ich bin asexuell: Das herauszufinden, war ein langer Weg

Super Safe Space Überall Sex: Nackte Körper, Werbung und Gespräche über Geschlechtsverkehr sind omnipräsent. Warum sich unsere Autorin damit unwohl fühlt
Ausgabe 33/2022

Stell dir Folgendes vor: Du bist 15, der Sportunterricht ist beendet, und du ziehst dich gerade um. Die beliebten Mädels sprechen sogar lauthals darüber, dass sie es am Wochenende endlich getan haben. Und mit „es“ meinen sie natürlich: Sex. Klar, das war sicher aufregend für sie – immerhin will man in der Jugendzeit so schnell wie möglich erwachsen werden. Mir hingegen ist die Sache extrem unangenehm. Ich will nichts von ihrer Nacktheit hören und erst recht nicht daran denken, dass ich eines Tages auch mal „dran sein“ werde. Ich ziehe mich schnell um, schnappe mir meine Tasche und verlasse den Umkleideraum.

Habe ich überreagiert? Vielleicht. Aber damals wusste ich noch nicht, was wirklich los war: Ich gehöre in das asexuelle Spektrum.

Mit dem Begriff „asexuell“ konnte ich lange Zeit nichts anfangen – mir war nicht einmal bewusst, dass er überhaupt existiert. Er bezeichnet Menschen, die keine oder sehr wenig sexuelle Anziehung anderen gegenüber empfinden. Einige Menschen, die zum asexuellen Spektrum gehören, empfinden zwar sexuelle Anziehung anderen gegenüber, aber dann nur sehr schwach. Oder nur, wenn sie bereits eine emotionale Verbindung zu dieser Person aufgebaut haben. Ich habe noch nie einen Menschen in der Öffentlichkeit gesehen, den ich sexuell anziehend fand. Ohne eine emotionale Verbindung ist Sex für mich nahezu unmöglich. Das herauszufinden und zu akzeptieren, war ein langer Weg.

Denn das asexuelle Spektrum ist noch immer stark unterrepräsentiert. Die Welt hat sich so sehr an die Mentalität „Sex sells“ gewöhnt, dass man dem Thema der Lust und Erregung kaum noch entkommt. Und während es für einige Menschen ermächtigend und befreiend sein kann, dieses Thema offener anzugehen, fühle ich mich manchmal ausgeschlossen.

Nicht immer möchte ich bei einer Busfahrt damit konfrontiert werden, was zwei Menschen vergangene Nacht getan haben. Nicht immer möchte ich in Social Media mit nackten Körpern konfrontiert sein. Und manchmal habe ich das Bedürfnis, auf Spam-Mails zu antworten und zu erklären, dass ich nicht die richtige Ansprechpartnerin für Tanja bin, die mir Pillen anbietet, damit ich im Bett eine bessere Leistung erbringe. Der Mythos ist also widerlegt: Nein, „Sex sells“ gilt nicht immer. Akzeptanz und Empathie hingegen zählen. Und das war schon immer so.

Hatice Acikgoez lebt in Hamburg. Sie arbeitet als freie Autorin, Künstlerin und Social-Media-Redakteurin. Ihr Text erschien zuerst im Newsletter „Saure Zeiten“

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