Der Schlachtplan

„Wiesenhof“ Im Wald neben der Schlachtfabrik stand Thomas Nitzsche eines Tages vor einem Teich aus Blut. 120.000 Hühner sterben hier täglich. Es sollen noch mehr werden

Irgendwann hatte Thomas Nitzsche die Nase voll. Er wollte dem Gestank auf den Grund gehen. Seit über einem Jahr roch es beißend nach abgestandener Kloake, wie er sagt, aus Richtung der Schlachtfabrik. „Man konnte teilweise noch nicht mal die Wäsche im Freien aufhängen, so sehr stank es.“ Nitzsche folgte dem Geruch in ein kleines Waldstück neben seiner Wohnanlage in Niederlehme, einem Ortsteil von Königs Wusterhausen in Brandenburg.

Kurz vor der Schlachtanlage fand er zwischen den Bäumen im Wald die teichgroßen Pfützen aus blutrotem Schlachtwasser. „Ich war schockiert, dass vorgeklärtes Wasser noch so aussehen kann“, sagt Nitzsche rückblickend. Drei Lecks in aus der Schlachtfabrik kommenden Rohren waren die Ursache der Havarie. Über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr lief aus den Rohren das blutige Wasser.

Im Wasserschutzgebiet

Das war im Frühjahr 2012. Durch eine Anzeige von Thomas Nitzsche wurde das Umweltamt aktiv, die defekten Rohre wurden ausgetauscht. 300 Quadratmeter Boden wurden abgetragen und durch unbelastete Erde ersetzt. Was Nitzsche da noch nicht wusste: Der Blutteich befand sich teils in einem Wasserschutzgebiet. Bis heute sind die Umweltfolgen nicht endgültig geklärt. Die zuständige Wasserbehörde erklärte: „Das durchgeführte Grundwassermonitoring zeigte eine Beeinflussung des Grundwassers durch eine erhöhte Nährstoffzufuhr.“ Allerdings stellte die Behörde klar, dass dies nicht in einem „bedenklichen Maße“ geschehen sei. Für den grünen Abgeordneten des Brandenburger Landtags Benjamin Raschke sind noch Fragen offen. Viele für Schlachtwasser typische Belastungen wie Antibiotika, Salmonellen, aber auch antibiotikaresistente Keime und Desinfektionsmittel seien bei der Grundwasseruntersuchung nicht berücksichtigt worden. Raschke bereitet gerade eine kleine Anfrage im Landtag vor.

Die Schlachtfabrik gehört zum PHW-Konzern, der für seine Marke Wiesenhof bekannt ist – für viele Verbraucher der Inbegriff tierquälerischer Massentierhaltung. In fast regelmäßigen Abständen gehen Bilder von Wiesenhofs leidenden Tieren durch die Medien. Kranke und verletzte Hühner, Puten und Enten haben der Marke zu trauriger Berühmtheit verholfen.

Das Thema der Havarie von damals ist jetzt wieder brisant geworden, denn für Wiesenhof sind die bisher 40 Millionen Tiere, die in der Schlachtfabrik jährlich getötet werden, nicht genug. Wiesenhof will die Schlachtkapazität des Standortes in Königs Wusterhausen erhöhen. Von bisher 120.000 soll die Produktion auf 160.000 Tiere pro Tag aufgestockt werden. In Spitzenzeiten wie zur Grillsaison im Sommer sollen täglich sogar bis zu 240.000 Tiere angeliefert, getötet und zerlegt werden – das Doppelte der aktuellen Zahlen.

Doch die Erweiterung der Schlachtfabrik könnte nur die Spitze des Eisberges sein: Reinhild Benning von Germanwatch hat berechnet, dass durch die Erweiterung bis zu 187 neue Mastanlagen in der Region entstehen könnten: „In der industriellen Tierhaltung werden in einer gewöhnlichen Mastanlage 40.000 Masthühner gehalten. Anhand der Schlachtzahlen kann man so errechnen, wie viel Tiermaterial Wiesenhof täglich benötigt.“

Wachsen für den Export

Wiesenhof weist die Zahlen der potenziell entstehenden Mastanlagen zurück, verweist auf die ausgeschöpften Kapazitäten anderer Standorte aufgrund von Großbränden in den Schlachtfabriken im niedersächsischen Lohne und in Bogen in Bayern.

Unklar ist jedoch, was passiert, wenn die beiden ausgefallenen Schlachtfabriken wieder in Betrieb sind; sie sollen wiederaufgebaut und in Betrieb genommen werden. Der Standort in Lohne plant nach Wiederaufnahme sogar noch mehr Tiere zu schlachten als vor dem Brand. „Wenn sie überall neu aufbauen wollen, zieht das Argument der ausgeschöpften Kapazitäten nicht“, sagt Reinhild Benning.

Wiesenhof: eine Chronik

2010: Mit Undercoveraufnahmen zeigt Peta, wie Elterntiere in einem Hühnerzuchtbetrieb in Niedersachsen brutal in Transportboxen geworfen werden.

2011: In der ARD-Doku Das System Wiesenhof sind Bilder von Arbeitern zu sehen, die beim Verladen von Hühnern nach den Tieren treten.

2012: Videos von Peta dokumentieren Enten, die so überzüchtet sind, dass sie ihr eigenes Körpergewicht nicht mehr tragen können, wofür die Mastbetreiber später zu Geldbußen verurteilt werden.

2013: Soko Tierschutz wirft Betreibern einer Mastanlage und Wiesenhof vor, dass die Hühner durch Überzüchtung so verkrüppelt sind, dass sie weder Wasser noch Futter erreichen können.

2014: Spiegel Online veröffentlicht vor Weihnachten Bilder von Animal Equality, die einen Arbeiter zeigen, der schwache Enten per Mistgabel erschlägt

2016: Soko Tierschutz deckt auf, wie schwache Entenküken für Wiesenhof geschreddert werden.

Laut Berechnungen von Germanwatch hat die PHW-Gruppe bei Geflügelfleisch schon jetzt eine Marktdominanz von 47 Prozent. Mehr als ein Fünftel der geschlachteten Tiere sind für das Ausland bestimmt. Die Nachfrage nach Geflügelfleisch ist in Deutschland mehr als gedeckt, hierzulande wird ein Drittel mehr Geflügel produziert als gegessen. Wiesenhofs Wachstum ist für den Export bestimmt.

„Ich finde es enorm wichtig, an der Produktion anzusetzen“, sagt Sandra Franz vom Bündnis Tierfabriken-Widerstand. Die Gruppe initiierte Protest in Königs Wusterhausen. „Auch wenn immer mehr Menschen weniger Fleisch essen, werden immer mehr Tiere geschlachtet“, sagt Franz.

Tierfabriken-Widerstand machte die Erweiterungspläne Wiesenhofs publik. Sie informierten die Lokalpresse, organisierten Infoveranstaltungen und einen Aktionstag in Königs Wusterhausen. Jetzt gibt es eine Bürgerinitiative, die in der Stadt gegen Wiesenhofs Pläne aktiv geworden ist.Viele Großstädter lehnen die industrialisierte Massentierhaltung ab. Doch verhindert wird sie von engagierten Bürgern auf dem Land. Die Geschichte des Widerstandes gegen industrielle Tierproduktion ist eine ermutigende.

Eckehard Niemann von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft hat errechnet, dass seit 2009 in Deutschland 500 Mastanlagen durch Bürgerinitiativen verhindert wurden. „Tierhalter und Fleischkonzerne haben immer mehr mit dem Widerstand vor Ort zu kämpfen“, ist Sandra Franz von Tierfabriken-Widerstand sicher. „Die wissen, dass sie eine Mastanlage nicht mehr so einfach wie noch vor zehn Jahren bauen können.“

Wie es mit der Schlachtfabrik in Königs Wusterhausen weitergehen wird, ist noch unklar. Wegen eines Formfehlers müssen die entsprechenden Akten erst noch einmal länger öffentlich in der Stadt ausliegen. Gewonnen ist damit für die Gegner der Erweiterung erstmal nur Zeit. Mit einer Entscheidung über die Genehmigung der erhöhten Schlachtkapazitäten ist frühestens im April zu rechnen. Dann können klageberechtigte Umweltverbände und betroffene Anwohner wie Thomas Nitzsche immer noch gegen die Entscheidung klagen. Entschieden ist noch nichts.

Vier Jahre nach seiner Entdeckung im Wald steht Nitzsche wieder an der Stelle, wo das Schlachtwasser in den Wald lief. Bäume wachsen dort heute kaum noch. Dafür ist das Gelände von einem Zaun umgeben. An kleinen Pflanzen hängen Fetzen von Absperrband, dort, wo das blutige Wasser einst ausgelaufen ist. Ein Schild warnt: „Firmengrundstück – Unbefugten ist das Betreten verboten – Eltern haften für ihre Kinder.“ Der Ort, wo das Schlachtwasser stand, ist immer noch klar zu erkennen.

Nicht weit entfernt von der Schlachtfabrik in Königs Wusterhausen steht eine Mastanlage, die an Wiesenhof liefert. Künstliche Belüftungsanlagen und hohe Silos sind von außen zu sehen. Dass hier Tiere leben, ist von außen durch nichts zu erkennen. Der „Wiesenhof“ ist eine Halle aus Metall und ohne Tageslicht.

Hendrik Haßel war Mitgründer der deutschen Sektion der Organisation Animal Equality und arbeitet heute als freier Journalist

06:00 08.02.2017

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