Farm der Supertiere

Forschung Konzerne züchten in dem Film „Okja“ ein fettes, ökologisches Fantasieschwein. Was ist mit Genmanipulation heute schon möglich?
Farm der Supertiere
Tilda Swinton spielt die Chefin des fiktiven Mirando-Konzerns. Bei einem Festival warb sie mit Stoffschwein für den Film
Foto: Roger Garfield/Alamy ROGER GARFIELD/ALAMY

Das Tier ist unser Freund und es ist unser Essen. Das kann irgendwie nicht gut gehen. In dem neuen Film Okja, der nach der Premiere beim Filmfestival in Cannes nun auch auf Netflix zu sehen ist, eskaliert dieser Konflikt. Auf der einen Seite ist die tierliebe Mija, die das Riesenschwein Okja als Freundin gewonnen hat, auf der anderen Seite der Großkonzern Mirando, der das Tier auf der Schlachtbank sehen will. Der Name Mirando ist als Anspielung auf den Konzern Monsanto zu verstehen, der gentechnisch verändertes Saatgut produziert. Die Chefin von Mirando (Tilda Swinton) glaubt, mit dem riesigen Superschwein so etwas wie die eierlegende Wollmilchsau gefunden zu haben. Es hat kleine goldbraune Augen, Hängeohren und vor allem ist es so groß, dass es kaum noch an ein Schwein erinnert. Es ist nicht rosa, sondern gräulich, hat weder Rüssel noch Ringelschwanz. Der geladenen Presse erklärt sie, was es mit der neuen Tierart auf sich hat: „Es wird nicht nur riesig und wunderschön sein, sondern es hinterlässt auch nur einen geringen ökologischen Fußabdruck. Aber vor allem wird es verdammt lecker schmecken.“

Dass die moderne Massentierhaltung ökologisch katastrophale Folgen hat, ist nicht erst seit gestern bekannt. In diesem dystopischen Abenteuerfilm glaubt der Großkonzern, mit dem Superschwein eine Lösung dafür gefunden zu haben. Im Rahmen eines Wettbewerbs sollen Landwirte an 26 verschiedenen Orten der Welt die Tiere aufziehen. Das größte, dickste Exemplar gewinnt. So kommt es, dass das Superschwein Okja in der idyllischen Berglandschaft Südkoreas mit dem Mädchen Mija aufwächst. Sie werden Freunde, teilen sich den Schlafplatz und ihre Kratzbürste. Wie Balu und Mogli genießen sie ihr Leben in der Natur und erleben Abenteuer. Als Mirando Okja zur Vermarktung als „bestes Superschwein“ abholt, folgt Mija ihrer entführten Freundin nach Seoul und New York. Ihr Ziel: Okja zu retten.

Wir sehen den Film durch die Augen eines Kindes, das die Welt der großen Städte und der großen Firmen erst noch begreifen muss. Dafür weiß es aber, was im Leben zählt. Freundschaft. Egal, ob Mensch oder Superschwein. Diese kindliche Naivität braucht es, um das Wesentliche einzufangen. Mija, gespielt von Ahn Seo-hyun, spricht kaum. Das überlässt sie den Erwachsenen. Sie muss sich nicht erklären. Alles, was sie will, ist mit Okja wieder in den Bergen leben. Dafür kämpft sie.

Das Tier Okja hat erst mal nichts mit den Tieren zu tun, die wir essen. Es soll zwar ein Schwein sein, sieht aber eher wie ein Nilpferd aus. Tatsächlich forschen Wissenschaftler an der Veränderung von Nutztieren zu unserem Vorteil. Im Fachjargon wird das „Animal Enhancement“ genannt. Auf Deutsch: Verbesserung der Tiere. Wie viel von dem, was im Film zu sehen ist, ist also jetzt schon möglich? Das Superschwein Okja weist drei wesentliche „Verbesserungen“ auf: Es schmeckt besser, ist deutlich größer und es ist weniger umweltschädlich. Zu jedem dieser drei Aspekte haben Wissenschaftler bereits an Schweinen geforscht.

Designer-Züchtung

Dr. Arianna Ferrari vom Karlsruher Institut für Technologie hat sich intensiv mit der Verbesserung der Tiere auseinandergesetzt. Die studierte Philosophin hat zu der gentechnischen Veränderung von Tieren promoviert. Sie ist vertraut mit dem aktuellen Stand der Forschung in Bereich Animal Enhancement und hält das im Film gezüchtete Designertier für ein realistisches Szenario. „Die Menschen wissen wenig von den Forschungsprojekten“, sagt sie. „Das passiert alles hinter den Kulissen.“ An der geschmacklichen Verbesserung des Fleisches werde schon lange geforscht und gezüchtet. Zuletzt sei auch untersucht worden, wie Tiere verändert werden können, damit ihr Fleisch weniger Cholesterin enthält, also gesünder ist.

Auch wurde versucht, größere Schweine mit höherem Fleischanteil zu kreieren. Eine Forschergruppe aus Südkorea gab 2015 bekannt, sie habe „Super-Muscly-Pigs“ durch Veränderung der DNA geschaffen. „Ziel war es, mehr Fleisch aus einem Tier zu gewinnen“, erläutert Ferrari. Von den 32 gezüchteten Schweinen überlebte nur eines deutlich länger als acht Monate. Die Idee der Forscher war jedoch auch nicht, die Tiere selbst zu vermarkten, sondern die Spermien zur Befruchtung anderer Schweine zu verkaufen.

Das umweltschonendste Schwein sollte von Wissenschaftlern in Kanada gezüchtet werden. Als Gülle gelangen Phosphate aus dem Kot von Schweinen über den Boden in das Grundwasser und führen zu Verunreinigungen. Also versuchten die Forscher der University of Guelph in Ontario, den Phosphatgehalt der Ausscheidungen zu reduzieren. Was auch gelang: Ihre spezielle Züchtung mit dem patentierten Markennamen Enviropig punktete mit 30 bis 70 Prozent geringeren Phosphatwerten. Dank Gentechnik.

Die Universität bewarb das Forschungsprojekt auf ihrer Website folgendermaßen: „Die Technologie ist einfach. Wenn Sie wissen, wie man Schweine mästet, wissen Sie auch, wie man Enviropigs mästet.“ Das Projekt wurde 2012 eingestellt. Der Geldgeber Ontario Pork, ein Zusammenschluss von über 1.000 Schweinehaltern der Region, war abgesprungen. Die noch verbliebenen Forschungsschweine wurden getötet. Sicherheitshalber wurden die Samen der Tiere eingefroren. Für den Fall, dass das Forschungsprojekt in der Zukunft doch weitergeführt wird.

Auf den Markt hat es noch keine dieser Züchtungen geschafft. Die Hürden für die Zulassung sind sehr hoch. Doch die Beispiele machen deutlich: Die Wissenschaft sucht längst nach einem Superschwein. Doch selbst wenn ein wissenschaftlicher Durchbruch gelingen sollte, bleibt es fraglich, ob Verbraucherinnen und Verbraucher die Produkte annehmen. „Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist sehr gering für diese Forschung“, meint Ferrari. Im Film muss die Firma Mirando vertuschen, dass es die Superschweine gar nicht ohne Gentechnik geben würde.

Doch ist erst der Eingriff in die Gene der Tiere ein Schritt zu weit? Was ist mit den kleinen schleichenden Verbesserungen, die wir kaum mitbekommen? Einem modernen Masthuhn wächst so viel Fleisch, dass die Knochen kaum noch das Gewicht tragen können. Die Folge sind schmerzhafte Beinschäden. Nach gerade mal 40 Tagen Mast bewegen sich viele Hühner nur noch vier Prozent des Tages. Zu erschöpft sind die Tiere, um ihr Körpergewicht zu stemmen. Ihr Körper wächst oft so schnell, dass Herz und Lunge nicht mithalten können. Herzversagen ist nicht selten die Folge. Sie leiden an ihrer Überzüchtung, die Körper sind entstellt. Die Verbesserung der Tiere für die Schlachtkonzerne ist schon heute Realität.

Essen oder beschützen

„Es gibt keinen klaren Unterschied zwischen Animal Enhancement und moderner Tierzucht“, sagt Arianna Ferrari. „Es geht immer darum, dass Tiere für die menschliche Nutzung angepasst werden.“ Das ist die Warnung des Films: Wir züchten uns Tiere, wie sie uns gefallen. Ein riesiges Superschwein ist dabei bisher noch nicht entstanden. Aber Tiere, denen so viel Fleisch wächst, dass sie sich selber kaum noch tragen können. Zum Leben wurden sie nicht gezüchtet, nur zum Sterben. Das ist die bittere Realität.

Wahrscheinlich wären die wenigsten Menschen bereit, sich zwei Stunden lang einen Film über ein Schwein in der Intensivtierhaltung anzuschauen. Deshalb braucht es Okja. Eine neue Spezies, die von uns Menschen noch nicht eingeordnet wurde, von der wir also noch nicht wissen, ob wir sie essen oder lieber beschützen sollen.

Auch wenn der Film recht unterhaltsam und sogar stellenweise sehr lustig erzählt wird, nimmt er eine böse Wendung, als Okja in der Schlachtfabrik landet. Für die Vorbereitung auf den Film hat der Regisseur Bong Joon-ho selbst ein Schlachthaus in Colorado besucht. Der Geruch habe ihn verfolgt, erzählte er bei einer Pressekonferenz. Im Film wird versteckt in den blutigen Schlachthallen Upton Sinclairs Klassiker Der Dschungel von 1906 zitiert, ein Roman über die ersten industriellen Schlachthöfe in Chicago: „Vom Schwein bleibt nichts unverwertet, bloß für das Quieken hat man noch keine Verwertung gefunden.“

Präzise wurde die Schlachtfabrik für den Film nachgestellt: Fließbänder, Hygiene-Kleidung, Arbeiter aus Mexiko und die Tötungsvorrichtungen. Spätestens hier wird klar: Okja ist vor allem eine Metapher, gemeint sind die reellen Schweine in den Kastenständen und Schlachtfabriken. Diese Tiere leben schon heute in der Dystopie. Eine andere Parallele fällt noch auf: Gerechtigkeit für Tiere gibt es weder in dieser noch in Okjas Welt. Nur Gnade für Einzelne. Das tröstet. Aber ist doch zu wenig.

Info

Okja Bong Joon-ho Südkorea 2017, 118 Min.

06:00 04.07.2017

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