Nachruf auf Samir Flores Soberanes

Gewalt in Mexiko Wenn der Tod im Morgengrauen an die Tür klopft
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Es ist morgens, ca. 5:30Uhr im kleinen Dorf 2 Stunden südlich von Mexiko-Stadt gelegen. Samir Flores ist zu Hause, bereitet seine Sendung für den lokalen und freien Radiosender Amillzintko vor. Von draußen tönen Stimmen. Die Mutter meint, sie rufen Samirs Namen. Er öffnet die Türe und wird direkt von 4 Kugeln getroffen. Zwei davon in den Kopf. Samir stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus.

Es ist eine Tragödie. Es ist Alltag. Alltag in Mexiko, einem Land, dass vor Gewalt bebt und brodelt. In verschiedenen Stadtteilen der Hauptstadt, in den Bundesstaaten Guerrero und Sinaloa, die die Mexikaner selbst als „vergammelt“ (podrido) und hoffnungslose Fälle bezeichnen, ist keine Kontrolle mehr vorhanden. Die zersplitterten Drogenkartelle bekriegen sich unter einander. Es geht um territoriale Macht. Doch auch die Zivilgesellschaft leidet unter ihren bewaffneten Auseinandersetzungen und der Straffreiheit, die eine der Hauptursachen des Verderbens Mexikos darstellt. Wer die eingeforderten Schutzzahlungen nicht leistet, wird abgeknallt. Wer sich suspekt verhält, ebenso. Skrupellos, denn es sind keinerlei Folgen zu befürchten. Staatliche Institutionen und hochrangige Politiker sind in die unendlichen Ketten der organisierten Kriminalität verwoben. Gerade erst wurde im Rahmen des Prozesses gegen den prominenten Drogenboss El Capo bekannt, dass auch der vor wenigen Monaten aus dem Amt ausgeschiedene Expräsident Enrique Peña Nieto Beträge in Millionenhöhe von ihm erhalten hat. Auch das Militär, das bald zur Nationalgarde umgewandelt oder umgeschult werden soll, um als zivile Institution für mehr Sicherheit im Land zu sorgen, steckt mit den „Narcos“ (Drogenhändlern) unter einer Decke. Bestechungen sind an der Tagesordnung, die Korruption reicht bis an die Haarwurzel im dichten Schopf Mexicos.

Es geht um Rohstoffe, das Land ist groß und reich an Vorkommen allerlei. Es geht um Macht, um was auch sonst.

Im Falle Samirs ging es aktuell um ein Wasserkraftwerk, das unweit seines Dorfes erbaut werden soll. Mit der Ratifizierung des Plans zu dessen Erstellung im Jahr 2009 begannen die Gegenstimmen und der Protest anzuschwellen. Das Projekt war wegen zivilgesellschaftlichem Widerstand pausiert worden. Mit seinem Amtsantritt hat der neue Präsident es wieder zum Leben erweckt. Am 23. Februar (übermorgen) soll die Volksbefragung stattfinden. Der 36 jährige Samir, vierfacher Vater, ist über die Bundesstaatsgrenze für sein zivilgesellschaftliches Engagement bekannt. Seit seiner Jugend organisiert er sich für die Rechte der Bauern und die agroökologische Bewirtschaftung in der Region, gründete einen unabhängigen Radiosender und verschrieb sich dem Kampf gegen die unverhältnismäßige Ausbeutung natürlicher Ressourcen. „Samir hatte keine Feinde außer die Leute, die das Dampfkraftwerk (termoeléctrica) in Amilcingo vorantrieben“, bestätigt Juan Carlos Flores[1]. Samir wird mit Emiliano Zapata verglichen, jenem Aktivisten, der sich Anfang des 20.Jahrhunderts für die Bauernrechte einsetzte und eine führende Figur in der mexikanischen Revolution darstellt. Seine Familie, Freunde und Unterstützer richten sich nun explizit gegen die Regierung, welche zu einer Volksbefragung zur Errichtung des Dampfkraftwerkes sowie der Verlegung einer Erdgasleitung aufgerufen hatte. Der derzeitige Präsident, Andrés Manuel López Obrador, empfindet den Verzicht auf deren Implementierung als Vergeudung vorhandener Energien. Er „übersieht“ die lokale Bevölkerung, denen der Zugang zur Wasserversorgung nicht mehr gewährleistet würde, die Bäuerinnen und Bauern die buchstäblich auf dem Trockenen bleiben, sollte das Projekt fortgesetzt werden. Korporative Interessen stehen denen der Bürger gegenüber. Es ist ein Streit zwischen Machtinhabern und dem Volk, ein Streit, bei dem jegliche Mittel erlaubt zu sein scheinen. In Mexiko wurden allein dieses Jahr bereits mindestens 6 Aktivisten getötet. Und die Morde gehen weiter, so lange keine weitreichenden Maßnahmen zu deren Bekämpfung ergriffen werden.

Die Hoffnung, die López Obrador in seinen (all!) morgendlichen Ansprachen verbreiten will, seine Versprechen zur Bekämpfung der Korruption und zur Ergreifung von Maßnahmen zur Wiederherstellung der nationalen Sicherheit haben einen bitteren Nachgeschmack. Zivilgesellschaftliche Organisationen sieht er als konservationistische Zwischenhändler, vielleicht stehen sie ihm jedoch nur im Weg auf seinem autoritären Vormarsch. Unter seinen ersten Amtshandlungen war die rigorose Kürzung der Mittel zum Umweltschutz, es fehlt ein Fokus auf die fortschreitende Verletzung von Menschenrechten im Land. Der Antrag auf die Implementierung der sogenannten Nationalgarde wurde soeben angenommen. Einer Militarisierung des Landes, der die Vereinten Nationen und die Regierungen vieler Länder äußerst kritisch gegenüberstehen, steht somit nichts mehr im Wege. Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen, das war bereits in der vergangenen Legislaturperiode ein Reinfall. Die Mordraten sind so hoch wie nie, die Straffreiheit ungebremst.

Der Fall Samir Flores Soberanes unterstreicht in all seiner Grausamkeit den Alltag des Lebens von Aktivistinnen und Aktivisten im zerrütteten Mexiko. All unser Mitgefühl, all unsere Solidarität gilt der Familie Samirs und den Unterstützern der Initiativen gegen die Verletzung von Menschenrechten, für eine Gleichberechtigung in einem polarisierten Land.

[1] Glora Muñez Ramos, “Ejecutan a líder opositor a termoeléctrica de Huexca”, La Jornada, 21/02/2019

20:22 25.02.2019
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Geschrieben von

Helen

Umweltbewusst und systemkritisch, Lateinamerika-affin und lebensdurstig.
Helen

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