Schärfer sehen

Was soll der Geiz Rechtzeitig vor dem nächsten großen Fernsehereignis, der Fußballweltmeitserschaft, propagiert die Industrie die technische Revolution des hoch auflösenden TV

Geiz ist nicht mehr geil. Vom entsprechenden Slogan wird sich eine bekannte Medienmarktkette in Bälde wohl trennen müssen. Denn die auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin verkündete "Revolution des Fernsehens" wird einen beherzten Griff seitens der Konsumenten in die eigenen klammen Taschen erfordern. Hoch auflösendes Fernsehen, in der Fachsprache High Definition Television (HDTV) genannt, war der Superdupermegatrend auf der diesjährigen IFA und wird gewiss nicht für lau zu haben sein. Für die großformatigen LCD- oder Plasma-Flachbildschirme muss mindestens ein vierstelliger Betrag hingeblättert werden.

Nach den Vorstellungen der Unterhaltungselektronikindustrie ist eine komplette Gerätegeneration auszutauschen. Eben noch war digitales Fernsehen aus der Luft (DVB-T) angesagt, jetzt ist es schon wieder obsolet. Der gerade angeschaffte Dekoder gehört am Besten auf den Müll und dringend gegen eine hoch auflösende Set-Top-Box ausgetauscht. Nur damit sind im kommenden Jahr die 64 Spiele der Fußballweltmeisterschaft auch wirklich "scharfzusehen". "Fußball war immer ein sehr stimulierendes Element für den Fernsehmarkt", sagte Philips-Chef Ronald de Jong verschmitzt auf einer Pressekonferenz.

Schon 1954 ist eine Fußball-WM in diesem Land für das Lancieren von Fernsehtechnologie genutzt worden. Damals steckte die Television noch in den Kinderschuhen, und vornehmlich Kneipenwirte besorgten sich noch schnell eine Flimmerkiste, um sich im Hinterzimmer eine gemütliche "Fernsehstube" einzurichten. Dort versammelten sich ganze Dörfer - die denkbar beste Werbung fürs Fernsehen, dessen steiler Erfolgsweg damals begann. 1974 dann dasselbe: Pünktlich zur WM entschieden sich Hunderttausende Westdeutscher dazu, von Schwarz-weiß auf Farbe umzusteigen. Ein entsprechendes Neugerät musste her, das in jenen Jahren noch häufig mit einem Made in Germany-Etikett versehen war. In beiden Fällen konnte die einheimische Industrie jubulieren. Die Fernsehzuschauer allerdings auch: Denn Deutschland wurde in beiden Jahren Weltmeister.

Auch heute bemühen sich die Hersteller von Consumer Electronics erneut gehörig um Revolutionsrhetorik und reiben sich dabei die Hände. Zwar tun sich die internationalen Player schwer damit, den Deutschen den WM-Sieg zu verheißen. Doch zumindest von einer "Renaissance des Fernsehens" ist angesichts von HDTV die Rede, vom "Fernsehen erster Klasse" und einer "größeren Natürlichkeit des Bildes". Wer im nächsten Jahr also nicht mitzieht, hat beim Hinsehen das Nachsehen. Markterhebungen zu Folge stehen Flachbildschirme ganz oben auf den Wunschlisten der Konsumenten. 21 Prozent wollen sich ein solches Gerät angeblich in den nächsten zwei Jahren anschaffen.

Um tatsächlich den "Scharffernseher" einschalten zu können, bedarf es allerdings neben einem Fernsehgerät auch noch einer Satellitenschüssel und eines HDTV-Dekoders. Und dann fehlt immer noch: Programm. Bislang haben lediglich der Pay-TV-Kanal Premiere sowie die Werbesender ProSieben und Sat.1 angekündigt, sich in HDTV zu engagieren. ProSieben und Sat.1 wollen ab Ende Oktober einzelne Sendungen kostenfrei auf einem eigenen Kanal ausstrahlen. Premiere will ab Mitte November einen Premium-Dienst mit Sportberichterstattung, Spielfilmen und Dokumentationen starten. Kostenpunkt: 12 Euro im Monat. Die Fußball-WM hat sich der Bezahlsender ohnehin exklusiv in HDTV gesichert.

Doch damit nicht genug: Wer eine hoch aufgelöste Sendung für private Zwecke aufzeichnen möchte, muss sich auf weitere Investitionen gefasst machen. Festplatten- und DVD-Rekorder in verschiedenen HD-Systemen sind demnächst im Angebot. Eine normale DVD würde niemals das notwendige Datenvolumen umfassen können. HD-DVD und Blue-ray Disc lauten die neuen konkurrierenden Formate. Die eigene Filmsammlung auf Video und DVD? Weg damit. Längst malt sich Hollywood ein lukratives Geschäft mit den eigenen Streifen in High Definition aus.

Die öffentlich-rechtlichen Sender halten sich momentan noch bedeckt. Sie wollen mit DVB-T weiterhin auf ihre "digitale Qualitätsoffensive" setzen und den Markt vorerst genau beobachten. Ob der sich allerdings als kaufkräftig genug erweist, um kurzfristig den hoch fliegenden Erwartungen in hoch auflösendes Fernsehen zu entsprechen, kann dahin gestellt bleiben. Zumindest die Marketingsslogans sollten noch schnell überdacht werden. Ein Vorschlag: "Was soll der Geiz?"


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