Showdown am Kotti

Theater in Kreuzberg In einem Hinterhof in der Nähe des Kottbusser Tors wurde Sommer-Westerntheater gezeigt.
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Berlin, eine Straße in der Nähe des Kottbusser Tor. Um halb acht öffnet sich ein Tor zu einem schmalen Hinterhof, in dem ein paar Stühle und Tische aufgestellt sind. Flaschen mit Bier werden aus einem Plastikbottich mit Eiswürfeln heraus verkauft, der Wein in Plastikbechern ausgeschenkt. Mehr und mehr Leute finden sich ein, trinken, rauchen selbstgedrehte Zigaretten, sitzen. In den Ferienwohnungen für Touristen, die sich hinter einem befinden, wird ein Fenster im ersten Stock geöffnet, man schaut hinaus – die Logenplätze. Eingeladen wurde zum Kreuzberger Westernsommertheater. Um acht treten Cowboys auf – und Kopfgeldjäger. In stark verkürzten Szenen wird an der Grenze zur Parodie eine Idealhandlung eines Western dargestellt. Elend, Showdown, Tod. 5 Minuten Umbaupause. »Ein Fremder kommt in die Stadt!«, wird zu Beginn des zweiten Aktes ausgerufen. Ein Cowboy tritt an die nun aufgebaute Theke – und erzählt. Der einstündige Monolog, geschrieben und vorgetragen von Markus Riexinger, ist eine Reise durch die Topologie des Westerns, durch die leeren Wüsten und rauhen Landschaften, die Saloons und Bordelle, die üppigen Busen der Prostituierten, die Gewaltverhältnisse bis zu den Auslöschungsphantasien – kontrastiert mit der kleinbürgerlichen Enge, der man mittels der Wunschwelt des Western zu entkommen sucht. Der Monolog ist wunderbar, von fast surrealer Qualität, beim Hören stellt sich ein rauschhafter Sog ein, der vergleichbaren Theatermonologen – wie »Der Mann im Fahrstuhl« in Heiner Müllers »Der Auftrag« – ebenso eigen ist. Über dem Hinterhof kreisen die Vögel und krächzen, im Hintergrund tönen Schüsse aus einem Fernsehapparat, ein Kind schreit. Was sich herstellt, ist eine funktionierende Theatersituation, entstanden aus der Mischung aus Dilettantismus, Ernsthaftigkeit und Freude. Markus Riexinger und seinem Ensemble ist etwas Außerordentliches gelungen.

20:06 11.08.2016
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Geschrieben von

Jakob Hayner

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