"Das sind keine Bittsteller"

Pfandsammler In Köln wird der Pfandring getestet. Die Erfindung von Paul Ketz zieht auch linke Kritik auf sich, Armut werde zementiert. Ein Gespräch über Arbeit, Rohstoffe - und Würde
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Du hast dir den Pfandring ausgedacht, ihn geplant und entwickelt und stellst ihn selbst her. Wie kamst du auf die Idee? Und was ist dir wichtiger: Die soziale oder die ökologische Komponente?

Paul Ketz:
Meine Initialzündung war natürlich nicht, dass ich dachte „Wir müssen Rohstoffe sparen!“. Sondern ich habe gedacht: Die einen werfen etwas weg, die anderen holen es raus – das stört mich. Da muss eine Brücke hin. Deshalb wollte ich dann einfach die Recyclingfunktion erweitern, um die Leute da abzuholen, wo sie schon sind.

Der Aspekt der Würde taucht in dem Zusammenhang häufig auf. Ist das nicht problematisch, den Zwang, von weggeworfenen Pfandflaschen anderer zu leben, mit "Würde" in einen Satz zu bringen? Ist Pfandsammeln menschenwürdig?

Das kommt darauf an, als was man das Pfand betrachtet. Ist das wirklich Müll?

Es wird von anderen benutzt und weggeworfen... Wird Armut menschenwürdiger wenn man nicht mehr mit beiden Armen in den Müll tauchen muss um zu überleben, sondern aus einer Vorrichtung nehmen muss, was andere achtlos liegen lassen?

Aber in Wahrheit ist das kein Müll. Das ist ein wertvoller Rohstoff. Natürlich ist Armut nicht menschenwürdig. Aber es ist eine andere Sache.

Durch die Argumentation kam auch der Vorwurf ins Spiel, man wolle mit dem Pfandring Armut verwalten.

Wir designen nicht auf Papier für irgendeine Welt, die es nicht gibt, sondern wir designen für das Hier und Jetzt. Da muss man nun mal pragmatisch denken. Und ich sehe es überhaupt nicht so, dass es eine Verwaltung von Armut ist. Selbst wenn es niemanden gäbe, der aus Bedürfnisgründen Flaschen sammelt, hätten wir immer noch das Problem mit den Flaschen, dem Rohstoff. Man könnte Leute einstellen, die dann herumlaufen und Flaschen einsammeln. Ich behaupte auch gern dass Flaschensammler Dienstleister im Namen der Umwelt sind. Das sind ja auch keine Bettler. „Es löst nicht das Grundproblem in Deutschland!“ Das sagen ja die Leute. Schau mich an. Ich bin eine Einzelperson, und habe weder die Macht noch die Intention, das Problem durch den Pfandring zu lösen. Denn erstens ist es vermessen und zweitens ist das außerhalb meiner Möglichkeiten. Das ist ja auch ein jahrelanger Entwicklungsprozess. Aber es ist eine Brückenlösung und außerdem ein starkes Kommunikationsmittel.

Weil die Leute sich die Probleme bewusst machen?

Ja, genau. Das mit der Würde sehe ich aber noch immer so. Es ist doch würdiger, eine Flasche hier vom Restauranttisch mitzunehmen, als sie aus dem Müll zu holen. Wenn es keine Pfandringe gibt, werden die Leute immer noch im Müll nach Flaschen suchen. Weil die Armut ebenso weiter da sein wird wie jetzt, mit den Ringen.

Also keine objektive Menschenwürde, sondern ein bisschen mehr Würde im Menschenunwürdigen. Glück im Unglück.


Ja, es ist schon ein Unterschied, ob ich dir etwas vor die Füße werfe, oder ob ich es dir gebe.

Es bleibt aber die Empfängerposition. Es ist vielleicht weniger demütigend. Aber die Abhängigkeit bleibt, und damit auch die Demütigung.

Aber jeder ist doch von irgendetwas abhängig. Von seiner Arbeit. Oder vom Staat. Oder von seinem Elternhaus. Ich sehe die Demütigung nicht. Pfandsammeln ist Arbeit. Man könnte das natürlich auch staatlich organisieren.


Der Zwang ist aber trotzdem da, weil es sonst nicht zum Leben reicht.

Das ist Ansichtssache. Wir arbeiten momentan alle, damit wir davon leben. Das sind keine Bittsteller. Diese Leute arbeiten. Ich verstehe die Problematik mit dem Begriff Würde, aber gleichzeitig finde ich, dass in der Diskussion zu oft Pfandsammler mit Bittstellern gleichgesetzt werden.
Übrigens haben die Pfandringe auch in einer Welt ohne Armut ihre Daseinsberechtigung. Weil Pfand nicht in den Müll gehört.

Der Kölner Designer Paul Ketz (25) gewann 2012 den Bundespreis Ecodesign für seinen Pfandring. Die erste Stadt, die den Pfandring einführte, war Bamberg, nun gibt es auch im Kölner Stadtteil Ehrenfeld ein Pilotprojekt - 10 Pfandringe wurden aufgehängt und auf ihre Praxistauglichkeit getestet. Viele Städte haben nun auch angefragt: Darunter Hameln, Troisdorf, Norderstedt, Leverkusen, Witten und Bielefeld.

Ein Video zeigt den ersten Versuch in Köln.http://www.youtube.com/watch?v=-gQLg15pe-s

http://www.paulketz.de/
18:11 23.05.2014
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Geschrieben von

Helke Ellersiek

Freie Journalistin. Leipzig, Köln, Berlin. Twitter: @helkonie
Helke Ellersiek

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