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Gendergerechte Sprache Ist es wirklich feministisch in der Sprache zu gendern? Ich bin mir da nicht ganz sicher.
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Überall liest man diese wohlwollend gemeinte „gendergerechte Sprache“, die sich in den letzten Jahren dynamisch entwickelt hat: Erst das Binnen-I, dann der Gender_gap, die neueste (okay, so neu auch nicht mehr) Errungenschaft ist das Sternchen, das symbolisch für alle erdenklichen Geschlechter stehen soll.
Ich bin überzeugte Feministin, aber ich weiß nicht, ob uns diese Sprache hilft – ich hadere noch mit mir, was ich davon halten soll.
John Austin und Judith Butler haben uns erzählt, dass Sprache ein performativer Akt ist und das Sprache uns tiefgehender prägt, als wir oft annehmen. Aber ist es wirklich so, dass beispielsweise wir im Hörsaal sitzenden Frauen uns ausgegrenzt fühlen, wenn wir mit „liebe Studenten“ angesprochen werden? Für mich und viele Freunde kann ich nur sagen: Nein. Dennoch weiß ich, dass viele mir da widersprechen werden, mir gar meinen mir selbst verliehenen Feministen-Status abstreiten werden. Es ist also schwierig. Ich verstehe durchaus den Grundgedanken hinter I, Gap und Stern. Man möchte die unsichtbaren Frauen und all die anderen Geschlechter mit ins Boot der Semantik holen. Aber sind die wirklich so unsichtbar in der gängigen Sprachpraxis? Ich persönlich habe den „männlichen“ Artikel „der“ oder „ein“ niemals mit einem Penis in Verbindung gebracht. „Der Stuhl“ ist genauso „der Stuhl“ wie ich „der Student“ bin. Wir haben beide keinen Penis. Feministen machen den Fehler, dass sie den grammatikalischen Genus mit dem biologischen Geschlecht des Menschen gleichsetzen.
Allerdings weiß ich nicht - dafür sind meine Psychologie-Kenntnisse einfach nicht ausgereift genug - inwiefern wir mit der männlichen Anrede vielleicht unterbewusst doch die männliche Person assoziieren. Deswegen bin ich unschlüssig.

Was ich definitiv nicht verstehe, ist, warum es so wichtig ist in der Sprache zwischen Mann, Frau und * zu unterscheiden, wenn es der queeren Bewegung doch eigentlich darum geht, Geschlechtergrenzen zu überwinden! Und wenn es scheißegal ist, ob wir Penisse oder Vaginas haben oder uns was auch immer für einem Geschlecht zuordnen, dann sollte es der Sprache doch auch scheißegal sein? Es macht irgendwie wenig Sinn, das gesellschaftliche Konstrukt der Geschlechter mit einem sprachlichen Geschlechterneukonstrukt überwinden zu wollen. Und überhaupt, was ist denn bitteschön mit den Menschen, die sich mehr so als Katze fühlen?

Achja und viele der I-Gap-Sternchen-Menschen ziehen ihre Sache selbst nicht konsequent durch. Ich habe das Gefühl, die natürliche Faulheit des Menschen kann sich in der performativen Sache nicht so recht durchsetzen. Andererseits brauchen Veränderungen natürlich immer Zeit. Dass Sprache sich mit der Zeit ändert, sollte mittlerweile jeder gemerkt haben, der mal ein etwas in die Jahrzehnte gekommenes Buch in der Hand gehalten hat. Sie ist dynamisch und entwickelt sich stetig.

Also worin besteht die feministische Chance der Sprache? Oder sollten wir endlich akzeptieren, dass die Gendersprache uns eher noch mehr Schwierigkeiten bereitet, als dass sie Probleme löst – vielleicht lenkt sie uns viel zu sehr von den eigentlichen Problemen ab und selbst das Verfassen dieses Artikels hier ist bescheuert, weil ich besser etwas zur Frauenquote oder Sexismus im Alltag hätte schreiben sollen?
Ich selbst habe ich mich schon so sehr von meinem Umfeld manipulieren lassen, dass ich in Texten auch oft LeserInnen schreibe, obwohl ich eigentlich nicht an diesen Sprachmythos glaube – wie gesagt, ich bin noch im Zweifelmodus.
Aber wenn wir schon dabei sind, eine Kleinigkeit ist mir dann noch aufgefallen:

Bei einem Blick auf die von der gendergerechter Sprache Überzeugten herrscht auch keine Gerechtigkeit: Der Plural der Männer fehlt irgendwie. „Liebe Freund*innen, Liebe Frisör*innen, Liebe Ärzt*innen – da hat das gerechte Sternchen doch mal glatt die Freunde, Frisöre und Ärzte verschluckt. Dann doch lieber Studierende, Teilnehmende und Lehrende. Neutralisieren geht nur leider auch nicht immer - schade eigentlich.
Für Feminismus, gegen Problemverlagerung!

23:03 30.10.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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