Helke Ellersiek
21.04.2017 | 18:42 5

13 Gründe für Sensibilität

Suizid Die Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" soll Schüler vom Mobbing abhalten. Man kann sie aber auch als eine Anleitung zum Selbstmord sehen. Das ist gefährlich

Das Setting ist so normal wie möglich: eine ganz gewöhnliche Highschool den USA, die Hauptperson ein gewöhnliches Mädchen in der Oberstufe. Die 17-Jährige Hannah ist durchschnittlich selbstbewusst, ein bisschen hübscher, etwas anständiger als andere. Dann nimmt sie sich das Leben und hinterlässt 13 Kassettenseiten mit Gründen für ihren Suizid. Wie kann das sein? Was ist passiert? Wie hätte man das verhindern können? Die Netflix-Serie Tote Mädchen lügen nicht (Englischer Titel: 13 Reasons why) will sagen: Wir sollten mehr aufeinander achten. Sie erzählt aber auch eine allzu nachvollziehbare Geschichte von einem jungen Mädchen, das sich umbringt – und damit ein wirkungsvolles Zeichen setzt.

Hannahs Geschichte ist die eines gut aussehenden, glücklichen und wahnsinnig anständigen Mädchens. Sie wächst behütet von Eltern auf, die zwar ihren Drugstore vor der Pleite bewahren müssen, aber eine intakte Ehe führen und ihr Kind über alles lieben. Während Hannahs frühreife Mitschüler von Helikoptereltern genervt werden, genießt sie das Vertrauen ihrer Eltern, das sie nicht ausreizt. Sie trinkt ein wenig Bier und träumt von der ersten Liebe. Mehr nicht.

Trotzdem gerät sie in Verruf. Bei ihrem – fast lächerlich keuschen – ersten Kuss mit Stufenpromi Justin auf einem Spielplatz fotografiert dieser ihr auf der Rutsche unter den Rock. Als das Foto die Runde macht, wird Hannah von der amerikanisch-prüden, sexistischen Highschool-Community gleich als Schlampe abgestempelt. Von da an geht es den Bach runter, und so widmet Hannah Justin die erste Kassettenseite ihrer Serie.

Eingebetteter Medieninhalt

Die Dramaturgie der Serie ist so angelegt, dass man während den ersten der 13 Folgen, die je für eine Kassettenseite stehen, nicht wirklich nachvollziehen kann, wie diese für sich genommen zunächst teils harmlosen Vorkommnisse zum Selbstmord führen können. Der Zuschauer soll sich fragen, wie all das einen Selbstmord und Hannahs strenge Schuldzuweisung an ihre Stufenkollegen rechtfertigt.

Gefährliche Erzählung

Ein Beispiel ist Nummer drei auf ihren Kassetten, eine Liste ihres ehemaligen Cliquenfreundes Alex. Dort landet Hannah in der Kategorie "Best Ass", bester Hintern, ganz oben, was sie über Folgen hinweg fertig macht. Aus emanzipatorischen Gesichtspunkten, gerade bei Pubertierenden, ist nachvollziehbar, dass so etwas aufregen kann. Aber es bringt einen doch nicht um. Oder doch?

So ertappt man sich am Ende der Serie – nach 13 Kassettenseiten und 13 aufeinander aufbauenden Gründen – dabei, Hannah zu verstehen: wie eine ignorante Stufengemeinschaft, Mobbing, ein sexistisches Frauenbild und dadurch ausgelöste Übergriffe ein junges Mädchen in den Selbstmord treiben konnten.

Eine Erzählung wie diese birgt aber auch Gefahren. So gibt es im Journalismus für die Berichterstattung über Suizide Empfehlungen von Suizidhilfen und Richtlinien vom Presserat, um den sogenannten Werther-Effekt zu verhindern. Dieser basiert auf der Beobachtung, dass sich nach Goethes "Die Leiden des Jungen Werther" Suizide unter jungen Menschen gehäuft haben sollen. Es gilt heute als wissenschaftlich bewiesen, dass detaillierte Berichterstattungen über Suizide tatsächlich zu "Suizidwellen" führen können. Viele Medien und Journalisten nehmen die Gefahr ernst genug, um sich an die Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention zu halten.

Demnach sollten Medien

  • Berichte über Suizide nicht als TOP-News verbreiten
  • Keine Abschiedsbriefe und Fotos der betreffenden Person insbesondere auf Titelseiten veröffentlichen
  • den Suizid nicht als nachvollziehbare, konsequente oder unausweichliche Reaktion oder gar positiv oder billigend darstellen. Es sollte auch nicht der Eindruck erweckt werden, etwas oder jemand habe „in den Suizid getrieben“

  • die Suizidmethode und den Ort nicht detailliert beschreiben.

Gegen jede Regel

Für Bücher, Filme oder Serien gibt es diese Richtlinien bis dato nicht. Wie sollten solche Richtlinien auch mit künstlerischer Freiheit vereinbart werden? Dennoch ist auffällig, dass die Serie jede dieser journalistischen Regeln bricht. Der Suizid und dessen Geschichte ist Hauptthema der Serie. Die Person, die sich das Leben nimmt, ist die Protagonistin. Hannah ist durch ihre Stimme auf den Kassetten und ihr Gesicht in den Rückblicken visuell und akustisch erfahrbar. Die Dramaturgie der Serie ist darauf ausgelegt, den Selbstmord nach und nach, von Episode zu Episode, nachvollziehbar zu machen. Ihre 13 Anklagen auf 13 Kassettenseiten sind ausführliche Beschreibungen, wie sie "in den Selbstmord getrieben" wurde. Und zu guter Letzt wird ihr Selbstmord nicht einfach nur angedeutet, sondern in einer ausführlichen Szene außergewöhnlich detailliert gezeigt.

Immerhin eine Vorsichtsmaßnahme ergreifen die Macher der Serie. Vor Beginn der letzten Folgen werden Disclaimer eingeblendet: "Die folgende Episode enthält Szenen, die manche Zuschauer verstörend finden können und/oder vielleicht nicht geeignet für jüngeres Publikum sind, sie enthalten Darstellungen von Gewalt und Suizid. Dem Zuschauer wird zu Umsicht geraten". Vom Anschauen abhalten wird das vom Suizid faszinierte Teenager jedoch wohl kaum. Ähnlich wie FSK-Freigaben kaum elfjährige Herr-der-Ringe-Fans vom Sehen des Blockbusters abhalten dürften, nur weil sie ein Jahr zu jung sind. Apropos, bei der Netflix-Serie wird derzeit die Altersfreigabe noch geprüft.

Sinnvoller wäre aber ein Äquivalent zur Vorgehensweise im Journalismus. Viele Medien stellen unter Berichte zum Thema Selbstmord – wie auch unter diesen Artikel – Hinweistexte zu Beratungsstellen für Suizidgefährdete. Die Einblendung eines solchen Hinweises nach jeder Episode könnte Jugendlichen eine sinnvolle Alternative zu den (Beratungs-) Lehrern in der Serie selbst geben. Diese bemerken Hannahs Situation nicht nur nicht, sondern erweisen sich auch noch als völlig inkompetent. Die Serienmacher wären hier in der Verantwortung, suizidgefährdeten Jugendlichen klar zu machen, dass sie in der Realität nicht allein sind – wenn schon die Fiktion keinen Ausweg für die Protagonistin parat hat. Wenn es Netflix mit der Serie um einen sensiblen Umgang mit selbstmordgefährdeten Teenagern geht, sollte sich das Portal bei seiner hohen Reichweite unter Jugendlichen in mindestens so großer Verantwortung sehen wie Zeitungen. Und wenn die Serienmacher schon keinen national angepassten Beratungshinweis anhängen, sollte doch ein genereller Hinweis auf Beratungsstellen – nach der Serie oder unter der Serienbeschreibung – keinen gr0ßer Aufwand für Netflix darstellen.

Nicht nur für die aktuelle Staffel sollte das Portal diese Überlegung in Betracht ziehen. Auch die kommende Staffel verspricht, ein heißes Eisen anzupacken (Spoiler im Link), für das es in der journalistischen Berichterstattung aus guten Gründen Richtlinien gibt.

Hilfe und Beratung:
Menschen, die unter Depressionen leiden und Suizidgedanken haben, finden bei der Telefonseelsorge online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 rund um die Uhr Hilfe. Jeder Anruf ist anonym, kostenlos und wird weder von der Telefonrechnung noch vom Einzelverbindungsnachweis erfasst. Direkte Anlaufstellen sind zudem Hausärzte sowie auf Suizidalität spezialisierte Ambulanzen in psychiatrischen Kliniken, die je nach Bundesland und Region unterschiedlich organisiert sind. Eine Übersicht über eine Vielzahl von Beratungsangeboten für Menschen mit Suizidgedanken gibt es etwa auf der Website der Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention.

Angehörige, die eine nahestehende Person durch Suizid verloren haben, können sich an den AGUS-Verein wenden. Der Verein bietet Beratung und Informationen an und organisiert bundesweite Selbsthilfegruppen.

Kommentare (5)

ThomasF 22.04.2017 | 16:54

Der Freitod ist Teil der menschlichen Lebensrealität und - wie die Bezeichnung schon sagt - Teil der menschlichen Freiheit. Ich halte nichts davon, Menschen, die über die Beendigung ihres Lebens nachdenken, als "gefährdet" anzusehen, und ich halte nichts von einer Tabuisierung, wie sie immer noch in den journalistischen Medien passiert. Es grenzt an (Selbst)Zensur, wenn es verpönt ist, einen Suizid als begründete Entscheidung darzustellen, was er in vielen Fällen nun mal ist.

Niemand kann pauschal sagen, dass dieses Leben, mit allem Leid das es enthält, besser ist als dauerhafte Bewusstlosigkeit. Und niemand hat das Recht, dem Einzelnen diese Wahl abzunehmen.

Anelim Aksnesej 22.04.2017 | 17:20

Die Wahl abzunehmen geht nicht,weil Mensch per se den Nichtvollzug nicht einimpfen kann.Ich persönlich vertrete die Meinung,daß Selbstmorde unter jungen Menschen verhindert werden können,wenn dem Vorausgang der persönlichen Geschichte das entsprechend ausgebildete Personal involviert ist-z.B.Schulsozialarbeiter-ich lebe in einer Stadt mit hoher Arbeitslosigkeit und mehreren Jahrgängen von Menschen,die genauso im Hierbleiben verharren und warten und warten und warten....Kinder wachsen in derselben Blase auf-ufff....Chrystel ist noch nicht groß im Kommen aber da bin ich kein Zweckoptimist mehr.

HysterischerHistoriker 03.05.2017 | 15:57

Der Kommentar zu dem Thema der Serie, dem Suizid eines jungen Mädchens, und dem Vergleich zu der journalistischen Handhabe des Thema Freitods kann ich nachvollziehen, jedoch finde ich die Serie an sich äußerst problematisch.
Die "Highschool" ist stark simplifiziert dargestellt, kein Schüler und keine Schülerin ist wahrhaftig glücklich, es gibt keine oder nur schlechte Ansprechpartner für sie und sowieso keine Perspektive. Lust auf Schule, Spaß und Freizeit? Fehlanzeige (selbst in den zahlreichen Flashbacks)!

Probleme ansprechen, offener Umgang mit Mitschüler*innen sowie richtige Freundschaft(en) finden sich selten in der Serie. Positive Seiten am Schulleben werden kaum aufgezeigt (Sportveranstaltungen) doch die negativen Klischees (Bloßstellung, Ausgrenzung etc.) des Schullebens werden alle bereitwillig in die Serie aufgenommen. Dies kann natürlich der Anspruch der Serie und ihrer Macher gewesen sein, doch eine allzu einseitige Betrachtungsweise lässt sich selten finden.

Die langatmige Erzählweise und die zahlrreichen Wiederholungen "wichtiger" Sequenzen machten das Anschauen der Serie im Mittelteil zum Graus. Die letzten Folgen hingegen sind wieder empfehlenswert(er)...

Schlussendlich muss ich jedoch zugeben, dass das Thema der Serie den Nerv der Zeit trifft und sie trotz ihrer o.g. Schwächen für die Altersgruppe sehenswert ist. In einer Zeit, in der Dinge nicht passiert sind, die nicht in einer Snapchat-Story zu finden sind, ist es gut, dass es eine Serie gibt, die aus der Perspektive eines Opfers aufzeigt, was alles im Umgang mit den Mitmenschen schief gehen kann. Dass die Serie auf und von Netflix ist, macht sie zusätzlich für eben jene Altersgruppe attraktiv, die das klassische Fernsehprogramm nicht mehr verfolgt und sich tagtäglich im Internet bewegt.