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KABILAS ERBE Die Aufteilung des Kongo ist jetzt perfekt

Es erscheint schon als Ironie der Geschichte, dass auf den Tag genau nach 40 Jahren, als Patrice Lumumba, der erste, jemals gewählte Kongo-Premier, mit belgischer Hilfe umgebracht wurde, zuerst ein belgischer Außenminister den Kongo-Präsidenten für tot erklärte. Ein Offizier "aus dem Kivu" - der Ostregion des Kongo - soll es gewesen sein, fügte ein Sprecher in Brüssel bedeutungsvoll hinzu. Bedeutung hat so etwas allenfalls noch für die Belgier, die ihre alte Gewohnheit, die Kongoleute (und sich selbst) nach Stämmen aufzuteilen, wohl immer noch nicht lassen können. Darüber immerhin war Kabila längst hinaus. Zwar hatte er ein paar seiner Leute aus Katanga mit nach Kinshasa gebracht, aber damit eher schiefe Verhältnisse zurechtgerückt. Früher saßen da überall nur Clanmitglieder aus Mobutus Äquator-Provinz.

Macht hatte außer Kabila ohnehin keiner - der Autokrat delegierte nichts, entschied einsam, traute niemandem. Schon gar nicht den Ruandern, die ihm beim langen Marsch aus dem Südosten des Riesenlandes 1997 schließlich zur Macht verholfen hatten und ihn dann auch weiter kontrollieren wollten, doch Kabila hatte sie 1998 aus allen Schlüsselpositionen geworfen und einige seiner Minister übelste Hetze betreiben lassen, was im Wasserkopf Kinshasa durchaus populär war. Er handelte sich damit seinen eigenen Krieg ein, bei dem eine Zufallskoalition von Ex-Verbündeten (Ugandas Museveni, Ruandas Kagame), alt-mobutistischen und neuen Profiteuren inzwischen fast die Hälfte des Landes besetzt. Der Rest ließ sich auch nur dank anderer Kriegsgewinnler halten: Angolas Armee beherrscht heute den Landzipfel mit dem Zugang zum Atlantik an der Kongo-Mündung, Robert Mugabes Militärs haben ein paar einträgliche Diamantengruben im Kasai als Pfand erhalten, damit ihre Jets gelegentlich Dörfer in "Rebellen"-Regionen am oberen Kongo bombardieren. Altgenosse Sam Nujoma hat ein paar namibische Einheiten zur Absicherung des Flughafens von Kinshasa abgestellt.

Ein jämmerlicher Zustand für die Dynastie Kabila, noch ehe sie sich überhaupt etablieren konnte. Hungerrevolten in der Hauptstadt hatten schon Mitte 2000 die wenigen im Kongo noch tätigen Hilfsorganisationen alarmiert und Kabila die letzte Spur von Popularität gekostet. Die Misere grassierte jedoch nicht nur als Folge des Bürgerkrieges im Nordosten - Kabila war als geschmähter Despot von der "internationalen Gemeinschaft" systematisch ausgehungert worden. Nach einem Jahrhundert ungezügelter Ausbeutung der Reichtümer des Kongo und nach 30 Jahren unverschämtester geschäftlicher Kollaboration mit Marschall Mobutu sollte dessen Nachfolger nach Auffassung der EU zuerst einmal beweisen, dass er zu "Rechtsstaatlichkeit und Demokratie", sprich: Good Governance, imstande war, bevor Hilfe in Aussicht stand. So blieb nicht viel mehr übrig, als Landerechte - sei es für Swissair/Sabena, sei es für Mugabes Flugzeuge oder südafrikanische Firmen - meistbietend zu versteigern. Ein kanadisch-amerikanisches Firmenkonsortium hatte eine Förder-Konzession im kongolesischen Südosten nur deshalb erwerben wollen, damit dort nichts gefördert würde. Ebenso lief die von der Weltbank verlangte Privatisierung des Kupferbergbaus im Katanga auf Stilllegung hinaus.

Auch Ruandas Sicherheitsinteressen im Kongo sind längst vom Sumpf der globalisierten Spekulation verschluckt worden. Im besetzten Kivu bewachen Paul Kagamas Soldaten heute vor allem die Tantal-Förderung, derzeit ein heiß begehrter Rohstoff für elektronische Geräte. Mit den einstigen Waffenbrüdern aus Uganda geriet das ruandische Kongo-Korps schließlich wegen der Gold- und Diamantfelder im Nordosten hart aneinander. Die Gewinne dieser Bataille um Ressourcen und Pfründe freilich verbuchen die Händler anderswo - in Antwerpen oder Tel Aviv oder Mumbai. Es bleibt als Fazit: Mit der Beseitigung Kabilas ist die Aufteilung des Kongo nun perfekt - sein Territorium ist nur noch auf Landkarten als das eines homogenen Staates erkennbar.

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