Ein proletarisches Genie

Nachruf Zum Tod von Erwin Geschonneck (1906-2008)

Ein Schauspieler habe das Glück, mehrere Leben zu besitzen, in dem er viele Rollen spielen kann, hat Erwin Geschonneck einmal gesagt. Über 100 Rollen hat er auf der Bühne und vor der Kamera für Kino und Fernsehen verkörpert und jetzt, am Mittwoch vor acht Tagen, mit 101 Jahren, ein reiches Leben vollendet, das mehr als einmal in Gefahr war. Als am 3. Mai 1945 in der Lübecker Bucht nach einem Bombardement das Schiff Cap Arkona mit 4.600 KZ-Häftlingen an Bord sank, gehörte Geschonneck zu den 350 Überlebenden. Er konnte von vorn beginnen.

Am 27. Dezember 1906 in dem ostpreußischen Dorf Bartenstein zur Welt gekommen, verbrachte der Sohn eines Flickschusters seine Jugend in der Berliner Ackerstraße, mitten im Proletariermilieu. Die Mutter früh gestorben, der Vater nun sein Leben lang Nachtwächter bei der Berliner Wach- und Schließgesellschaft und dem Alkohol zugetan, begann der junge Erwin sein Berufsleben als Lehrling des Bankhauses der Gebrüder Arnhold, steht aber während der Inflation 1923 wieder auf der Straße. Er heuert beim Zirkus Busch als Hilfstischler an, schlägt sich dann als Maschinen- und Bauhilfsarbeiter durch, wird Hausdiener bei einer Baufirma, nebenbei Hutmodell, und verbringt seine Freizeit beim Arbeitersportverein Fichte.

Da war es nur konsequent, dass der 22-Jährige 1929 KPD-Mitgleid wurde. In der Spätzeit der Weimarer Republik trat er im Agitprop-Kabarett der Roten Hilfe auf und sammelte erste Schauspielererfahrungen auch als Statist bei Piscator und Slatan Dudows Klassiker des proletarischen Films Kuhle Wampe, zu dem Brecht das Drehbuch und Hanns Eisler die Musik schrieb. Zu Geschonnecks frühen großen Theatereindrücken gehörte die Dreigroschenoper. Mit den Songs von Brecht und Weill, heimlich vorgetragen, half er später seinen Mitgefangenen im KZ Sachsenhausen über einen trüben Weihnachtsabend. 1959 stand er als Macheath auf der Bühne: unter Benno Bessons Regie in Rostock.

Im August 1933 ging der junge Kommunist mit einer jüdischen Theatergruppe nach Polen. Prag und die Sowjetunion folgten als Stationen seines künstlerischen Exils. Er wurde Mitglied des deutschen Kolchostheaters in der Ukraine, das in Dnjepropetrowsk und Odessa Stücke von Kleist, Friedrich Wolf, Tschechow und sowjetischen Autoren aufführte. Sein Antrag auf Aufnahme in die KPdSU bewahrte ihn nicht vor den bitteren Erfahrungen des Stalinismus: Ensemblekollegen verschwanden, er selbst wurde gleich anderen Emigranten 1937 ausgewiesen.

Schlimmeres folgte. Als Geschonneck aus der von den Nazis besetzten Tschechoslowakei nach Polen zu entkommen versuchte, verriet ihn ein Spitzel an die SS, Beginn einer sechsjährigen Leidenszeit in den KZs Sachsenhausen, Dachau und Neuengamme. Mit der Figur des Lagerältesten Krämer in Frank Beyers Verfilmung von Bruno Apitz´ Buchenwald-Roman Nackt unter Wölfen (1963) verband sich für dessen Darsteller dann ein Stück eigenen Lebens. Doch selbst in jenen harten Jahren gab es Lichtblicke. Als im Krieg die KZ-Insassen für die Rüstungsindustrie schuften mussten, genehmigte der SS-Lagerschulungsleiter von Dachau 1943 als "begrüßenswerten Beitrag zur Freizeitgestaltung" die Aufführung des von einem Häftling geschriebenen Theaterstücks Die Blutnacht auf dem Schreckenstein oder Ritter Adolars Brautfahrt und ihr grausiges Ende oder Die wahre Liebe ist das nicht. Geschonneck spielte die Hauptrolle.

Seine Nachkriegskarriere begann an Ida Ehres Hamburger Kammerspielen, bevor es ihn im Mai 1949 nach Berlin zog, wo Brecht gerade im Begriff war, sein Berliner Ensemble aufzubauen. Mit dem Matti in Herr Puntila und sein Knecht Matti eröffnete Geschonnecks seine beste Theaterzeit. Die endete leider schon 1955, als er sich ganz für den Film entschied, was Brecht dem von ihm erkannten "proletarischen Genie" nie verzieh.

Die DEFA hatte es schon vorher entdeckt. In Paul Verhoevens Märchenfilm Das kalte Herz (1950) spielte Geschonneck den bösen Holländer-Michel. Der sei "zu einer Gestalt aus dem Abnormitätenkabinett gemacht" worden, räsonnierte der Kritiker des Neuen Deutschland. Noch mehr missfiel den kulturpolitischen Beckmessern Geschonnecks nächste Rolle als der sich zum Scharfrichter der Nazis hergebende Schlächtermeister Teetjen in Falk Harnacks Arnold-Zweig-Adaption Das Beil von Wandsbek (1951). Der Film verschwand nach nur fünf Wochen Laufzeit auf sowjetische Intervention hin im Tresor und kam erst 1962 zu Arnold Zweigs 75. Geburtstag in einer um 20 Minuten gekürzten Fassung wieder in die Kinos. Als knapp 20 Jahre später Geschonneck 75 wurde, gab es auf seinen Wunsch eine Sondervorführung des vollständigen Films.

Auch um die Auferstehung aus Archiven zweier anderer Verbotsfilme kämpfte er als deren Protagonist. In Konrad Wolfs 1958 gedrehtem und erst 1972 gestartetem Film Sonnensucher spielte Geschonneck einen undogmatischen Parteisekretär; in Gerhard Kleins Generationskonflikte in einem Betrieb aufgreifenden Film Berlin um die Ecke einen alten kommunistischen Arbeiter mit KZ-Erfahrung, der als einziger den Jungen Vertrauen entgegenbringt. Der Film fiel dem DEFA-Kahlschlag nach dem ZK-Plenum vom Dezember 1965 zum Opfer und gelangte erst Ende 1987 in einer Rohschnittfassung im Studiokino des Berliner Babylon ans Licht der Leinwand.

Immer wieder hat sich Geschonneck in unterschiedlichen Rollen bewährt und war keineswegs nur der Proletarier vom Dienst. 1961 überzeugte er als Oberst Ebershagen in dem Fernseh-Fünfteiler Gewissen in Aufruhr (Regie: Günter Reisch, Hans-Joachim Kasprzik) und 1980 in Horst Seemanns Bobrowski-Verfilmung Levins Mühle als antisemitischer deutscher Mühlenbesitzer. Seine Vorliebe für komische Rollen ließ er dem pfiffigen Arbeiter Kalle zugute kommen, der im ersten Nachkriegssommer per pedes für die Beschaffung einiger Fässer Karbid unterwegs ist, die zum Wiederaufbau einer zerstörten Zigarettenfabrik benötigt werden, einstige Arbeitsstätte des Nichtrauchers. Mit dessen Abenteuern bleibt Frank Beyers Karbid und Sauerampfer (1963) eines der wenigen gelungenen DEFA-Lustspiele. Diesem Regisseur verdankte der Schauspieler seine größten Erfolge. Beider Zusammenarbeit begann 1960 mit dem Spanienkriegsfilm Fünf Patronenhülsen und gipfelte in Beyers Verfilmung von Jurek Beckers Ghetto-Roman Jakob der Lügner, der einzigen DDR-Oscar-Nominierung, 1975 auf der Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet.

Damals hätte sich niemand vorstellen können, dass Erwin Geschonneck 18 Jahre später aus der Hand des Bundesinnenministers ein Filmband in Gold "für seine herausragenden Verdienste um den deutschen Film" erhalten würde. Da war er fast 90 und trotzte dem Alter mit Gastauftritten im Berliner Ensemble, bei Hörspielaufnahmen, Soloabenden und schließlich 1995 mit einer kauzigen Hauptrolle in der Fernsehkomödie Matulla und Busch, Regie führte Sohn Matti Geschonneck.

Als Meister eines Chemiebetriebes, der an seinem letzten Arbeitstag eine Lebensbilanz zieht, forderte Geschonneck in Roland Gräfs Bankett für Achilles (1975) seinen Nachfolger auf, auch mal mit dem Kopf durch die Wand zu stoßen. Das musste schon der Regisseur, um den Stoff gegen den Widerstand dogmatischer Kulturwächter durchzusetzen. Geschonneck selbst scheute sich nie, unbequem zu sein. "Die Verantwortung des Schauspielers seinem Publikum gegenüber, die Wahrheit zu sagen und sie nicht zu verschleiern, indem er den gesellschaftlichen Widersprüchen und Problemen aus dem Wege geht, ist besonders hoch, wenn es um die Widersprüche und Probleme unserer sozialistischen Wirklichkeit geht", betonte er einmal in der DDR und gab zu bedenken: "Wissen, politische und soziale Erfahrung allein sind noch kein Garantieschein für künstlerische Meisterschaft". In Erwin Geschonnecks Persönlichkeit war all dies vereint: ein Schauspieler, wie es heute keinen mehr gibt, und mehr als "nur" ein Schauspieler.

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