Auf den Preis wird es ankommen

E-Book Ab sofort verkaufen auch Libri.de und die Thalia-Kette elektronische Bücher samt Lesegerät. Die Branche glaubt, von der Musikindustrie gelernt zu haben. Zu Recht?

Es drückt eine große Verunsicherung aus, dass sich die deutsche Verlagsbranche der Digitalisierung erst jetzt stellt - eineinhalb Jahre nach Amazons erfolgreichem Marktstart mit Kindle. Rund 5.000 Buchtitel sind zunächst im kostenpflichtigen Angebot, darunter Bestseller von Henning Mankell, Ken Follett und Eva-Maria Zurhorst. Parallel eröffnet der Börsenverein des deutschen Buchhandels ein eigenes Online-Portal namens Libreka mit ebenso vielen Titeln. Bis Ende des Jahres könnten es 15.000 sein – wenn die Kunden mitspielen.

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Karrieresprung dank E-Book

Ob dies der Fall sein wird, erscheint indes fraglich. Sonys E-Reader PRS-505 liegt zwar schön flach und silbrig glänzend in der Hand, und auch die vergleichbaren Geräte von Be Book, Txtr, Amazon und Iliad sind dank e-Ink-Verfahren alle sehr gut lesbar. Doch die Wunderdinger, die mehr als hundert vollständige Romane im Innern bergen, kosten ab 300 Euro aufwärts. Hinzukommen Preise für elektronische Bücher, die sich nah am Hardcover bewegen. „Wir sind der Meinung, dass elektronische Bücher preisgebunden sind“, sagt Detlef Bluhm, Geschäftsführer der Landesstelle Berlin-Brandenburg im Börsenverein des deutschen Buchhandels. „Man spart zwar den Prozess der körperlichen Herstellung, hat aber ganz andere Vorlaufkosten.“

Gemeint sind Investitionen in den Aufbau einer Serverarchitektur sowie Aufwendungen für das Umformatieren der Bücher. Die werden zwar von den Autoren längst digital geliefert und im Lektorat am Computer bearbeitet, bloß nicht im EPUB-Format, einem offenen Standard für E-Books. Auf der anderen Seite entfallen jedoch alle Kosten für Druck, Papier, Lagerung und Logistik. Wie man so auf einen Hardcover-Preis kommt, erscheint vollkommen unverständlich.

Die Angst vor den Piraten

In der Verlagsbranche ist man überzeugt, von der Musikindustrie gelernt zu haben. Die ist schon vor zehn Jahren von der Digitalisierung kalt erwischt worden und hat panisch nach allen Seiten ausgeteilt. Die damit verbundenen Fehler will die Buchbranche nun vermeiden. Beispielsweise werden deutsche E-Books keinen Kopierschutz (DRM) aufweisen. Man wird also ein elektronisches Buch Freunden ausleihen können, ohne seinen Reader aus den Händen zu geben. Wobei hier „leihen“ freilich „kopieren“ bedeutet. Im Gegenzug erhält man vielleicht ein anderes E-Book zurückgeliehen. Nur ein Wasserzeichen mit den Namen des Erwerbers und Verkäufers und einer Vorgangsnummer verweist auf die Besitzverhältnisse.

Große Angst machen den Verlagen deshalb Piraten und Raubkopierer. Im Vergleich zur Musikindustrie ist man jedoch traditionell abgeklärter und sich bewusst, dass fast alle Bücher als handgescannte PDF-Version bei Pirate Bay und über andere illegale Verteiler zu beziehen sind. Als der Hörbuchverlag ein Jahr lang recherchieren ließ, wie viele illegale Audio-Exemplare eines Harry-Potter-Bandes im Netz kursieren, kam die stolze Zahl 256.000 heraus. Die Geschichte des Buchdrucks ist voller Beispiele für Piraterie: vom Jahrhunderte langen Abschreiben und Plagiieren in Zeiten ohne Urheberrecht bis zur Raubdruckszene in den 1968er-Jahren. Damals wurde diskutiert, ob die in der Studentenkneipe angebotenen Raubdrucke das Original nobilitieren.

Schaut auf das Musikgeschäft

In gewisser Weise ist das heute immer noch so. Die Tauschbörsen-Stars sind meist identisch mit den Bestsellern. Ein mannigfach kopiertes Buch verweist auf einen hohen kulturellen Gebrauchswert. Bloß am Tauschwert hapert es. Es gibt Musiker wie den Berliner Komponisten Christian von Borries, die daran zweifeln, ob es sich bei digitaler Musik – mangels Tauschwert – um Waren handelt, für die ein Preis verlangt werden kann. Dieses Problem verschärft sich für digitale Bücher. Haben sie nach dem Lesen noch einen Wiederverkaufswert?

Die Buchbranche sollte ihre Preispolitik für E-Books noch einmal überdenken. Dazu reicht ein Blick aufs Musikgeschäft. Erst als Apple seinen I-Tunes Store eröffnet hatte, war ein digitales Geschäftsmodell geboren. Hätten die Musikstücke jedoch zwei Euro gekostet und ein komplettes Digitalalbum den gleichen Preis wie eine CD, wäre die Plattform wohl kaum je erfolgreich geworden. Für die Verlagsbranche muss die Losung lauten: Preise runter. Ein immaterielles E-Book ist vielleicht gefühlte fünf Euro wert. Will die Branche nicht bloß einen Nischenmarkt für professionelle Vielleser und Technik-Geeks schaffen, bedarf es attraktiverer Angebote.

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