Böses Online-Krokodil: Frisst Amazon jetzt die Verlage?

Literaturbetrieb Es ist ein Desaster für die Buchbranche: während Corona palettenweise gelieferte Bücher gehen als Remittenden an die Verlage zurück
Ausgabe 34/2022
Arbeiter*innen in einem Amazon-Warenhaus: Hier gibt es momentan viel zu tun
Arbeiter*innen in einem Amazon-Warenhaus: Hier gibt es momentan viel zu tun

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Es ist ein Desaster für die Buchbranche. Nicht nur Amazon, aber vor allem Amazon sendet im großen Stil Remissionen, also bei den Verlagen georderte Bücher, die nicht verkauft wurden, zurück. Es handelt sich um Rekordwerte von 30 Prozent und mehr des Jahresumsatzes einzelner Verlage. Gleichzeitig explodieren aufgrund des Ukrainekriegs die Energie- und Papierpreise und damit die Herstellungskosten. Obendrein pendelt sich das pandemiebedingte Umsatzplus im Buchhandel wieder auf das niedrige Vor-Corona-Niveau ein.

Wie kam es dazu? Als im März 2020 pandemiebedingt viele Buchhandlungen von einem Tag auf den anderen die Türen schließen mussten, bedeutete das einen Schock für alle Büchermenschen – passionierte LeserInnen, Händler, Verlagsangehörige oder überhaupt Autorinnen und Autoren, die sich um die Früchte oft jahrelanger Arbeit sorgten. Der Lockdown schien die (meist) klaglos ineinandergreifenden Glieder der Kette Verlag – Auslieferung – Buchhandlung – Kunde auf längere Sicht zum Erliegen zu bringen. Tatsächlich stand der Handel mit Büchern für ein paar Tage komplett still, selbst Amazon hielt kurz den Atem an.

Was dann aber binnen weniger Wochen geschah, war eine veritable Überraschung, die der häufig als träge belächelten Branche kaum jemand zugetraut hätte: Urbane Grätzelbuchhändler, engagierte Sortimenter in der Provinz und die großen Ketten organisierten gleichsam aus dem Stand vor Kurzem noch verteufelte Click-and-Collect-Systeme, manchmal lieferte der Buchhändler höchstselbst. Überdrüssig der dauernden Katastrophenberichterstattung, bald auch der Netflix-Serien, entdeckten die Menschen die Kulturtechnik des Lesens wieder, es bescherte vielen in der Branche Umsätze, an die sie in Vor-Covid-Zeiten nicht zu denken gewagt hätten. Natürlich profitierte auch Amazon von dieser Situation, aber das Online-Krokodil rechnete vorerst mit wesentlich höheren Gewinnen auf anderen Feldern (Stichwort: Hygieneartikel). Das änderte sich, als die Umsätze mit Büchern konstant hoch blieben und die auf maximalen Ertrag getrimmten Algorithmen von Amazon weiter Bedarf meldeten. Jetzt wird zurückgeschickt.

Verlage unterhalten mit Händlern und Zwischenhändlern mehr oder weniger direkten Kontakt. Gemeinsam vereinbaren sie Werbeaktionen, verhandeln Mengenrabatte, disponieren Liefermengen. Ziel ist es einerseits, zum richtigen Zeitpunkt – etwa während des Weihnachtsgeschäfts – genügend Exemplare vorrätig zu haben. Ziel ist es aber auch, Überbestellungen zu vermeiden. Nicht verkaufte Bücher werden nämlich (nach immer kürzer werdenden Fristen) auf Kosten der Verlage zurückgeschickt. Mit einer gewissen Verzögerung werden diese sogenannten Remissionen bilanzwirksam und enthalten ein beträchtliches Risiko, sofern sich die Balance verschiebt.

Das Online-Krokodil mit seinen mehr als zwei Dutzend Verteilerzentren verzichtet seit Jahren auf jeglichen Kontakt mit den Verlagen. Kein Mensch aus Fleisch und Blut sorgt sich dort um die Bücher, um mögliche oder ganz und gar unmögliche Absätze, sondern digitale Hochrechnungsmodelle ordern Mengen, die exakt eingehalten werden müssen, andernfalls werden sie nicht angenommen. Glücklich jene, die jetzt auf niedrigere Remissionen und niedrigere Produktionskosten hoffen können.

Herbert Ohrlinger leitet seit 1996 den Paul Zsolnay Verlag in Wien

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