Abgesang

Isolation per Ohrstöpsel Die daniederliegende Musikindustrie sucht ihr Heil im Handy-Download

Warum die europaweit größte Musikmesse Popkomm im vergangenen Jahr vom Rhein an die Spree gezogen ist, muss eigentlich erstaunen. Berlin kann zwar auf eine Menge vorzeigbarer Clubs und Konzerthallen verweisen, und der Hauptstadt eilt der Ruf des Kreativen und Coolen voraus. Doch im Grunde hat die Musikindustrie keine Mittel für solche Eskapaden. Erneut ist der Umsatz im ersten Halbjahr 2005 um neun Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Raubkopierer können dafür nicht mehr verantwortlich gemacht werden. Die Misere sitzt tiefer.

Schon die Tatsache, dass in diesem Jahr nichts mehr von der Radioquote für deutschsprachige Musik zu hören war, zeigt, dass es ums Eingemachte geht: Der Musikbranche ist es inzwischen egal, woher die Gelder stammen; Hauptsache, sie fließen noch. Den Luxus einer patriotischen Selbstbeschneidung mag sich niemand mehr leisten. Überdies ist Radio kein Referenzmedium mehr. Eine aktuelle Studie bezeugt, dass "kein direkter Zusammenhang zwischen Radioquoten und dem Verkauf von Tonträgern nationaler Künstler besteht".

Musik wird nicht mehr im Formatradio weiter verbreitet, wo die ewig selben zwanzig Stücke laufen. Bei der Distribution spielt das Internet inzwischen eine größere Rolle. Und genau dort sucht die Musikbranche ihr Heil. Lange hatte es gebraucht, bis sie das Netz für sich entdeckte, aus Angst vor Raubkopierern. Jetzt will man sich keinen digitalen Cent mehr entgehen lassen. Nach den Download-Stationen wie iTunes und Musicload ist Mobile Music groß im Kommen. Songs werden via Mobilfunk auf eigens dafür ausgestattete Handys geladen. Wann immer es einem durch den Kopf schießt, kann so der spontane Kaufimpuls unmittelbar über den Äther befriedigt werden.

Schon weht ein bisschen New-Economy-Geist, der Duft des großen, weiten Webs, durch die Messehallen am Berliner Funkturm. Die Musikwirtschaft hat ihr Thema gefunden, und eifrig wird es auf der Popkomm ventiliert. Da macht es wenig, dass digitale Musik bislang gerade einmal sechs Prozent am Gesamtumsatz der Branche beträgt. Das lässt sich leicht schön rechnen. Die Beatles etwa kann man gar nicht herunterladen, die gibt es nur auf CD - und sie verzerren bloß das Zahlenspiel. In Großbritannien dagegen geschehen schon annähernd dreißig Prozent der Single-Verkäufe per Download. Außerdem sollen bis 2008 etwa 85 Prozent aller Handys Musik abspielen und downloaden können.

Vor lauter Begeisterung stoßen die Ideen von Dave Goldberg auf taube Ohren. Der Chef von Yahoo! Music will nicht recht an ein Geschäftsmodell auf der Basis von Stückpreisen glauben, sondern setzt auf Subskription. Für fünf Dollar im Monat kann man bei Yahoo! im Internet Songs im Bündel oder einzelne zu günstigeren Preisen und in besserer Qualität erstehen. Bislang haben davon 1,5 Millionen Kunden Gebrauch gemacht. Wirklich beeindruckend aber sind die Zahlen, die Yahoo! bei freier Musik vorweisen kann. Dort wechseln 300 Millionen Titel pro Woche die Festplatten. Sie wurden von Musikern zur Verfügung gestellt, die sich durch Yahoo! größere Aufmerksamkeit und Marketing durch Weiterempfehlung versprechen.

Aus dieser Perspektive den Tod des Radios zu verkünden, fällt kaum schwer. Goldberg glaubt, dass die individuelle Playlist, die sich jeder stimmungsabhängig für den iPod zusammenstellt, sowohl das Radio als auch das Fernsehen ersetzen wird. Radio werde sich zu einem reinen Talk-Medium entwickeln - wie jetzt schon das Musikfernsehen. Fragt sich bloß, wer dann noch Musiker promoten und sie zum Massenstar aufbauen soll. "Superstars verschwinden auch", meint Goldberg ohne Zaudern. Die Zukunft der Branche bestünde dann freilich nur noch aus Nischenmärkten ausdifferenzierter Musiksoziotope. Niemand bräuchte mehr Massenmedien, weil jeder nur im eigenen Geschmacksvorgarten jätet.

Doch Internet hin, Handy her - gegenwärtig braust ein ganz anderer Wind über die Musikbranche hinweg: der Boom der Konzerte. Warben Bands früher mit Konzerten für ihre Platten und CDs, verhält es sich heute genau umgekehrt: Die Tonträger wecken die Lust auf das Live-Erlebnis. Intime Clubkonzerte und riesige Massenspektakel ziehen das Publikum gleichermaßen an, koste es, was es wolle. Offenbar verlangen die Leute nach Künstlern und nicht nach digitaler Künstlichkeit, und sie wollen aus ihrer Ohrstöpsel-Isolation heraus. Die Sehnsucht nach dem Echten und Einmaligen ist in Zeiten digitaler Reproduzierbarkeit nur gestiegen.


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