"Conspire" in Berlin

Ausstellung In einem Inkubator liegt Steal this Book von Abbie Hoffman, ein Buch, in dem der amerikanische Autor 1971, zur Blüte der Hippiekultur, über den Anbau ...

In einem Inkubator liegt Steal this Book von Abbie Hoffman, ein Buch, in dem der amerikanische Autor 1971, zur Blüte der Hippiekultur, über den Anbau von Marihuana, den Betrieb von Piratenradios, Ladendiebstahl und diverse andere Dinge jenseits der Legalität schreibt. Den Titel wörtlich nehmend, haben zwei Künstler der Gruppe ubermorgen.com eine Software programmiert, die Amazons Vorschau "Search inside" umgehen und statt bloß einiger Seiten die vollständige Schrift herunterladen kann. Da das Urheberrecht des Online-Buchhändlers sich nur auf physische Werke bezieht, ist die Kunstaktion noch nicht einmal illegal. Jetzt liegt das Buch im Brutkasten und lässt Nachahmerideen heranreifen.

Als Teil der Ausstellung Conspire, die das diesjährige "Festival für Kunst und digitale Kultur" begleitet, steht das Projekt exemplarisch für die künstlerische Beschäftigung mit dem Thema Konspiration. Amazon sieht vermutlich die Verschwörung auf Seiten der Künstler, doch diese betrachten es anders herum. "Ein Teil der künstlerischen Auseinandersetzung besteht darin, die Sprache der Verschwörung auseinanderzunehmen und eine Art konterkonspirativen Sinn zu erzeugen", sagt Stephen Kovats, frisch gekürter Leiter des Festivals.

Nicht alle Werke bemühen sich um so viel Eindeutigkeit, was wohl dem Thema geschuldet ist. Trevor Paglen beispielsweise stellt Rangabzeichen des amerikanischen Militärs aus, deren symbolische Referenz fraglich ist. Er will auf verdeckte Militärprogramme aufmerksam machen, klandestine Forschung für Geheimwaffen, Raketen und Flugzeuge. Offiziell existieren die Programme nicht, tauchen in den Budgets nicht auf. Aber warum gibt es diese Insignien - oder hat sie der Künstler frei erfunden?

Ähnlich verhält es sich bei der Schweizer Künstlergruppe Knowbotic Research, die im Internet auf ein Video der Tamil Tigers gestoßen ist, eine für die Unabhängigkeit der hinduistischen Minderheit in Sri Lanka kämpfende Gruppe. Auf dem Video ist ein mutmaßlich von Nordkorea finanziertes Schnellboot zu sehen, das dem sagenumwobenen Stealth Bomber des amerikanischen Militärs gleicht. Knowbotic Research rekonstruierte das Boot und stellte das Video nach. Beides ist in der Ausstellung zu sehen und wirkt gleichermaßen mysteriös wie albern. In der neuen Schriftenreihe der Transmediale, den parcours, findet sich der Hinweis, dass die Konspiration, als unsichtbare Macht, einer gewissen Sichtbarkeit bedarf, um sich ihrer Autorität zu versichern.

Die schönste Verschwörungstheorie nützt also gar nichts, wenn sie im Verborgenen bleibt. Gezielte Informationen, durch Desinformationen konterkariert, müssen an die Öffentlichkeit gelangen, damit diese genügend Stoff für Spekulationen hat. Wahrheit und Verschwörung bedingen sich sozusagen gegenseitig. Für Festivalleiter Kovats können gerade im Internet Spekulationen schnell zu Verschwörungen heranwachsen, weil niemand ihren Wahrheitsgehalt überprüfen kann: "Wenn jeder ein Verschwörer ist, bricht der Glaube an Autorenschaft zusammen. Wir wissen dann nicht mehr, wer uns mit Informationen versorgt und wer was in wessen Namen verteidigt."

Der Internetverkehr in China ließe sich als offene Verschwörung beschreiben, als System von Zensur und Kontrolle. Unliebsame Webadressen sind aus China nicht zu erreichen. Das Kunstprojekt picidae (picidae.net) umgeht diese Zensur, indem es Grafiken von Webseiten erstellt und auch Formularfelder, etwa die Eingabemaske von Google, zugänglich macht. Informationen über die Ereignisse am Tianmen-Platz sind in China beispielsweise nur über einen pici-Server zu erhalten. Zu ihrem Kunstbegriff schreiben die Macher: "picidae entspricht ganz klassisch der Bildenden Kunst, weil das Projekt fragt: Wie sehe ich die Welt, wie mache ich mir ein Bild der Welt?"

Noch bis zum 24. Februar im Berliner Haus der Kulturen der Welt.

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