Fleisch für die Welt

Tiere Millionen Küken werden geschreddert. Anstatt zu handeln, wartet die Politik auf neue technische Lösungen
Fleisch für die Welt
Die männlichen Eintagsküken müssen großes Leid ertragen. Noch größer ist nur das der überlebenden Hennen

Foto: Forum/imago

Sie sitzen gerne in der Sonne, sind sehr kommunikativ und können sich bis zu 100 verschiedene Gesichter merken. Hühner werden im Allgemeinen unterschätzt. Gleichzeitig werden in der modernen Landwirtschaft keine anderen Lebewesen in so großer Zahl genutzt und eingesperrt. Aktuell wirbt der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft mit dem Kampagnenslogan: „Wir wollen das beste Geflügelland der Welt sein.“ Es ist ein ambitioniertes Ziel. Doch wie wird man „bestes Geflügelland“?

Mehr als 140 Millionen Masthühner und Legehennen werden in Deutschland gehalten. Das entspricht dem Vierfachen der deutschen Schweinepopulation. Besonders in der Kritik steht derzeit die systematische Tötung der sogenannten Eintagsküken. Jährlich sterben auf diese Weise 48 Millionen Tiere. Sie werden kurz nach dem Schlüpfen geschreddert oder vergast. Der Grund: Für die Nutztierindustrie sind die männlichen Küken uninteressant. Sie legen keine Eier und für die Fleischproduktion taugen sie aus Sicht der Tierhalter ebenfalls nicht – sie wachsen nicht so schnell wie die extra dafür gezüchteten Masthühner und setzen zudem weniger Fleisch an.

Die Wirtschaft bestimmt

Die aktuelle Debatte dreht sich um die Frage, ob das Kükentöten mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist. Dort steht: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Im Mai hatte das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen entschieden, dass das Kükentöten zulässig sei. Doch interessanter als das Urteil ist die Begründung: Die Aufzucht der männlichen Küken stehe „im Widerspruch zum erreichten Stand der Hühnerzucht und den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen“. Hier zeigt sich, dass es in erster Linie nicht um den Tierschutz, sondern um die wirtschaftlichen Interessen geht. Was als vernünftiger Grund gilt, Tieren Leid anzutun, wird offenbar von der gängigen Praxis und dem Stand der Tierzucht bestimmt.

Und was macht die Politik? Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hält nicht viel von Verboten. Er setzt lieber auf „freiwillige Vereinbarungen“ und möchte finanzielle Anreize für eine bessere Tierhaltung schaffen – statt die sogenannten Nutztiere mit verbindlichen Gesetzen zu schützen.

In der Kontroverse um die Kükentötung favorisiert Schmidt deshalb eine Lösung von Dresdner Wissenschaftlern: Mit der In-ovo-Geschlechtsbestimmung soll in drei Tage alten Eiern das Geschlecht bestimmt werden. So könnten die Eier mit männlichen Küken vernichtet werden, bevor Hühnerembryos Schmerzen empfinden können. Es wäre ein Verschwinden ohne Blutvergießen. Doch wann mit einem marktfähigen Modell gerechnet werden kann, ist bisher offen geblieben. Schmidt kündigte an, dass die In-ovo-Geschlechtsbestimmung ab 2017 marktreif sei – doch die Wissenschaftler in Dresden bezweifeln das. Sie halten einen späteren Termin für realistisch, frühestens 2019.

Fraglich ist auch, ob die neue Technologie dann überhaupt von Konzernen wie der Lohmann Tierzucht GmbH, Deutschlands größter Hühnerbrüterei, angenommen wird. In den USA ist man schon weiter: Amerikanische Tierschützer der Humane League konnten den größten Eierproduzenten der USA, United Egg Producers, überzeugen, im Jahr 2020 den Schredder abzustellen und auf die In-ovo-Methode umzusteigen. Aaron Ross von der Humane League ist zuversichtlich, dass bis dahin eine für die Brütereien bezahlbare Geschlechtserkennungsmethode auf dem Markt ist: „Es gibt vielversprechende technische Entwicklungen.“ Wenn die Revolution im Ei nicht aus Dresden kommt, dann eben aus anderen Orten der Welt. „In Deutschland, aber auch in Kanada und Israel wird daran gearbeitet. Die erste praktikable Lösung wird in den USA zum Einsatz kommen“, erklärt Ross.

Die Entwicklung macht deutlich: Auch der Tierschutz ist im Zeitalter der Technokratie angekommen. Nicht Gesetze oder die gesellschaftliche Akzeptanz bestimmen, wie wir mit Tieren umgehen, sondern die technischen Möglichkeiten. Um Verbesserungen für die Tiere zu erwirken, werden keine Gesetze mehr beschlossen. Das regeln die Konzerne lieber auf eigene Rechnung, die Politik bleibt außen vor. Alles läuft freiwillig, bindende Verpflichtungen treten in den Hintergrund.

Wie konnte das Kükentöten überhaupt zu einem Thema werden, über das auf höchster politischer Ebene gestritten wird? Die Antwort hat viel mit Emotionen zu tun. Scheinbar unnötig werden kleine flauschige Küken in den Schredder geworfen. Die Bilder der ängstlichen Küken auf den Förderbändern, die von Menschenhänden in Plastikhandschuhen nach Geschlecht sortiert werden, zeigen eindrücklich die Realität der modernen Nutztierhaltung: dass Tiere als Waren gesehen und behandelt werden.

Es steht außer Frage, dass enormes Tierleid verhindert würde, sollte sich die Technologie der In-ovo-Geschlechtsbestimmung durchsetzen. Potenziell könnten jedes Jahr bis zu 48 Millionen Tierleben in Deutschland und 280 Millionen in den USA verschont werden. Das wäre ein enormer Erfolg, der in der Geschichte des Tierschutzes seinesgleichen sucht.

Doch es darf nicht vergessen werden: Das größte Leid in der Eierproduktion widerfährt nicht den männlichen Eintagsküken. Ihr Leben wird am ersten Tag beendet. Ihre Schwestern bleiben von Schredder und Vergaser verschont, müssen aber einen viel längeren Leidensweg durchstehen, mindestens 500 Tage lang. Und auch sie werden am Ende getötet, sobald ihre Legeleistung nachlässt und sie durch neue, junge Legehennen ersetzt werden.

Produktion für die ganze Welt

Nach dem europaweiten Verbot der konventionellen Käfighaltung im Jahr 2012 war es vor allem die Bodenhaltung, die einen regelrechten Boom in Deutschland erlebte. Rund 45 Prozent Zuwachs verzeichneten die Bodenhaltungsbetriebe von 2007 bis 2014. Die Freilandhaltung legte in diesem Zeitraum hingegen nur um 7 Prozent zu. Auch heute darf in Deutschland nur jedes vierte Huhn den Stall verlassen und jedes zehnte Huhn lebt in der sogenannten Volierenhaltung, dem Nachfolgemodell der Legebatterien. Auch bei der Bio- oder Freilandhaltung wurden in der Vergangenheit immer wieder Videoaufnahmen von leidenden Legehennen veröffentlicht. Selbst in der als vorbildlich geltenden Biohaltung leben bis zu 3.000 Tiere in einer Stalleinheit zusammen.

Landwirtschaftsminister Schmidt werden solche Zahlen wohl kaum interessieren. Er möchte in Deutschland Fleisch für die Welt produzieren. „Der Export ist und bleibt eine tragende Säule unseres Wohlstands“, sagte der CSU-Politiker und meint damit Märkte außerhalb der EU. Um fast die Hälfte sei im vergangenen Jahr der Export von Lebensmitteln in diese Länder gestiegen. Schon jetzt ist Deutschland auf dem chinesischen Markt das führende Herkunftsland für Schweinefleisch.

Und wo ist nun das beste Geflügelland der Welt? Sicher nicht in Deutschland, vielleicht war es irgendwo in Südostasien, wo das Urhuhn gelebt hat. Nicht auf der Stange im Stall, sondern auf Ästen in den Bäumen.

06:00 31.10.2016
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