Judenclub und Schickeria

Bayern München Der jüdische Präsident Landauer baute nach dem Krieg den Club wieder auf. Erst 60 Jahre später sorgt eine Ultragruppe für die Erinnerung an ihn.
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Kurt Landauer, ehemaliger Spieler und Präsident des FC Bayern, ist eigentlich nur auf der Durchreise, auf dem Weg in seine neue Heimat Amerika. Doch dann kommt alles ganz anders. Als "bayerischer Jude" war er 1933 vom Präsidentenamt verdrängt, ins KZ Dachau verschleppt und ins Schweizer Exil getrieben worden. Nun will er sich in der amerikanischen Besatzungszone ein Visum abholen und für immer in die USA ausreisen.

Der ARD-Film „Landauer – der Präsident“, der am Mittwoch abend lief, zeigt, dass Landauer zwar daran fest hält, nur solange bleiben zu wollen, bis der Papierkram mit den Amerikanern erledigt ist, doch kann der Macher Landauer nicht aus seiner Haut und wird schnell wieder zu einem wichtigen Mann des FC Bayern. Dabei herrscht Misstrauen auf beiden Seiten. Es gibt genug Mitglieder im Verein, die aus eigenen Schuldgefühlen oder nach wie vor tief sitzenden Ressentiments gegen den "Juden Landauer" ihn lieber so schnell wie möglich auf dem Dampfer nach Amerika sehen wollen.

Doch Landauer setzt sich durch, bringt das Stadion in einen bespielbaren Zustand, schließt Frieden mit dem Stadtrivalen 1860 München und schafft es tatsächlich, wieder ein Team zu bilden. Landauer legt den Grundstein für den erfolgreichsten Fußballverein der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Landauers Biografie ist außergewöhnlich, und doch hatte bisher niemand sein Leben erzählt. Der Fokus des Films von Regisseur Steinbichler nach einem Buch von Dirk Kämper liegt auf einem Abschnitt der deutschen Geschichte, der ebenso wie Landauer bisher wenig Aufmerksamkeit erfahren hat: die unmittelbare Nachkriegszeit.

Der Film beschäftigt sich nicht nur mit der Biografie des Bayern-Präsidenten, sondern sucht die allgemeine Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus im damaligen Deutschland anhand anderer Charaktere. Es gibt da den SS-Mann, Vater eines jungen Fußballtalents, der aus russischer Gefangenschaft heimkehrt und weiter seine Dumpftiraden raushaut. Genauso gibt es den täglichen, sich arglos gebenden Antisemitismus, mit dem Spieler ihren Präsidenten für seine Gefuchstheit in Gelddingen loben, den "schlauen Jud'". Dazu die gruseligen Beschimpfungen der Kinder untereinander, die mit dem Juden-Hass aufgewachsen sind.

Eines der berührendsten Bilder kommt ganz am Ende des Films und es gehört der Münchner Ultragruppe "Schickeria", die zu Ehren ihres frühen Vereinschefs den ganzen Unterrang mit einem Banner zudecken. Ein überdimensionales Bild von Kurt Landauer, dazu die Zeilen: "Der FC Bayern und ich gehören nun einmal zusammen und sind untrennbar miteinander verbunden." - Das ist keine Inszenierung, sondern Realität.

Eine solche Fan-Choreografie gab den Anstoß, die Geschichte dieses Bayern-Präsidenten zu erzählen, die lange irgendwo in den Archiven versteckt war. Erst zu Kurt Landauers 125. Geburtstag hatte die Schickeria im Oktober 2009 im Stadion ein Riesen-Banner entrollt, dazu Spruchbänder: "Der FC Bayern war sein Leben - nichts und niemand konnte das ändern!".

Damals wurde der Bayerische Rundfunk auf den verdrängten Frühfunktionär aufmerksam und begann zu recherchieren - und der Film ist das Ergebnis dieser langen Arbeit.

Der "Spiegel" berichtet, dass Karl-Heinz Rummenigge beim Besuch der Dreharbeiten erzählt hat, dass in seiner Zeit als Spieler zwischen 1974 und 1984 im Verein nie von Landauer gesprochen worden sei.

So ist mindestens so interessant wie Landauer selbst der Aspekt, dass es einer zahlenmäßig kleinen linken Fan-Gruppierung bedurfte, dass der FCB diesen Teil seiner Geschichte überhaupt wieder anerkannt hat und sich zu seinen jüdischen Wurzeln bekennt. Landauer, der 1961 verstarb, ist inzwischen einer von drei Ehrenpräsidenten des FC Bayern - auch dafür hatte sich die "Schickeria" eingesetzt

Die Münchner Ultra-Gruppierung "Schickeria" ist in dieser Woche mit dem renommierten Julius-Hirsch-Preis ausgezeichnet worden. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) würdigte damit zum zehnten Mal seit 2005 das Engagement gegen Rassismus und Diskriminierung im Fußball.

Die "Schickeria" veranstaltet seit vielen Jahren - und bis heute - ein antirassistisches Kurt-Landauer-Turnier, bei dem das Rahmenprogramm mindestens so wichtig ist wie das Kicken selbst. Diese Turniere so durchzuziehen, nötigt großen Respekt ab.

Hier das Programm des Turniers namens "Kurt" anno 2013:
http://suedkurve-muenchen.org/?p=563

00:24 17.10.2014
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Geschrieben von

heinthüer

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