„Stadt–Land ist die Trennlinie“

Interview Über den Wegzug von Frauen aus Ostdeutschland wird viel berichtet. Julia Gabler forscht zu denen, die bleiben wollen
„Stadt–Land ist die Trennlinie“
Land in Sicht!

Foto: Anne Schönharting/Ostkreuz

Wenn gut ausgebildete ostdeutsche Frauen abwandern, führt ihr Weg nicht unbedingt nach Westen, aber in die Großstadt. Landflucht ist ein bundesweites Phänomen. Was muss getan werden, damit Frauen bleiben? Die Soziologin Julia Gabler sucht Antworten für den Osten.

der Freitag: Frau Gabler, 30 Jahre nach der Wende ist es nicht gelungen, die Abwanderung junger, qualifizierter Frauen aus Ostdeutschland zu stoppen. Was hat sich seit 1990 verändert?

Julia Gabler: Die Abwanderungsziele sind andere geworden. Die Trennlinie heißt nicht mehr Ost–West, sondern Stadt–Land. Wer weggeht, geht nicht mehr zwingend nach München, sondern auch in ostdeutsche Großstädte wie Jena, Leipzig oder Dresden. Das Problem ist heute also, wie überall, eher die Landflucht. Und natürlich der fehlende Zuzug.

Wer geht besonders häufig?

In unserer Studie „Wer kommt, wer geht, wer bleibt?“ haben wir bei den Abiturient:innen und Studierenden keinen eindeutigen Geschlechterbefund mehr feststellen können. Den jungen Leuten, besonders denen nach dem Geburtenknick nach 1990, fehlt auf dem Land geschlechterübergreifend die Peergroup. Die finden sie in der Stadt. Deutlich wird der Geschlechterunterschied eher bei den Oberschulabgänger:innen, da wollen die jungen Frauen dreimal so oft weg wie die Männer.

Woran liegt das?

Ein Problem liegt in der Branchenstruktur. Es gibt viele technische Berufsausbildungen, auch ländliche Hochschulen sind oftmals technisch-naturwissenschaftlich dominiert. Das ändert sich in den letzten Jahren deutlich. Allerdings herrscht auch hier vielerorts noch ein tradiertes Berufsverständnis, das technische Berufe vor allem Männern zuordnet, während Frauen eher in die sozialen Berufe streben. Es gibt im überalternden Ostdeutschland einen hohen Pflegebedarf, aber in dem Bereich wirken die Qualifizierungschancen und Jobs auf die jungen Frauen nicht attraktiv. Da hat sich im Ausbildungsangebot in den letzten Jahren zu wenig getan.

Und die bereits qualifizierten Frauen?

Auch Frauen mit abgeschlossener Ausbildung oder Studium wünschen sich bessere Jobs und mehr Anerkennung. Frauen in hohen Verantwortungspositionen beklagen in den Unternehmensstrukturen eine patriarchale Kultur mit wenig Veränderungsbereitschaft, in denen sie ihre Expertise nicht durchsetzen können.

Ostdeutschland hat doch immer den Ruf, in Emanzipationsfragen so fortschrittlich zu sein?

Marginalisierung von Frauen in Betrieben ist definitiv kein ostdeutsches Ding. In der Steiermark finden Sie das gleiche Phänomen. Es sind auch nicht nur die Unternehmenschefs vor Ort, das kann auch der Handwerkskammerchef aus der nächstgelegenen Metropole sein, der fragt: Wieso soll ich Unternehmerinnen fördern? Sie behelfen sich dann oft durch Eigeninitiative, indem sie selbst Netzwerke gründen. Denn auch Interessenverbände vor Ort sind häufig männlich dominiert.

Trotzdem erleben Rückkehrinitiativen derzeit viel Zuspruch: Es ziehen Leute zurück aufs Land. Ist das nicht ein gutes Zeichen?

Das ist es. Aber man sollte sich nicht täuschen lassen: Die Rückkehrinitiativen werden in der Öffentlichkeit zwar oft von Frauen vorgestellt, doch die Rückkehrenden sind häufig Männer. Und was die Rückkehrerinnen angeht, mussten wir feststellen: Solange die Frauen abwesend sind, werden sie sich herbeigewünscht, aber wenn sie dann da sind und was anstoßen wollen, vielleicht auch Kritik äußern, haben viele das Gefühl, gegen Mauern zu laufen.

Zur Person

Foto: privat

Julia Gabler ist wissenschaft liche Mitarbeiterin am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung Potsdam, lebt in Görlitz und forscht u. a. zu den Verbleibchancen qualifizierter Frauen in Ostsachsen sowie zum Strukturwandel in der Lausitz

Was muss anders werden, damit die Frauen zurückkommen?

Es geht doch einen Schritt vorher los: Was müssen wir tun, damit die Frauen bleiben – und was bieten wir denen an, die geblieben sind? Es stört mich, wie das in der Debatte unter den Tisch fällt. Als ich in die Lausitz gezogen bin, kannte ich auch dieses Stereotyp, dass nach der Wende die Frauen gegangen und die unqualifizierten Männer zurückgeblieben seien.

Aber?

In Görlitz habe ich festgestellt, dass es hier engagierte, vielfältig qualifizierte Frauen gibt – nicht in großer Quantität, aber dafür in einer unglaublichen Qualität. Ich fand interessant, was sie zum Zuzug, zur Rückkehr oder nach der Wende zum Bleiben bewogen hat.

Wollten oder konnten die Frauen nicht weg?

Oft wird Abwanderung als Reaktion auf fehlende Entwicklung gedeutet, das Bleiben als Passivität. Aber auch das Bleiben kann eine aktive Handlung sein, nicht automatisch Kapitulation oder ausgebliebenes Weggehen. Vor allem ist es ein Prozess: Viele können sich vorstellen, noch mal woanders hinzuziehen, würden aber gern bleiben, wenn sie in der Entwicklung der Region eine Rolle spielen können. Dabei sagen die Frauen nicht, tragt mal die Angebote an uns heran, sondern sie werden selbst aktiv. Viele gründen einen Verein. Die Frauen hier sind unglaublich agil darin, Ansprechpartner zu finden und Verbündete für ihre Anliegen ins Boot zu holen.

Was sind das für Anliegen?

Es gibt hohen Bedarf an besseren Weiterbildungsangeboten. Viele wünschen sich von den Hochschulen mehr Strahlkraft, von den Betrieben mehr Unterstützung. Es fehlt auch an guten Jobs. Mobilität ist für Frauen ein wichtiges Thema, entscheidend für soziale Teilhabe und die Suche nach dem Arbeits- oder Ausbildungsplatz. Es geht aber nicht darum, aus den Dörfern westdeutsche Metropolen zu bauen. Das Reden von der „Angleichung der Lebensverhältnisse“ ist auch Augenwischerei.

Wie meinen Sie das?

Es kann nicht Ziel sein, den Großstädten nachzueifern. Es gibt Vorteile auf dem Land, die viele hier zu schätzen wissen: wenn die Kinder auf dem Schulweg nicht dem Stadtverkehr ausgesetzt sind. Wenn das Angebot nicht erschlagend, sondern bedürfnisorientiert ist. Brauchen wir den nächsten Bioladen, oder gibt es auf dem Land nicht bessere Möglichkeiten, beim Landwirt einzukaufen?

Aber es gibt doch Probleme bei der ländlichen Infrastruktur.

Klar. Aber das ist ja hier kein Wettbewerb, in dem möglichst viele gebratene Tauben durch die Luft fliegen, damit irgendwie Leute kommen. Es gibt Städte in der Lausitz, die viel von ihren Gewerbeeinnahmen, etwa aus der Kohleindustrie, in Infrastruktur investiert haben. Da könnte man ja sagen: Die haben alles, die ausgebauten Straßen, die Buslinien, die Sparkasse.

Und was fehlt dann?

Das fragen die Bürgermeister auch: „Was mache ich denn jetzt mit meinen Frauen hier?“ Ich antworte immer: Na, wenn die sich regelmäßig treffen, gehen Sie doch mal hin und trinken Sie einen Kaffee mit denen. Fragen Sie, was die da machen, ob sie was brauchen. Uns war wichtig, nicht mit einem Katalog von Empfehlungen aufzutauchen, sondern zu fragen: Was läuft denn bisher? Was klappt gut? Dieses Selbstbild, dass alles irgendwie schlecht läuft, finde ich ganz typisch in den Regionen hier.

Mangelt es den ländlichen ostdeutschen Regionen an Selbstbewusstsein?

Das Weggehen seit der Wendegeneration steckt wie ein Trauma in den Leuten drin. Als ich den Job gewechselt habe, sind alle direkt davon ausgegangen: Ach, jetzt gehst du ja auch wieder weg. Ich habe mich gewundert, ich kann doch pendeln. Aber Abwanderung wird als so ein unschlagbares Motiv empfunden, dass Alternativen gar nicht denkbar scheinen. Immer dieser Blick: Das, was hier ist, das reicht nicht. Die, die bleiben, zählen nicht. Das schafft so eine Blase der Mutlosigkeit, in der Handeln immer schwieriger wird.

Aber es kommen doch nun mal zu wenig Leute.

Es werden aber auch die übersehen, die kommen. Als wir in Görlitz fragten, wie das Verhältnis von zugezogenen und einheimischen Studierenden ist, hieß es: „Ach, das sind hier zu 80 Prozent Leute aus der Region, die kommen hier eigentlich alle ausm Eck.“ Dann haben wir die Zahlen angeschaut und festgestellt: Nur 40 Prozent kommen aus der Region, der Rest ist zugezogen, die sehen die Hochschule offensichtlich als Anziehungspunkt. Die Binnenwanderung wird gar nicht mehr gesehen.

Okay, was muss sich ändern?

Wir müssen Strategien entwickeln, die Frauen mehr in die Wahrnehmung der Entscheidungsträger:innen zu rücken. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es eine große Überforderung mit der schieren Menge an Baustellen gibt, wenn die Leute isoliert voneinander sind. Eröffnet man aber Diskussionsräume, in denen sie sich austauschen können, wird das Organisationspotenzial sichtbar.

Sie haben dazu eine Plattform ins Leben gerufen, „F wie Kraft“.

Es war uns wichtig, nicht mit so einer städtisch-feministischen Haltung in die Dörfer zu kommen und zu sagen: Wir machen jetzt hier einen Tanzworkshop. Es geht um die Mitgestaltung des regionalen Wandels: geschlechtergerechter Strukturwandel, schrumpfende Städte, das sind Themen, bei denen die Frauen gehört werden müssen. Statt den Weggezogenen hinterherzutrauern, müssen wir endlich denen zuhören, die hiergeblieben sind.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 10.11.2020
Geschrieben von

Helke Ellersiek

Freie Journalistin. Leipzig, Köln, Berlin.Twitter: @helkonie
Helke Ellersiek

Ausgabe 48/2020

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