Am Reißbrett

Zum Tod von John Rawls Moralphilosophie vergisst, wie Kapitalismus funktioniert

Kein zeitgenössischer Autor - außer vielleicht Jügen Habermas - hat die neuere akademische Sozialphilosophie und Politische Philosophie so entscheidend geprägt wie der kürzlich im Alter von 81 Jahren verstorbene amerikanische Philosoph John Rawls.

Berühmt geworden ist Rawls mit seiner 1971 erschienenen Theorie der Gerechtigkeit. Darin verwirft er die damals in der angelsächsischen Moralphilosophie geläufigen utilitaristischen oder sprachanalytischen Ansätze und entwickelt mit vertragstheoretischen Argumenten eine Theorie der gerechten Gesellschaft: Gerecht sei nur eine strikte Gleichverteilung der Grundfreiheiten und Bürgerrechte sowie eine möglichst egalitäre Verteilung anderer "Grundgüter" wie Vermögen, Einkommen, Macht, Ansehen. Soziale Ungleichheit sei folglich nur akzeptabel, sofern sie langfristig eine Besserstellung der Benachteiligten (verglichen mit jeder egalitäreren Ordnung) gewährleiste, also auch in ihrem Interesse sei. Hier ergeben sich freilich komplexe empirische Fragen, ohne deren Klärung mit Hilfe von Rawls´ Theorie auch Ungleichheit legitimiert werden könnte. Rawls hat sich jedoch wenig auf diese Anwendungsprobleme seines "Differenzprinzips" eingelassen, sondern vage bleibende Formen der "Eigentümerdemokratie" oder des "Liberalsozialismus" vorgeschlagen und ersatzweise eine wohlfahrtsstaatliche Umverteilung im Kapitalismus befürwortet.

Es ergeben sich jedoch auch prinzipielle Einwände: Gehört "Gerechtigkeit" nicht zu jenen fundamental umstrittenen Konzepten, um deren inhaltliche Bestimmung der politische Kampf geht? Ist Rawls´ Anspruch, "unser" Gerechtigkeitsverständnis philosophisch vereinheitlichend zu rekonstruieren, nicht schon im Ansatz problematisch, weil er einen politischen und kulturellen Streit lösen will, bei dem jede Parteinahme von spezifischen Prämissen und Interessen bestimmt wird und für den es vermutlich - wie auch der anhaltende Disput der Philosophen zeigt - keine rational zwingende Entscheidung geben kann? Wäre es nicht fruchtbarer, die Heterogenität und die Widersprüche moderner Gerechtigkeitsvorstellungen - etwa zwischen Gleichheit und Leistungsprinzip, individueller Freiheit und kollektiver Daseinsvorsorge - herauszuarbeiten?

Zudem thematisiert Rawls die Gesellschaft primär als Verteilungsstruktur und blendet die Organisation der arbeitsteiligen Güterproduktion weitgehend aus. Indem er letztlich das Gemeinwesen als produzierende Einheit unterstellt, ohne die konkreten Produktionsverhältnisse und Machtstrukturen zu thematisieren, bleibt seine Philosophie ebenso wirklichkeitsfremd wie die seines Kontrahenten Robert Nozick, der den Einzelnen und sein Eigentum verabsolutiert. Mit der systematischen Ausblendung der realen Wirtschafts- und Vergesellschaftungsformen, ihrer Machtverhältnisse und Widersprüche, bleiben denn auch alle Probleme einer politischen Durchsetzung seiner egalitären Verteilungsutopie ungeklärt.

Nach Jahrzehnten einer relativen Annäherung der sozialen Lebensbedingungen in den westlichen Industriestaaten ist seit Ende der siebziger Jahre eine Zunahme der Ungleichheit, ja eine Oligarchisierung zumal der amerikanischen Gesellschaft festzustellen. Diese Diskrepanz zwischen dem philosophischen Boom des Gerechtigkeitsthemas und der zunehmend ungleichen Einkommens- und Vermögensverteilung sollte auch für Philosophen Anlass genug sein, sich verstärkt der Analyse der gesellschaftlichen Wirklichkeit und ihrer Ursachen zuzuwenden.

Statt solcher Hinwendung zur Wirklichkeit dominiert heute aber ein wohlgemuter Normativismus, der sich meist auf den Anspruch einer detaillierten Klärung des qua Vernunft - oder philosophischer Tradition - normativ Richtigen beschränkt und die "bloßen Tatsachen" sich selbst überlässt oder theoretisch geradezu verdrängt. So wird allzu häufig moralphilosophisch dargelegt, wie die Welt idealiter sein sollte und alles Weitere als "empirische Anwendungs- und Umsetzungsprobleme" in die philosophiefernen Niederungen der empirischen Wissenschaften oder der politischen Praxis abgewiesen. Wer aber die Welt ändern will, sollte versuchen, sie mit all ihren oft moralfernen Mächten und Prozessen zu verstehen. Wir brauchen wieder mehr Gesellschaftsanalyse statt Moralphilosophie!

John Rawls: eine Theorie der Gerechtigkeit. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2002, 674 S., 18 EUR

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