"Das Kapital": Im Museum, aber aktuell

Karl Marx In Hamburg ist derzeit eine Ausstellung zu Marx' wohl berühmtesten Werk zu sehen
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"Das Kapital": Im Museum, aber  aktuell
Marx präsent

Foto: Hebelkraft/Flickr

„Es gibt Menschen, die sagen, Marx Werk kann nur im Kontext seiner Zeit betrachtet werden, heute seien die Theorien überholt. Und es gibt Leute, die sagen, Marx ist aktueller denn je. Ich bin letzterer Meinung“, sagt unser Guide. Wir stehen im Museum der Arbeit in Hamburg-Barmbek. Seit September ist im zweiten Stock die Ausstellung „das Kapital“ zu sehen.
Spontan beschließen wir, an der Führung teilzunehmen. Im Vorfeld fragt meine Freundin mich, ob ich das Kapital denn gelesen hätte. Teilweise, antworte ich, denn in der Uni haben wir immer nur Auszüge von Marx gelesen, aber diese immerhin intensiv diskutiert. Das Gesamtwerk steht aber definitiv noch auf meiner Liste. Unser Guide wird das Buch später als „eines der meist verkauften und im Verhältnis am wenigsten gelesenen Werke der Welt“ bezeichnen. Macht sich halt gut, so ein Marx im Regal. Ich habe ihn leider nur digital.
Nachdem sich alle an der Führung Teilnehmenden um den Guide versammelt haben (wir haben den Altersdurchschnitt übrigens drastisch gesenkt), fahren wir gemeinsam mit dem Aufzug in den zweiten Stock. Dort starren wir auf Regale voller Konservendosen, die umetikettiert wurden. In großen, schwarzen Buchstaben steht auf ihnen so etwas wie „Fisch“, „Brot“ oder „Kartoffeln“ und schließlich abstraktere Worte wie „Liebe, Freundschaft oder Träume“. Was wir hier lernen sollen, sofern wir es nicht schon wissen? Dass alles zur Ware werden kann. Allerdings: Güter allein haben keinen Wert. Güter werden zur Ware, wenn sie einen Wert erhalten, der durch die zu ihrer Herstellung benötigten Arbeitszeit bestimmt wird und als Tauschwert sichtbar wird.
Wir erfahren, dass es sich bei den Dosen tatsächlich eigentlich um Tomatendosen handelt und ich hoffe stark, dass diese nach der Ausstellung verschenkt werden, ansonsten nimmt das hier irgendwie paradoxe Züge an. Was wirklich paradox ist: Hinter einer Glasvitrine steht ein Schildchen „Originalausgabe, 150 0000 Euro“. Das Buch wurde mittlerweile wieder entfernt, weil es dem Museum zu gefährlich war, das teure Werk dort stehen zu haben. Ob Marx sich hat träumen lassen, dass sein Büchlein einst so wertvoll werden würde? Wahrscheinlich nicht, zu seinen Lebzeiten waren die Verkaufszahlen sehr schlecht, was vor allem daran lag, dass anfangs versäumt wurde, das Buch zu übersetzen.


Schließlich gelangen wir in den Hauptraum der Ausstellung. Hier können wir die verschiedensten Cover vom Kapital bestaunen, Wissenschaftler über das Kapital philosophieren hören und auch Fotos und Texte zu antikapitalistischer Proteste betrachten, von den 68ern bis zu den G20-Demos 2017. Auch können wir hier Fotos längst vergangener Jahrzehnte von Arbeitern an den Maschinen anschauen. Heute würden auf solchen Fotos wahrscheinlich Menschen vor dem Computer abgebildet sein, sagt unser Guide. Ja, denke ich, doch ein großer Unterschied ist es trotzdem nicht. Es ist die gleiche stupide Arbeit, man ist das gleiche kleine Rädchen im System, nur heute eben im digitalisierten Netzwerkkapitalismus. Der Allesfresser Herr Kapitalismus nagt und nagt weiter und seine Zähne sind stärker denn je. Doch wo sind die protestierenden Arbeiter und Angestellten heute? Was früher mit „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ (ja, ich weiß, dass ist aus dem Kommunistischen Manifest und nicht aus dem Kapital zitiert) explizit an die Arbeiterklasse gerichtet war, betrifft hier heute auch Angestellte, Selbstständige und alle Anderen vom System Unterdrückten. Ganz unten im System stehen die Tiere der Landwirtschaft, Lebewesen, die explizit für den Kapitalisten gezüchtet werden, sie sind die Wehrlosesten, die wie keiner sonst zu hundert Prozent auf den Einsatz Anderer angewiesen sind, um sie aus der kapitalistischen (Tier)hölle zu befreien.

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Eines der Highlights der Ausstellung sind die Wände am Ende des Raumes. Zu verschiedenen Überbegriffen kann man Zettel schreiben und anpinnen, zum Beispiel zu unterschiedlichen Alternativen zum Kapitalismus. „Kommunismus“ scheint für viele eine passable Lösung zu sein, „bedingungsloses Grundeinkommen“ wird relativ einstimmig abgelehnt, „Kibbuzim“ scheint kaum jemandem etwas zu sagen, den wenigen Zetteln darunter nach zu urteilen. Außerdem besteht die Möglichkeit auf bunten Post-Its die jeweiligen Notizen der Besucher zu kommentieren oder mit Emoji-Stickern zu versehen – quasi wie Facebook nur irgendwie spaßiger. Jemand hat als Alternative „eine Welt ohne Menschen“ vorgeschlagen. Ich pinne ein Post-It drunter: Finde ich gut ;-).


Meine Freundin und ich finden die Ausstellung sehr gelungen und auch unser Guide hat die Grundzüge aus „das Kapital“ in der kurzen Zeit sehr anschaulich erklärt. Dass das Kapital aktuell wie eh und je ist, solange wir in diesem System leben, versteht sich glaube ich von selbst. Wir halten uns noch lange in den Räumen auf. Denn wir wissen, draußen wird uns besagtes System wieder in seine Fänge nehmen. Selbst Marx hat es vereinnahmen können, überall Merchandise mit dem bärtigen Mann vorn drauf – der würde sich wahrscheinlich im Grab umdrehen, sähe er das. Das marxsche Paradoxon quasi, aber was ist an der komischen Menschheit schon widerspruchsfrei?

Noch bis zum 4. März 2018 ist die Ausstellung im Museum der Arbeit in Hamburg zu sehen.

20:29 29.12.2017
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