Medienkompetenz.

Überfällig - Der Mensch muss lernen, mit der Vielzahl und Vielfalt der "Informationen", die täglich über die Medien auf ihn niederprasseln, umzugehen
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Der Begriff “Medien” ist hier als Sammelbegriff für alle Nachrichten-Vermittlungsinstitutionen (Zeitungen, Radio, Fernsehen, Internetportale, soziale Netzwerke) zu verstehen. Was da täglich in einem Gemisch aus Wahrheiten, Teilwahrheiten, Falschmeldungen, Meinungen mit und ohne ausreichendem Faktenhintergrund, gezielter Desinformation und schlichtem Unsinn angeboten wird, ist ohne ein Mindestmaß an individueller Einordnungs- und Bewertungskompetenz nicht zu bewältigen. - Dabei ist es selbstverständlich, dass all die oben genanten Anbieter bezüglich ihrer Informationsqualität nicht einen Topf geworfen werden dürfen. Es drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass die mediale Informationsqualität insgesamt(!) kontinuierlich sinkt. Die Ursache liegt nach allem Anschein in intermedialen Prozessen der gegenseitigen Beeinflussung. Aber auch die Wechselbeziehungen zwischen Medien und Publikum spielen natürlich eine Rolle; denn ohne Publikumsinteresse gäbe es keine Medienprodukte oder jedenfalls nicht solche, wie die heute allgemein bekannten.
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Internetportale und soziale Netzwerke werden zunehmend zum Tummelplatz für Selfmade-Journalisten und Laien-Fotografen. Mit Texten und Bildern verschiedenster Art blasen sie die Ergebnisse ihrer geistigen oder handwerklichen Anstrengungen höchst unbefangen, manchmal auch enthemmt ins Netz. Das reicht von interessanten Beiträgen zu aktuellen Ereignissen bis zu Schlaumeiereien und blankem Unsinn; von informatorischem Leergut (Belanglosigkeiten) bis zur gezielten Desinformation; von Solidaritätsbekundungen bis zu Verunglimpfungs-, Beschimpfungs- und Drohattacken; und von echten Fotos bis zu bearbeiteten oder in einen falschen Zusammenhang gestellten Bildern und Videos (Fakes). Eine besondere Rolle spielen hier "Social Bots" (über Algorithmen gesteuerte Kommunikationsautomaten) die mit echten Nutzern interagieren können, ohne dass diese erkennen, dass sie es mit Automaten zu tun haben; und die als Propaganda-Roboter oder Meinungsmaschinen eingesetzt, die Netzwerke mit tendenziösen Informationen fluten. - All dieses hat sich neben den traditionellen Nachrichtenmedien in einer Art subkulturellem Wildwuchs zu einer Kommunikationsebene entwickelt, die auf dem Gebiet der Informationsvermittlung heute ihren festen Platz hat.

Die traditionellen Medien begeben sich mit ihren Informationsangeboten zunehmend selbst auch ins Internet. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Im Gegenteil, sie könnten dort bezüglich der Informationsqualität wie Inseln der Zuverlässigkeit wirken. Leider präsentieren sie - offenbar getrieben von der im Medienbereich schon seit Längerem grassierenden Wettbewerbs- und Aktualitätshysterie - ihre Nachrichten auch nicht immer erst nach(!) ausreichender Prüfung der jeweiligen Faktenlage. Oft zitieren sie sich gegenseitig. Nicht selten übernehmen sie Meldungen und Bilder aus den im letzten Absatz genannten sozialen Netzwerken. Um Publikumsinteresse zu generieren verlegen sie den Fokus zunehmend auf spektakuläre Ereignisse (vorzugsweise auf solche mit negativem Vorzeichen); oder sie versehen wenig spektakuläre Ereignisse mit einem spektakulären “Anstrich”; oder sie bieten vermeintlich interessante, aus größeren Sachverhalten oder Geschehenslagen extrahierte (aus dem Zusammenhang gezogene) Aspekte an. Dass auf diese Weise völlig schiefe oder mindestens erheblich irritierende Geschehensbilder vermittelt werden, weiß man natürlich. Aber weil sie erfahrungsgemäß Aufmerksamkeit erzeugen, werden sie eben so dargeboten; und zwar nicht nur im Internet, sondern crossmedial auch auf den traditionellen Vermarktungsebenen (Zeitung, Radio, Fernsehen). - Auflagegrößen, Einschaltquoten und zunehmend die Anzahl der Internet-Klicks werden immer mehr zu wichtigsten Kenngrößen bei der internen Beobachtung und Beurteilung der Erfolgsentwicklung der Medienhäuser. Kurz gefasst: Marktwirtschaftliches Denken bestimmt zunehmend die Vorgehensweisen. Das Bemühen um Wahrhaftigkeit und Vollständigkeit bei der Erstellung, der Auswahl und Präsentation der Nachrichten gerät dabei nicht immer und nicht unbedingt immer absichtlich, aber unter den beschriebenen Umständen beinahe unvermeidlich in den Hintergrund.
Zur Vermeidung von Missverständnissen sei hier ausdrücklich darauf hingewiesen, dass nicht jeder Anbieter dauernd die beschriebenen Verhaltensweisen praktiziert. Innerhalb der Gesamtheit aller Anbieter finden sie aber dauernd irgendwo statt. Und das Publikum ist eben nicht nur dem einen oder anderen Angebot, sondern immer auch der Gesamtheit der medialen Angebote dauernd ausgesetzt. Leider wird das oft übersehen.

Nun könnte angenommen werden, dass sich Journalisten/-innen wegen der im letzten Absatz beschriebenen, eher marktwirtschaftlich orientierten Tendenzen immer weniger oder gar nicht mehr darum bemühen, Sachlagen oder Geschehensverläufe nach bestem Wissen und Gewissen möglichst objektiv und vollständig darzustellen. Das ist weit überwiegend sicher nicht der Fall. Aber: Sie beurteilen das Geschehen immer aus ihrer persönlichen Sicht (weil es gar nicht anders geht) und in Abhängigkeit von den nicht immer optimalen Erfassungsmöglichkeiten vor Ort und der oft nicht ausreichend zur Verfügung stehenden Zeit. - Sie übermitteln also nicht die Wirklichkeit, sondern gesammelte Eindrücke und/oder aus diesen erarbeitete Interpretationen. Diese können der jeweils in den Blick genommenen Wirklichkeit entsprechen oder - wegen der eben beschriebenen Imponderabilien - nur teilweise oder eben manchmal auch gar nicht. Das heißt: Zu fragwürdigen oder unzutreffenden Darstellungen muss es nicht, aber kann es - ganz unabhängig von der Existenz oder Nicht-Existenz wirtschaftlicher Prioritäten oder politischer Präferenzen - fast immer kommen (Systemimmanenz). Das ist kein Vorwurf, sondern ein Hinweis darauf, dass auch von Journalisten/-innen nicht erwartet werden darf, was nicht geleistet werden kann.

Weil davon ausgegangen werden kann, dass die Nachrichten-Medien ihre Verhaltensweisen von sich aus nicht ändern werden - jedenfalls nicht, solange sich diese auf irgendeine Weise “bezahlt” machen - bleibt gar nichts anderes übrig, als auf der Konsumentenseite Kompetenz für den Umgang mit den Inhalten der Medienangebote zu schaffen. - Die öffentlichen Bildungs- und Weiterbildungsinstitutionen haben hier eine Aufgabe, der sie sich sehr viel mehr als bisher stellen müssen. Man kann nur hoffen, dass wenigstens dort die notwendigen Kompetenzen für die Erfüllung dieser Aufgabe vorhanden sind. Sollte das nicht der Fall sein - die Befürchtung ist nicht vollständig abwegig - dann müssen diese schnellstmöglich geschaffen werden. Denn: Demokratie kann nur in einer umfassend aufgeklärten Gesellschaft funktionieren. Dazu leisten unabhängige Medien zweifellos einen wichtigen Beitrag. Dazu gehört aber auch eine Gesellschaft, die nicht nur mit der Kommunikationstechnik, sondern auch mit der Menge, der Vielfalt und der unterschiedlichen Qualität der Informationsinhalte der Medienangebote kompetent umgehen kann. - Andernfalls besteht die Gefahr, dass sich ein bedenklich großer Teil der Gesellschaft zu einer leicht manipulierbaren Masse von Smartphone-Junkies entwickelt, der geschäftstüchtigen oder demagogischen oder schlicht Unfug stiftenden Umtrieben weitgehend hilflos ausgeliefert ist. Erste Erscheinungen dieser Art sind heute bereits erkennbar. Man lese nur die Einträge in Internet-Foren oder betrachte das Individual- oder Gruppenverhalten im öffentlichen Raum. Dass da zunehmend(!) aufgeklärte Leute unterwegs sind, wäre eine wahrhaft seltsame Behauptung.


15:10 03.11.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Henry Cekano

Pressefreiheit über alles ???
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