Courage am Mittwochabend

Manchmal landet man unverhofft in einer Lesung. Mir ist es jüngst so ergangen: Eigentlich wollte ich mit einem Freund nur ein Bier trinken gehen. Das ...

Manchmal landet man unverhofft in einer Lesung. Mir ist es jüngst so ergangen: Eigentlich wollte ich mit einem Freund nur ein Bier trinken gehen. Das »Courage« in der Schönhauser Allee ist ein gutes Domizil, um den Tag ausklingen zu lassen, ihm beim Weißbier doch noch eine Schaumkrone zu verpassen oder ihn im Wodkaglas zu ersäufen. Das »Courage« ist eine russische Kneipe und am Mittwoch ist es dort ganz besonders rrrussisch, weil Musik von den Donkosaken in Miniaturbesetzung gegeben wird. Geigen fiedeln einem Schwermut ins Herz und die Gesänge lassen eine Sehnsucht nach ichweißnichtwas aufkommen. Nur die Bedienung holt einen da wieder in die Wirklichkeit zurück. Spätestens, wenn sie die Rechnung bringt. Aber dann ist man schon so halluziniert, dass man sein ganzes Geld auf den Tisch werfen möchte, denn ein bisschen sieht auch sie aus wie Katjuscha mit ihren kamin-roten immerlächelnden Lippen und dem sommersprossigen Gesicht. Kindchen, möchte man da zu fortgeschrittener Stunde sagen, was kostet die Welt; Russland ist weit. Gott sei Dank, murmelt man noch und kuschelt sich ein letztes Mal ins Sofa, dessen Bezug sehr alt und die Sprungfedern seeehr elastisch sind.

An jenem Tag, als die Lesung stattfand, wurde mir das moosgrüne Sofa zum Verhängnis: Nachdem, nennen wir ihn Manfred, seine erste Geschichte vorgelesen hatte, wollte ich gehen. Ein simpler Entschluss, sollte man meinen, aber dem ist keineswegs so. Die Bedienung sah mein Winken nach der Rechnung nicht, weil Manfred vor uns saß und weil man auf dem Sofa so weit einsinkt, dass man in Augenhöhe zur Tischkante sitzt. So lauschte ich Manfred, der von einer Manuela las, die er übers Internet kennen lernte, »wie das eben jetzt so ist«. Ich stellte mir Manuela, weil Manfred jenseits der 50 war und sie seinem Typ entsprechen müsste, dauergewellt vor und das bisschen Liebe zwischen beiden unappetitlich. Ich wollte aufstehen und gehen, aber es ging nicht. Das Sofa war viel zu tief. Das Bier zu schwer. Nach drei Versuchen wurde Manfred poetisch und gab ein paar Strophen zum Besten. Ein Gedicht war es nicht. Ich vernahm Worte wie Wiese, holdes Mädchen, Röckchen, hochschieben desselben usw.,usw. Man weiß ja, wie so was endet. Manfred jedenfalls schien tolldreist zu werden. Welch ungestilltes Verlangen nach Leidenschaft, Lust, Lenz und Liebchen in diesem Mittfünfziger brodelt! Kurz und gut:

Das Sofa wollte mich sowieso nicht mehr hergeben. Ich fand´s jetzt interessant, bemerkte ich doch gleichzeitig, dass der Herr am Tisch vor uns anfing, sich wieder und wieder zu mir umzudrehen, um mich anzuschauen. Einfach so. Er war älter als Manfred. Gleichgültigkeit wich Neugier als der nächste Vortragende zum Mikrofon lief. Sein pechschwarzes Haar fiel ihm ungeordnet ins Gesicht, sein Hemd hing zu einer Seite aus der Hose und er hinkte mit eingezogenen Schultern zu seinem Tisch. Ich dachte augenblicklich an den Glöckner von Notre Dame und erwartete etwas Theatralisches, etwas, was Tangente an Literatur legt. Aber den, nennen wir ihn Martin, hatte nicht etwa die Muse geküsst, sondern irgendein Dämon. Er erzählte von geplatzten Adern auf seinem Geschlecht, von Blut und bastardgebärenden Hurenmüttern. Irgendwo schmiss sich jemand kopfschüttelnd auf die Fensterbank. Der Martin, dachte ich, der versteckt in seinem Deichmann-Schuh einen Teufelsfuß. Gleich müsse ein Sturm die Fenster aufbrechen und die Kerzen ausblasen. Martin wurde immer anatomischer und lauter. Der ältere Herr drehte sich wieder zu mir um. Als ob ich für solche Gedanken könnte! Ich nahm, und es wurde höchste Zeit, kräftig Schwung, erhob mich vom Sofa, ging an den Tresen, um die Rechnung zu begleichen und lief befreit in die Nacht. Tatsächlich kam mir aus der Saarbrücker Straße jemand hinkend entgegen. Trägt wohl jeder ein Teufelsfüßchen.

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