Hendrik Haßel
Ausgabe 2516 | 28.06.2016 | 06:00

„Ich bin kein Fotoroboter“

Interview Christoph Bangert arbeitet in Krisengebieten für internationale Zeitungen. In „Hello Camel“ macht er jetzt die absurden Seiten des Krieges sichtbar

Christoph Bangert hat als Fotograf die Kriege in Afghanistan und im Irak miterlebt, er war dort für internationale Zeitungen wie die New York Times tätig. Die Bilder lassen ihn nicht mehr los. Vor zwei Jahren veröffentlichte Bangert in dem Band War Porn jene Fotografien, die von keiner Zeitung gedruckt wurden. Das Buch zeigt das Leiden und Sterben im Krieg in unerträglichen Bildern. Die verstörendsten versteckte er hinter zugeklebten Seiten.

Gerade ist sein neues Buch Hello Camel erschienen. Wieder ist das Thema der Krieg, und wieder sind es Bilder, die ungewohnt sind. Es geht um die Absurdität des Krieges. Das Fremdsein der Soldaten in einem Land, das sie nicht verstehen, aber in das sie gekommen sind, um Frieden zu stiften.

der Freitag: Herr Bangert, Sie haben viel Zeit im Irak und in Afghanistan verbracht. We haben Sie den Krieg erlebt?

Christoph Bangert: Ich denke, es gibt zwei Hauptmerkmale, die das Ereignis Krieg aufweist: der Horror und die Absurdität. Doch diese Art Bilder wird kaum gezeigt. Was wir zu sehen bekommen, sind Panzer in der Wüste und junge Typen mit Kalaschnikows. Da passiert emotional bei uns nicht mehr viel. Ich versuche, mit den beiden Büchern ein anderes Bild vom Krieg zu zeigen, ein etwas differenziertes und vielschichtigeres.

Sie beschreiben in der Einleitung Ihres neuen Bands, wie Menschen aus der bayerischen Provinz Frieden in Kundus stiften sollen. In einer Umgebung, die sie kaum verstehen. Kann das gut gehen?

Nein, natürlich kann das nicht gelingen. Das ist auch das Argument des Buchs: Es konnte gar nicht funktionieren. Der kulturelle Graben ist einfach viel zu groß. Da waren junge Männer, die oft zum ersten Mal ihr Heimatland verlassen haben und dann auf einmal in Afghanistan oder im Irak landeten. Die haben überhaupt nicht verstanden, was da passiert. Natürlich hatten die immer Übersetzer dabei, aber das ging weit über die Sprache hinaus. Sie haben die Menschen und die Kultur nicht verstanden.

Zur Person

Christoph Bangert, 38, ist Fotograf und Ralleyfahrer. Für die New York Times verbrachte er 2005 und 2006 neun Monate im Irak. Bangert arbeitete unter anderem in Darfur, im Libanon und in Nigeria. Nach einer 14-monatigen Tour durch 36 afrikanische Länder veröffentlichte er 2013 den Band Africa Overland. Derzeit arbeitet er an einem Langzeitprojekt über Fukushima

Was hatte das für Konsequenzen?

Wegen Missverständnissen ist unglaublich viel Gewalt passiert. Es wurde sehr viel denunziert. Dorfbewohner haben andere beschuldigt, bei Al-Qaida zu sein. Dann sind Soldaten losgezogen und haben Männer aus ganzen Straßenzügen und Dörfern verhaftet. Damit haben die Besatzer Unheimliches angerichtet. Die Zivilbevölkerung hat am meisten darunter gelitten. Sie ist der große Verlierer.

Ihr neues Buch heißt „Hello Camel“. Wofür steht das Kamel für Sie?

Es ist für mich zum Symbol des Fremdartigen geworden. Für all das, was die jungen Soldaten nicht verstanden haben. Die sind mit ihren Jeeps herumgefahren und haben immer „Kamel!“ gerufen, wenn sie eins gesehen haben. Obwohl Kamele im Irak etwas ganz Alltägliches sind. Die sieht man ziemlich häufig. So wie Kühe bei uns. Es erinnerte mich an Touristen: Guck mal, da gibt es sogar Kamele und Palmen!

Sie fordern die Sicht, die wir auf den Krieg haben, immer wieder neu heraus. Wie ist Krieg denn wirklich?

Ja, das weiß keiner so genau. Krieg ist, wie das Leben in Friedenszeiten: sehr vielschichtig. Es gibt nicht dieses eine richtige Bild vom Krieg. Es gibt auch nicht die eine richtige Berichterstattung über den Krieg. Das ist etwas sehr Subjektives. In der Berichterstattung geht es oft um Waffen und Explosionen. Aber das bringt uns nicht weiter.

Sie schreiben in Ihrem Buch, es gehe um Ihr eigenes Überleben. Machen Sie die Bücher, um das Gesehene zu verarbeiten?

Ja, ich denke schon. Ich bin ja kein Fotoroboter. Für mich sind die Bilder nicht nur Dokumentation der Ereignisse, sondern ich verbinde sie auch mit dem, was ich persönlich erlebt habe. Da ist es sehr hilfreich, wenn ich das Erlebte und die Bilder mit anderen teile. Das hat auch den positiven Effekt, dass ich nicht allein bin mit meinen Erlebnissen und sagen kann: Guck mal, das habe ich gesehen, und ich glaube, du solltest dir das mal anschauen. Das ist ein großer Vorteil, den ich als Fotograf habe. Man darf das natürlich nicht ausschließlich zum Thema machen. Ich als Person bin nicht wichtig. Es darf keine Selbstdarstellung werden, das wäre eine Katastrophe. Es geht um die Sache und um die Menschen, die ich fotografiere.

Wie gelingt es, den Fokus dabei auf die Menschen vor Ort zu richten?

Ich werde oft darauf angesprochen, wie ich mit meinen Erlebnissen umgehe. Dann versuche ich immer zu bremsen: Das ist überhaupt nicht wichtig. Ich fahre da freiwillig hin. Ich kann jederzeit nach Hause zurück. Im Gegensatz zu den Menschen vor Ort, zu denen ist der Krieg gekommen. In den meisten Fällen sind sie dem Schrecken völlig hilflos ausgeliefert. Wir sollten über die Traumata der Menschen sprechen, die ich fotografiere.

Sie sind kein Freund des Begriffs Kriegsfotograf.

Wenn man von Kriegsfotografen spricht, wird es sehr schnell emotional. Man wird dann zum Helden gemacht, der die Welt rettet und Kriege beendet. Das finde ich völlig überzogen. Das Gegenteil ist, dass man sagt, Kriegsfotografen sind Leute, die mit dem Leid anderer Menschen Geld verdienen. Ein differenziertes Bild gibt es kaum. Der Beruf des Kriegsfotografen ist ein Mythos. Eigentlich gibt es den Beruf gar nicht. Es ist ganz selten, dass Fotografen ausschließlich Kriege fotografieren. Die meisten Kollegen fotografieren auch viele andere Themen. Das muss man auch machen, um nicht wahnsinnig zu werden.

Info

Hello Camel Christoph Bangert Kehrer 2016, 96 S., 39,90 €

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 25/16.