Aus deutschen Landen

Ausbeutung Unter übelsten Bedingungen beschäftigt die Fleischindustrie Arbeiter aus Osteuropa. Das Ehepaar Petrov ist nun ausgestiegen
Hendrik Haßel | Ausgabe 30/2016 4

Ivan Petrov ist noch fremd in der neuen Stadt. Dass es in hiesigen Krankenhäusern eine Notaufnahme gibt, die an Freitagabenden geöffnet ist, hat ihm keiner gesagt. Als er sich an einem Freitag, bei seiner Arbeit im Schlachthaus, die Kuppe des kleinen Fingers seiner linken Hand nahezu komplett abgesägt hatte, meinten Vorgesetzte und Kollegen nur lapidar: Die Ärzte haben schon Feierabend.

An seinem dritten Arbeitstag war er dafür eingeteilt worden, Schweineköpfe mit einer langen Säge zu zertrennen. In der Luft, so erinnert sich Petrov, hing der Geruch von Schweineblut. „Ich musste sehr schnell arbeiten. Kaum hatte ich das eine Schwein zerteilt, da war schon das nächste an der Reihe. Damit ich die Säge schneller aus dem Tier lösen konnte, habe ich sie kurz von unten angefasst, um sie hochzuheben.“

Plötzlich durchzuckt ein stechender Schmerz den kleinen Finger seiner linken Hand, es fühlt sich an wie ein Stromschlag. Doch sein Kettenhandschuh scheint unbeschädigt, blutig waren seine Hände ohnehin schon von der Arbeit. Also arbeitet er weiter. Als die Schmerzen stärker werden, spült er sich mit einem Wasserschlauch das Schweineblut von der Hand. Doch das Blut geht nicht weg, immer wieder kommt neues nach. „Da erst habe ich verstanden, dass ich selber blute“, sagt Petrov. „Die Kuppe war fast abgetrennt. Man konnte sie vom Finger abklappen.“

Wäre seine Frau nicht gewesen, dann hätte er am Montag darauf wieder im Schlachthaus gestanden, um Schweine zu zerteilen, mit den starken Schmerzen, die er schon das ganze Wochenende über ertragen hatte. Doch sie überredete ihn, einen Arzt zu suchen. So stand er schließlich mit verbundener Hand in einer Apotheke und ließ sich dort von einer Kundin die Adresse eines Arztes in der Nähe aufschreiben. Zwei Stunden hat die Operation dann gedauert.

Ivan Petrov, der aus Bulgarien kommt und eigentlich anders heißt, hat in einer Kleinstadt im Kreis Gütersloh in Nordrhein-Westfalen Arbeit gefunden. Mehr als 4.000 Arbeiter lässt die Schlachtindustrie in der Gegend Tiere töten und zerlegen, Deutschlands größtes Schweineschlachthaus, das zum Tönnies-Konzern in Rheda-Wiedenbrück gehört, liegt hier. Petrov hat dagegen bei einer kleinen Schlachtfabrik der Konkurrenz angeheuert.

„Eine Schande für Deutschland“ hat der Bundeswirtschaftsminister die Arbeitsbedingungen in deutschen Schlachthäusern genannt, und wer Ivan Petrov, 46 Jahre alt, zuhört, der weiß, dass Sigmar Gabriel recht hat. Doch über diese Schande spricht Petrov zunächst nur mit ganz ruhiger Stimme. Davon, wie die Vorarbeiter die Geschwindigkeit der Fließbänder erhöhen und auf diese Weise Arbeitsunfälle billigend in Kauf nehmen.

Die Tränen kommen Petrov erst, als er erzählt, wie er anfangs versucht hat, den schwer verletzten Finger vor seiner Frau zu verstecken. „Ich wollte nicht, dass sie es erfährt. Ich wusste, sie würde sich große Sorgen machen. Als sie es dann doch bemerkte, mussten wir beide weinen. Ich hatte große Schmerzen.“

Dass vor allem in der Schlachtindustrie atypische Jobs der Standard sind, Schutzvorschriften nicht beachtet und Unfälle kaum erfasst werden, haben Wissenschaftler der Universitäten Trier und Jena vor einem Jahr mit Befragungen und Fallstudien belegt. Ursächlich dafür sei, dass die Arbeitgeber stets auf eine „migrantische Reservearmee“ zurückgreifen könnten. Ein Drittel der etwa 30.000 Fleischzerleger in Deutschland sind Südosteuropäer, schätzt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Die Zahl der Auszubildenden in der Branche ist derweil von 9.500 im Jahr 2000 auf 3.700 im Jahr 2014 gesunken. „Der einzige Grund, warum sich Menschen solche Bedingungen zumuten, ist das Geld. In Bulgarien kann man von seinem Gehalt kaum leben“, sagt Petrov.

Er hatte studiert, danach für das Militär gearbeitet, den Job verloren und keinen neuen mehr gefunden. Petrov und seine Frau müssen aber sich und ihre beiden Töchter ernähren. Deswegen verließ er seine Heimat und ging nach Griechenland. Dort arbeitete er in der Fleischzerlegung, transportierte Möbel und kellnerte. Ganze 15 Jahre hatte er in Griechenland gearbeitet, als die dortige Wirtschaft zu kollabieren begann. Petrov kehrte nach Bulgarien zurück. Dort wandte er sich an Arbeitsvermittler. Sie sollten ihm und seiner Frau eine Beschäftigung in Deutschland organisieren. „Ich musste 150 Euro für die Dokumente zahlen. Erst als ich noch ein weiteres Mal gezahlt habe, hat dann alles gepasst. Zusammen waren das am Ende 500 Euro inklusive des Transports nach Deutschland, in einem Minibus.“ Bevor Ivan Petrov verdienen darf, verdienen andere an ihm.

Für den Export

Er bekommt eine Beschäftigung in Bremen, seine Frau eine im Kreis Gütersloh, rund zweieinhalb Autostunden voneinander entfernt. Beide arbeiten in einem Schlachthaus, doch sie sehen sich kaum. „Meine Frau war sehr alleine. Ich bin dann nach drei Monaten zu ihr gekommen und habe mir Arbeit vor Ort gesucht“, sagt Petrov. Zusammen wohnen durften die beiden nicht, die Frauen waren in einem separaten Wohnheim untergebracht. Wenn er seine Frau besuchte, dann heimlich. „Ich schlich mich manchmal in ihr Zimmer und musste dann dort versteckt bleiben.“ So leben erwachsene Menschen in der Bundesrepublik Fleischland.

Wer aus Südosteuropa kommt, um in deutschen Schlachtfabriken zu schuften, wird meist in billige Sammelunterkünfte gebracht und hat kaum Kontakt zu Leuten außerhalb des Arbeitsplatzes. Zuletzt wohnte Petrov im hintersten Winkel eines Industriegebietes, noch besser versteckt als das Schlachthaus, in dem er arbeitete. Nur bei Schichtwechsel sind auf dem Parkplatz Arbeiter mit Plastikeimern zu sehen. In den Eimern transportieren sie ihre wenigen Arbeitsutensilien.

Deutsch spricht Ivan Petrov kaum, „Schnell, schnell!“ gehört zu den wenigen Wendungen, die er kennt, von seinen Vorarbeitern. Er kann sich jetzt außerdem auf Polnisch verständigen, die meisten Mitbewohner seiner Unterkunft waren Polen.

Bei der Beratungsstelle „Faire Mobilität“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) haben sie nahezu alle osteuropäischen Sprachen im Repertoire, mindestens eine davon spricht jeder Projektmitarbeiter. Nicht gezahlte Gehälter, Missachtung der Sozialversicherungspflicht und Unfälle am Arbeitsplatz sind die zentralen Themen der Berater, die sich mit der deutschen Schlachtindustrie beschäftigen. Jener Industrie, die 2015 allein knapp 60 Millionen Schweine, rund eine halbe Million mehr als im Vorjahr, geschlachtet hat und ein Sechstel ihrer Produkte exportiert. Gegen die „Schande“, die Ausbeutung der Arbeiter, soll nun mehr Beratung helfen, das Budget für Faire Mobilität stellen der DGB, das Bundesarbeits- und seit einem Besuch Sigmar Gabriels in Rheda-Wiedenbrück bei Tönnies auch das Bundeswirtschaftsministerium.

Saubere Statistik

Mit zweien der Berater von Faire Mobilität steht Ivan Petrov drei Wochen nach seinem ersten Arbeitstag im Büro des für ihn zuständigen Subunternehmers und erhält erstmals seinen Arbeitsvertrag überreicht. Zusammen mit der Kündigung. „Als ich mich verletzt habe, war mir klar, dass ich die Stelle verlieren würde“, sagt er später.

Den Beratern fällt sofort auf, dass auf dem Vertrag zwei Adressen als Arbeitgeber eingetragen sind. Eine deutsche und eine polnische. Als sie nachfragen, ob dies nun eine deutsche oder polnische Firma sei, grinst der Subunternehmer und sagt: „Ich habe beides.“

An der Wand seines kargen Büros hängt eine Urkunde: Die Berufsgenossenschaft prämiert Betriebe, die sich besonders um die Sicherheit und Gesundheit ihrer Arbeiter bemühen. Auf Petrovs Arbeitsvertrag aber steht nicht der Name des prämierten Betriebes, sondern ein anderer. Es sieht alles so aus, als solle Petrovs Arbeitsunfall über diese Firma laufen, um die Statistik der prämierten Firma sauber zu halten.

Gegen diese „Schande“ würde allein ein rigoroses Verbot der Werkvertrags- und Subunternehmerkonstruktionen helfen. Meist können nicht einmal die Berater von Faire Mobilität oder die Gewerkschafter der NGG diese Geflechte durchschauen. Zwar hat die Einführung des Mindestlohns die Praxis beendet, Ausländer für weniger als fünf Euro Stundenlohn mittels Entsendevertrag in ihren Herkunftsländern anzustellen. Nach wie vor aber haben sie keinen Anspruch darauf, die Dokumentation ihrer Arbeitszeiten einzusehen. Dadurch leisten sie oft unentgeltliche Überstunden. Viele halten es nicht aus und kehren nach ihrem ersten Gehalt heim.

Ivan Petrov und seine Frau aber wollen sich nicht unterkriegen lassen. Sie hat nun in ihrem Schlachtbetrieb gekündigt, er hört sich zuversichtlich an: In der Nähe von Stuttgart hat er jetzt einen neuen Job gefunden, in einem Gemüsegroßhandel. Er sei sogar direkt bei der Firma angestellt. Ohne Subunternehmen.

06:00 01.08.2016

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