You, Daniel Blake, I like to dig your grave.

Mitten ins Herz Der neue Film von Ken Loach "I, Daniel Blake" hebt penetrant den Zeigefinger und trifft damit hoffentlich jene Täter, die sonst nur durch ignorantes Wegschauen auffallen.
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Dreizehn Jahre ist es mittlerweile her, dass Bundeskanzler Gerhard Schröder in einer Regierungserklärung die Agenda 2010 verkündet hat. Damals regte sich bundesweit Protest gegen die gesetzlichen Neuregelungen, die mit Sanktionierungen in Form von Leistungskürzungen Menschen von nun an das Leben erschweren sollten. Von nun Ab wurde ihnen gesetzlich pauschal Faulheit und Asozialität unterstellt. Im Jahr 2004 fanden in über 140 Städten Montagsdemonstrationen gegen den Sozialabbau statt, die sich teilweise Jahrelang allmontäglich präsentierten. Montagsdemonstrationen, die weder den Fall einer Mauer zwischen zwei Systemen forderten, noch dem antisemitischem verschwörungstheoretischen Gefasel einer fremdgesteuerten GmbH anhingen die den Frieden verhindern würde oder aber ein rassistisches „Ausländer raus“ mit einem bürgerlichem Anstrich des „Wir sind das Volk“ zu kaschieren versuchten. Montagsdemonstrationen die nichts weiter als die Forderung nach einem menschenwürdigem Leben in einer der reichsten Demokratien der Welt forderten. Eine Selbstverständlichkeit, eigentlich. Infolge der Proteste musste Schröder vorzeitig seinen Stuhl räumen und anstelle dessen konnte nun bis zum heutigen Tag Angela Merkel dessen Platz einnehmen. Sicherlich froh über die gesetzlichen Neuregelungen und wahrscheinlich heilfroh sie nicht selber umgesetzt haben zu müssen. Ist besser fürs Image.

Heute ist Hartz 4 längst Normalität geworden. Viele glauben daran, an das Märchen von faulen Großfamilien den mit teuren Fernsehern, deren innerstes Anliegen es zu sein scheint dem Staat auf der Tasche zu liegen und denen durch nichts anderes geholfen werden kann, als den Zwang zur Erniedrigung, damit sie endlich etwas für die Gemeinschaft tun würden. Der Protest gegen diese Gesetzgebung ist erschlafft, wenn auch nicht ausgestorben. Kleine Demonstrationszüge ziehen noch immer durch die Straßen deutscher Städte, verschiedene Bürgerinitiativen und auch die Partei „Die Linke“ fordern nach wie vor die Abschaffung von Hartz 4.

In Großbritannien läuft die Sanktionierungspolitik von Arbeitslosen nach einem ähnlichen Muster ab wie in der Bundesrepublik. Über die dortige Situation hat der sozialistische Regisseur Ken Loach nun mit „I, Daniel Blake einen Film gedreht. Gestern Abend schaute ich mir den Film über einen 59 Jährigen arbeitsunfähigen Tischler zusammen mit einem Freund in einem Frankfurter Programmkino an. Ich bin Soziologiestudent, 24, er 19, gerade das Abitur in der Tasche. Der kleine Kinosaal war im wesentlichem gefüllt vom gutsituierten Bürgertum mit an Kleidung und Stil sichtbar gehobenem kulturellem Kapital zwischen 30 und 60. In einer Reihe waren am Rand noch 3 Plätze frei, einer davon wurde jedoch von den Jacken eines Paares um die 50 belegt. Als wir uns in die Reihe bewegten äußerten die Frauen, die eine Reihe weiter hinten saßen, sofort ihre Ängste um eine nun eingeschränkte Sicht, (wir sind beide um die 1,70 und somit wahrlich keine Riesen) Der Herr neben den Jacken erklärte sich jedoch gütig bereit ebendiese an der sich im Kinosaal befindlichen Garderobe und nicht auf dem Kinositz zu lagern. Allerdings nicht ohne die lustig gemeinte Bedingung zu stellen „Wenn ihr die geistige Größe dazu habt!“, ich konnte nichts Besseres erwidern als „Ansichtssache“ und setzte mich hin um den Film anzuschauen denen eine Reihe von Trailern von Filmen mit Upperclass Protagonisten vorangestellt waren.

Hier musste man sich also als junger langhaariger Mensch auch heute noch als würdig dazu beweisen, diesen Ort aufzusuchen. Als wäre 68 nicht fast 50 Jahre her. Die Kinokarte kostet 9,50€. Ein Viertel dessen was einem alleinstehenden Hartz IV Empfänger im Monat für Kultur zusteht, etwa das Doppelte von dem was dieser Person am Tag zum Essen zur Verfügung steht. Der soziale Ausschluss ist hier vorprogrammiert und politisch gewollt. Würde sich ein wahrhaftiger arbeitsloser neben den gütigen Mann mit den Jacken setzen wollen, bekäme dieser wahrscheinlich Angst davor beklaut zu werden.

Gut, dass der Film von Ken Loach, der nun begann nichts anderes im Sinn hatte als eben diesem arrogantem Bürgertum ins Gewissen zu reden. Einhundert Minuten penetrant erhobener Zeigefinger. Dafür dienten zwei einfühlsame sympathische Hauptcharaktere, die unter den Zwängen einer bürokratischen Sanktionierungspolitik leiden mussten: Zum einen der 59 Jährige Tischler Daniel Blake (Dave Johns), der aufgrund eines Herzinfarktes von ärztlicher Seite zwar als Arbeitsunfähig eingestuft worden war, was jedoch die Sozialbehörde nicht anerkannte, woraufhin er sich durch den für ihn undurchdringlich gewordenen digitalisierten Dschungel streng bürokratischer Schikanierungsverfahren zwängen musste. Die andere Hauptprotagonistin stellt die junge zweifache Mutter Katie (Hayley Squires) mit ihren Kindern dar, die von London nach Newcastle umsiedeln musste. Fernab von Freunden und Familie. Also ohne sozialem Halt und Orientierung. Und so werden ihr auf dem dortigen Sozialamt sogleich die Gelder gekürzt, da sie es nicht geschafft hatte in der neuen Stadt pünktlich zum ersten Termin zu erscheinen. Ein Umstand der für die junge Familie keinen Strom, keine Heizung und für die Mutter Hunger bedeutete um ihre Kinder angemessen ernähren zu können. Beide Hauptprotagonisten sind auf staatliche Hilfe angewiesen, erfahren jedoch systematisch bedingt nur Abweisung. Katie wird dadurch in die Prostitution getrieben. Daniel erleidet am Ende des Films bei einem über die Sozialhilfeunterstützung entscheidenden Behördentermin aufgrund der Stresssituation einen nun tödlichen Herzinfarkt.

Diese Biographien, wie sie in den Industriestaaten Europas keine Einzelfälle darstellen, werden mit einem Film wie „I, Daniel Blake“ zu einer Klasse vorgetragen, die sonst keinen Bezug mehr zu den Menschen hat wie sie etwa im britischen Newcastle, aber auch in Bremerhaven, Duisburg, Eisenhüttenstadt oder einzelnen Stadtbezirken großer Metropolen wie etwa in Berlin-Neukölln zahlreich zu finden sind. Kurzum, überall wo die Umstände die Suche nach Arbeit für einzelne weithin erschweren oder gar unmöglich machen.

Ganz anders geht es hingegen einer isolierten Klasse die aus den gutsituierten Vororten nun in die Innenstädte der Metropolen zurück drängt um dort um ihrem Vorsprung im „survival of the fittest“ der spätkapitalistischen Konsumgesellschaft zu fröhnen. Allgemeines Wahlrecht hin oder her, der politische Einfluss einer gesellschaftlichen Elite einschließlich einer gehobenen Mittelschicht ist weitaus größer als der eines durchschnittlichen Bundesbürgers. Diese Leute, deren Lieblingsfreizeitbeschäftigung es auch sein kann sich am Wochenende mit einem Glas Wein im Kinosessel zurückzulehnen, können es gar nicht genug vertragen, die Unmenschlichkeit ihrer politischen Haltung unter die Nase gehalten zu bekommen. Es stellt sich jedoch die Frage, um in der Denkweise meines Sitznachbarn zu bleiben, ob sie das geistige Niveau haben, diese auch zu verstehen.

19:15 17.12.2016
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