Wie die Franzosen Houellebecq widerlegten

Die andere Republik Michel Houellebecq entwirft in seinem neuen Roman die Vision einer muslimischen Machtübernahme. Vermutlich hat die Nation sich erst einmal anders entschieden.
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So gut sich der neue Roman von Michel Houellebcq "Unterwerfung" liest, so sehr man ihn als surreale, beißende Satire schätzen muss, wie das meiste, was dieser Autor schreibt. Er ist im Laufe der vergangenen Woche von der Realität widerlegt worden. Vorerst jedenfalls.

Houellebecq stellt, wenn ich es richtig sehe, nicht die Vision von einer muslimischen Machtübernahme in den Mittelpunkt seines bizarren Romans. Er will vor allem zeigen, wie leicht die Franzosen sich verführen lassen, eine fremde Besatzungsmacht anzuerkennen. Man denkt sofort an die Erfahrungen der Nazi-Okkupation im Zweiten Weltkrieg, an die französische Kollaboration, über die bis heute in Frankreich nur schwer zu debattieren ist.

Nun aber erscheint Houellebecqs Phantasie seit einer Woche in einem anderen Licht, nämlich dem, dass die Franzosen sich nach den Pariser Anschlägen zu wehren beginnen, weil sie die Gefahr erkannt haben. Die Leute auf den Straßen haben sich vor einer Woche vehement gegen den Versuch des dschijadistischen Terrors gewehrt, die Nation zu spalten. Ihr republikanischer Geist, man kann es auch pathetischer sagen: ihr Stolz auf die universellen Werte der Freiheit und Demokratie ist wieder erwacht. Sie demonstrierten für die "Einheit der Nation" und plötzlich erscheint dagegen die FN-Parole "Frankreich den Franzosen" als das, was sie ist: als kleingeistig und spießig.

Es fand am vergangenen Sonntag die größte öffentliche Versammlung in Frankreich seit der Befreiung von den Nazis im Jahre 1944 statt. Beeindruckend war nicht nur die bloße Masse der Demonstranten, sondern auch die Art und Weise wie sie aufraten. Ohne theatralische Aggression, sehr friedlich und würdig. Stolz und ernst wurden die Freiheitsplakate gezeigt, die Transparente mit dem Antlitz des getöteten Charlie-Chefredakteurs Charb und den großen Augen, und es wurde immer wieder über alle Unterschiede hinweg gemeinsam die "Marseillaise" gesungen. Die Anteilnahme war so grundsätzlich, dass kein Platz blieb für religiöse oder ethnische Kleinkariertheit.

Das gleiche Bild in der Nationalversammlung zwei Tage später. Keiner konnte dort sein eigenes Süppchen kochen, alle standen nach der großartigen Rede des Premier- ministers Valls auf zum großen Applaus, und als sich am Versammlungsende noch einmal ein einzelner Abgeordneter erhob, um die "Marseillaise" zu singen, stimmte die ganze Versammlung ein. Das letzte Mal, dass so etwas geschah, war im November 1918.

Frankreich steckt in einer tiefen politischen, sozialen und moralischen Krise. Nicht wenige Franzosen, prominent oder normal, geben ihren europäischen Nachbarn gegenüber zu, man zweifele mittlerweile doch sehr an sich selbst, an der Grande Nation, und sei zukunftspessimistisch. Wann hat es das je gegeben? Und plötzlich sind da diese entsetzlichen Anschläge, die jeden zum Nachdenken zwingen und eine junge Generation auf die Straße treiben, die den Soziologen und Politologen bisher als zynisch, überheblich und politisch desinteressiert galt.

Wie gesagt: Vorerst jedenfalls ist der gute Michel Houellebecq erst einmal widerlegt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

20:36 17.01.2015
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Geschrieben von

heinthüer

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