Zeitungssterben.

Ursachen - sebstgemacht oder fremdverschuldet?
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Äußerungen von Zeitungsmachern wie: " Die Branche unterschätzt den Leser" und " Vielleicht nehmen wir uns einfach zu wichtig" können auch mit " Wir überschätzen unsere Deutungskompetenz" übersetzt oder ergänzt werden. - Die Konsumenten von Medienprodukten erkennen zunehmend, dass die Dinge eben häufig doch nicht so sind, wie sie in den Medien dargestellt werden. Warum sollen sie dann Zeitungen kaufen und sich durch kurze oder ausführliche Texte arbeiten, wenn sie Inhalte mit vergleichbarer Fragwürdigkeit auch über den Fernseher oder das Internet teilweise kostenlos(!) sowieso ins Haus geliefert bekommen?

Die Weigerung der Sachlagenerklärer, Geschehenskritiker und Prognosenersteller in den Medien anzuerkennen, dass sie oft eigentlich überfordert sind, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Sie (die Vorgenannten) tragen oft verblüffend gleichlautende Texte vor (über die digitalen Hochgeschwindigkeitsnetze im gegenseitigen Austausch quasi automatisch abgeglichen). Manchmal widersprechen sie sich aber auch vehement und unterstellen sich damit gegenseitig direkt oder indirekt Inkompetenz. Und am Ende werden sie häufig allesamt widerlegt. Vom Geschehen, das die Beschreibungen und Prognosen einfach nicht ausreichend beachten will. - Eine nicht hinnehmbare Renitenz. So sehen es die Widerlegten offenbar, denn sie machen unbeirrt wie gewohnt weiter. Die Idee, vielleicht auch mal das eigene Tun zu überdenken, kommt ihnen anscheinend nicht. Jedenfalls ist Derartiges für Außenstehende nicht erkennbar.

Dabei ist es doch ein offenes Geheimnis, dass Geschehens- beschreibungen und Vorhersagen immer die Wiedergabe individueller oder kollektiver Eindrücke sind, die dem tatsächlichen Geschehen nur in hoch banalen Fällen entsprechen können. - Ein Fahrrad ist umgefallen oder der Fußballclub X hat sein letztes Spiel gegen den Verein Y mit drei zu null Toren gewonnen - sind Meldungen mit einem hohen Gültigkeitswert, weil sie kaum oder keine Interpretationsanteile enthalten und jederzeit nachprüfbar sind ( Hardfacts). Dagegen sind z. B. Beschreibungen des Umfallens des Fahrrades oder des Zustandekommens des Spielergebnisses bereits Darstellungen, deren Richtigkeit irgendwo zwischen 0 und 100% liegen kann, weil dabei die hoch unterschiedliche und letztlich begrenzte menschliche Urteilsfähigkeit, die Blickwinkel, die vor Ort gerade herrschenden objektiven Erfassungsmöglichkeiten sowie die jeweils zur Verfügung stehenden Kollektionen gepflegter Vorurteile eine entscheidende Rolle spielen. - Und die Prognosen? - Dass es oft anders kommt als erwartet, ist ein uraltes Phänomen. Die heute vorherrschende Schnelllebigkeit und das Tempo des allgemeinen Geschehens machen es den Berichterstattern und Kommentatoren in den Medien insgesamt - und besonders in den eher "langsamen" Zeitungen - schon schwer genug, ja fast unmöglich, den jeweiligen Ist-Zustand zutreffend an die Konsumenten zu bringen. Wir haben es überwiegend mit einem nicht-linearen dynamischen Geschehen zu tun, das sich durch interagierende innere und äußere Einflussgrößen laufend verändert. Der gerade existierende Zustand kann vielleicht zutreffend beschrieben werden. Wegen der Komplexität der Sachlagen ist aber auch das nicht immer möglich. Und wegen der genannten Dynamik ist der beschriebene Zustand im nächsten Moment oft schon ein anderer. Die Beschreibung ist also, wenn sie beim Konsumenten ankommt, oft bereits überholt und damit zumindest in Teilen falsch. - Bei Prognosen wird alles noch viel schlimmer, weil dort zusätzlich der jeweils festgelegte Zeitraum ins Spiel kommt, auf dessen Strecke sich eine Vielzahl von Einflussgrößen ansammeln und austoben kann. Mit Folgen, die schlicht nicht absehbar sind. Selbst wenn man alle vorstellbaren Einflussgrößen berücksichtigen würde, weiß man immer noch nicht, ob, wie, wann und in welchen Kombinationen sie auftreten und was daraus jeweils entsteht. Man müsste eine riesige Zahl von Szenarien durchspielen, von denen man am Ende aber immer noch nicht weiß, welche denn Realität werden könnten. Man arbeitet deshalb mit Wahrscheinlichkeiten, die aber alle über den Haufen geworfen werden, wenn auch nur eine der Einflussgrößen falsch eingeschätzt oder gar nicht berücksichtigt wurde, weil die Prognostiker sie verkannten bzw. nicht auf dem Schirm hatten. - Nun komme man bitte nicht mit dem Hinweis, dass das dann eben die seltenen unvermeidbaren Ausnahmen sind. Alle Erfahrungen deuten nämlich darauf hin, dass eher das Gegenteil richtig ist. Eigentlich könnte man, statt des ganzen wissenschaftlichen oder pseudowissenschaftlichen Aufwandes, auch würfeln. Man käme dabei zu ähnlich verlässlichen Ergebnissen. Wohlgemerkt: Wenn es um die Treffsicherheit von Voraussagen für Entwicklungen in "nicht-linearen dynamischen Systemen" geht. - Und solche Situationen bieten natürlch auch immer viel Raum für spekulative Thesen aller Art. Je spektakulärer und furchterregender, desto besser fürs Geschäft, meinen manche Informationsanbieter leider heute offenbar immer noch. Dass sie damit nicht nur unsinnige Ängste schüren, sondern stetig fortschreitend auch das Vertrauen der Konsumenten verspielen, scheint sie nicht zu bekümmern.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass in den Medien der Grundsatz "Kritische Begleitung des Geschehens" offenbar überwiegend als Aufruf zur Negativkritik missverstanden wird. Das lenkt die Aufmerksamkeit der Medienschaffenden vorzugsweise auf das Negativgeschehen und führt auch bei völlig undurchsichtigen Geschehenslagen oft zu bewundernswert klaren Kommentaren und Urteilen mit einem negativen, nicht selten besserwisserischen Grundton. Die Redaktionen fühlen sich offenbar in der Pflicht, eine Art kritische Meinungsführerschaft einzunehmen, und/oder sie meinen in grandioser Selbstüberschätzung, dass sie ihnen zusteht, weil sie die jeweilige Sachlage vollständig, zumindest aber besser als andere verstanden haben und deshalb dem Recht der Öffentlichkeit auf Information dienen müssen. Das allein nervt das Publikum bereits erheblich. Und dieses um so mehr, als dem Publikum, auch dank der existierenden medialen Sofort- und Überallpräsenz und der damit verbundenen schnellen Abfolge widersprüchlicher Meldungen, heute nicht mehr verborgen bleibt, dass Zeitungsinhalte (auch andere) und die Wirklichkeit oft nicht übereinstimmen. Auch, weil manche Darstellungen falsch sind, aber meist, weil viele Darstellungen das Geschehen nur eindimensional oder oberflächlich beschreiben (Teilwahrheiten) und damit Missverständnisse und falsche Vorstellungen in der Öffentlichkeit erzeugen. Der für das Verständnis wichtige Kontext fehlt z. B. meist ganz.

Man wird den Eindruck nicht los, dass die Medien mit ihrem Gesamtverhalten ständig an dem Ast herumsägen, auf dem sie selbst sitzen. Scheinbar gibt es daraus kein Entrinnen, weil der Wettbewerb auf dem Medienmarkt inzwischen zu einem Existenzkampf geworden ist, in dem die Wettbewerber dauernd versuchen sich gegenseitig mit größten Aufmerksamkeitserregern und höchster Akltualität zu überbieten. Sie sägen also mit einer Art blindem Eifer immer weiter und bringen sich und die gesamte Zunft damit zunehmend in Gefahr.

Die Konsumenten reagieren unterschiedlich. Einige ziehen sich kopfschüttelnd ins Private zurück (Konsumverweigerung). Andere nehmen die "Informationen" und ihre Fragwürdigkeiten dort hin, wo sie diese zwar auch nicht verhindern, aber abschalten oder umgehen können (Fernsehen, Internet). Und wieder andere suchen sich aus der Vielfalt der Angebote das heraus, was sie schon immer wussten und äußern sich dann mit z. T. haarsträubenden Beiträgen in Stammtischrunden oder Internetforen. - Aber alle kaufen immer weniger Zeitungen.

Eine Abkehr vom Anspruch auf die Deutungshoheit in den Redaktionen und dem damit verbundenen Vordenkerjournalismus einerseits - und von der verbreiteten Aktualitätshysterie mit dem typischen Merkmal der Oberfächlichkeit andererseits - zugunsten eines möglichst verschiedene Blickwinkel umfassenden Fakten- und Informationsjournalismus (Qualität geht vor Schnelligkeit) könnte ein Unterscheidungsmerkmal sein, das hohes Interesse finden und halten kann. Gerade auch dann, wenn die Tatsache, dass nicht jedes Geschehen zu jedem Zeitpunkt zutreffend beurteilt werden kann, ausdrücklich einbezogen und dieses auch jeweils zugegeben und erklärt wird. Die oft anzutreffende Vermischung von Fakten, spekulativen Betrachtungen und Meinugen (z. B. in Fernseh-Nachrichten, Kommentaren, Talkrunden und Zeitungsartikeln) ist eine Unart, die aufmerksame Konsumenten verärgert und weniger aufmerksame mindestens irritiert.

Eine Trennung der Darbietungsformen scheint angebracht und erfolgversprechend. Beispiel: Das Wochenblatt "der Freitag" das sich selbst - Meinungsmedium - nennt und damit erst gar nicht den Eindruck erwecken will, dass man Fakten präsentieren möchte. Man darf dort also mehr oder weniger interessante zu Papier gebrachte Gedanken zu anstehenden Themen erwarten, aber eben nicht spektakuläre Eilmeldungen und Ist-Zustandsbeschreibungen, die wie Fakten dargeboten werden, aber viel zu oft keine sind. Das kann zu einer Art Sparten-Journalismus führen, in dem jeweils Meisterdenker mit einer bestimmten politischen und/oder weltanschaulichen Grundausrichtung für eine gleichgesinnte Leserschaft schreiben. Das darf es selbstverständlich geben. Aber es hilft einerseits der Gesellschaft nicht weiter, und es reicht andererseits wegen der meist begrenzten Größe des Leserkreises nicht zur wirtschaftlichen Existenzsicherung der betreffenden Blätter. - Das Ganze sollte also anders, nämlich offen gestaltet werden. Die Gegenüberstellung unterschiedlicher Sichtweisen, also die Betrachtung anstehender Problemfelder aus verschiedenen Richtungen, wäre das Optimum. Man könnte das auch eine multiperspektivische Herangehensweise nennen. Diese liegt jedenfalls wesentlich mehr im Interesse der Öffentlichkeit, weil sie eher Urteilsfähigkeit schaffen kann als politisch oder ideologisch einfarbige Schmalwinkelbetrachtungen. - Allerdings ist klar, dass das ganze Spektrum der Sichtweisen und Beurteilungen, die zu einem anstehenden Thema gerade unterwegs sind, nicht in einem Blatt oder gar einer Ausgabe abgebildet werden kann. Es wäre aber sicher bereits ein großer Fortschritt, wenn Zeitungen und deren Autoren ihre Darstellungen nicht so präsentieren würden, als hätten gerade sie die ganze und einzige Wahrheit zu verkünden. Kategorisch bis apodiktisch mit dem tiefen Ernst der Wissenden. Besondes schlimm wird es dann, wenn sich daraus auch noch eine Art missionarischer Kampfgeist entwickelt. - Dabei liegt es eigentlich auf der Hand, dass das nicht gut gehen kann. Es darf davon ausgegangen werden, dass die "Missionare" sich selbt nicht missionieren lassen möchten. Warum sollen es dann andere mit sich machen lassen?

Den Befürworteren der genannten Multiperspektive wird oft entgegengehalten, dass besonders der Zeitungs-Journalismus eben gerade nicht so objektiv wie irgend möglich daherkommen, sondern Stellung beziehen sollte. Und wenn Konsumenten sich rundum informieren wollen, dann müssen sie sich eben durch mehrere Medienerzeugnisse verschiedener Couleur arbeiten. - Das ist - mit Verlaub - eine anachronistische Vorstellung, die das Publikum heute offenbar eher als Zumutung empfindet. Und es verhält sich entsprechend, indem es eben nicht unterschiedlich ausgerichtete Druckerzeugnisse kauft, sondern, wie weiter oben bereits angemerkt, auf die leicht erreichbaren und meist auch leichter konsumierbaren Angebote in den elektronischen Medien ausweicht.

Es sieht so aus, dass das Informationsmonopol der traditionellen Medien durch die Existenz der elektronischen Kommunikationsmittel, die heute fast allen zur Verfügung stehen und einen Informations- austausch an den herkömmlichen Medien vorbei gestatten, ins Wanken gekommen ist. Es fällt immer mehr auf, dass bisher nicht aufgefallen ist (weil es keine oder nur wenige andere Informations- und Kommunikationswege gab), dass sich in den Medien viel zu viele zu vielem äußern, von dem sie viel zu wenig wissen. Warum das so ist, ist ein besonderes Thema. Aber wenn es so ist, dann muss ein Informations- und Kommunikationswesen her, das dem Wildwuchs der Oberflächlichkeit, Wichtigtuerei, Schlaumeierei, Tugendwächterrei und dem missionarischen Selbstverständnis mancher Akteure (aber auch der zunehmenden Trivial- ja, teilweise Vulgärkommunikation in den neuen Medien) entgegen steht. Genau dieses könnten und müssen die traditionellen Medien mit den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen bewerkstelligen. Sachbezogene Qualität muss die Informationsvermittlung bestimmen, und eben nicht eine wie auch immer geartete Zweckbestimmung mit Behauptungen, Teilwahrheiten und spekulativen Betrachtungen.

Ein guter Anfang und höchst begrüßenswert wäre es, wenn die Branche bezüglich der kritischen Begleitung des Geschehens den Blick - wie auf andere - auch auf sich selbst richten und die Ergebnisse - ebenfalls wie andere - publizieren würde. Ein Blatt, das dieses konsequent täte, hätte viel zu tun, und es würde sehr wahrscheinlich reißend Absatz finden. Es könnte vielleicht sogar die in der Branche sicher vorhandenen, anscheinend aber schlafenden Selbstheilungskräfte wecken.

16:34 22.04.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Henry Cekano

Pressefreiheit über alles ???
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