Retter aus dem Morgenland

Ölgeld Viele Staatsfonds aus dem Nahen Osten nutzen die Krise zum Einstieg in Konzerne - auch in Deutschland. Bei Experten gelten sie sogar als die besseren Kapitalisten

Es ist vielleicht kein Märchen aus tausendundeiner Nacht. Für viele Beschäftigte der deutschen Autoindustrie ist es trotzdem eine Geschichte, die Hoffnung macht: Erst sorgte der staatlich kontrollierte Fonds Aaber aus Abu Dhabi mit der Aufstockung seines Daimler-Anteils für Schlagzeilen. Nun machen Gerüchte über einen Einstieg arabischer Investoren beim angeschlagenen Autobauer Opel die Runde. Kommt Rettung für die Branche aus dem Morgenland? Und welche Pläne haben die Scheichs?

In jüngster Zeit haben sich Investoren aus den Golfstaaten in beachtlicher Zahl in der Bundesrepublik und anderen Industriestaaten an Unternehmen beteiligt. Das hat auch Sorgen hervorgerufen – zu Unrecht, wie Experten meinen. Befürchtungen vor einem zu großen Einfluss arabischer Investoren, einer Islamisierung der westlichen Wirtschaft gar, hält Rudolf Hickel für „Blödsinn“. Der gewerkschaftsnahe Wissenschaftler bescheinigt den Fonds vielmehr einen klaren Kurs: Sie investieren in große und kleine Unternehmen im Westen, von deren Konzept sie überzeugt sind. Im Gegensatz zu Hedge-Fonds, die kurzfristig Profit erzielen müssen, verfolgen die Staatsfonds aus der Golfregion zudem eine langfristige Strategie. Auch Helene Rang hält Staatsfonds für die besseren Kapitalisten – „sie mischen sich operativ nicht ein“, beschreibt die Geschäftsführerin des in Berlin ansässigen „Nah- und Mittelost-Vereins“ einen Vorzug.

Expedition Deutschland

Aus Sicht deutscher Manager wie Daimler-Boss Dieter Zetsche überzeugt zudem der einfache Umgang mit den Aktionären aus der Golfregion. Diese würden sich oft mit gewichtigen Minderheitsbeteiligungen begnügen und nicht so aggressiv wie Hedge-Fonds oder private Beteiligungsgesellschaften agieren. So hat etwa der Daimler-Konzern seit Jahrzehnten mit Kuwait einen arabischen Großaktionär, der geräuschlos im Hintergrund operiert.

Der Wüstenstaat begann bereits Anfang der siebziger Jahre in Deutschland zu investieren. 1974 erwarb das Emirat über die Deutsche Bank 13 Prozent an Daimler-Benz. „Bis zum heutigen Tage ist Deutschland einer der wichtigsten Standorte kuwaitischer Investitionen im Ausland“, teilt die Botschaft des Golfstaates mit. Seit den späten Neunzigern habe man auch den Wünschen der Bundesregierung entsprochen und verstärkt in Ostdeutschland investiert. Die Beteiligungen verteilen sich hauptsächlich auf Branchen wie die verarbeitende Industrie, den Immobiliensektor und das Bankwesen. Wichtig erscheint den Kuwaitis auch der Hinweis, dass es selbst in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten, als der Irak das Land besetzt hielt, keine Verkäufe von Aktienpaketen gegeben hätte.

Auch bei der Deutschen Bank geht man davon aus, dass die arabischen Staatsfonds langfristig und nachhaltig investieren. In dem Zukunftsszenario „Expedition Deutschland“ malt die Research-Abteilung des Kredithauses für das Jahr 2020 ein hoffnungsfrohes Bild eines innovativen Deutschlands mit frischem Kapital aus den Geldoasen in der Wüste: „Viele ölreiche arabische Länder haben sich Zugang zu innovativen Technologien und Dienstleistungsideen gekauft – oft in Deutschland.“ Die Golf-Beteiligungen könnten also perspektivisch auch dazu dienen, Know-how zu transferieren.

Dabei kommt die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise den Staatsfonds zugute, denn sie schwimmen in Milliarden von Petrodollars. Und wer in der aktuellen Weltkrise noch liquide ist, hat (fast) schon gewonnen. Im vergangenen Jahr, als der Ölpreis im Sommer sogar bis auf die Rekordmarke von 146 Dollar kletterte, kassierten die Ölemirate Kuwait und Saudi-Arabien nach Schätzungen von Klaus Matthies, Rohstoffexperte des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), rund 500 Milliarden Dollar. In den „normalen“ Jahren davor waren es immerhin jeweils über 300 Milliarden. Davon sind die verhältnismäßig geringen Kosten für die Öl- und Gasförderung im Wüstensand abzuziehen, wo die Quellen anders als in Russland oder im Kaspischen Meer beinahe von selbst sprudeln. Viel Geld fließt auch in die milliardenschweren inländischen Investitionen, mit denen beispielsweise Dubai zu einem globalen Luftkreuz und Megahafen ausgebaut wird. Unter dem Strich aber dürfte Jahr für Jahr ein dreistelliger Milliardenbetrag übrig bleiben, den die arabischen Staatsfonds für Investitionen im Ausland nutzen. Der jüngste Preisverfall von Energierohstoffen wird daran selbst 2009 kaum etwas ändern, denn mittelfristig dürften die Gewinne aus dem Ölgeschäft noch zulegen.

Vorsorge für ölfreie Zeiten

Allerdings nicht auf ewig. Wenngleich die Prognosen der Peak-Oil-Pessimisten, wonach sich bereits ein Ende der Erdöl-Ressourcen am Horizont abzeichnet, etwas übertrieben erscheinen, bereiten sich die Golfstaaten spätestens seit den neunziger Jahren auf eine ölfreie Zukunft vor. Bis ­dahin hatte der Import von westlichen Kon­sumwaren und südostasiatischen „Billig“-Arbeitern im Vordergrund gestanden. Seither lautet die Losung „High-tech und Diversifizierung“, im Land selbst – siehe Dubai – aber auch international. Kapitalanlagen in deutsche Autokonzerne gehören dazu.

Nicht hinter jedem Golffonds steht indes auch ein Staat. Der Chef der First Gulf Bank, Mansour bin Zayed Al Nahyan, kaufte sich mittels seiner Fondsgruppe Adug im vergangenen August die englische Fußballfirma Manchester City, der gerade gegen den Hamburger Sportverein im UEFA-Pokal spielte. Den HSV wiederum könnte Man­sours Fonds nicht so einfach schlucken: Der Dachverband DFB verbietet kapitalistische Mehrheitsbeteiligungen an deutschen Fußballfirmen.

Über ein ähnliches Blockademittel verfügt auch die Bundesregierung. Mittels des Außenwirtschaftsgesetzes kann sie jede Beteiligung verbieten, wenn dies notwendig ist, um „wesentlichen Sicherheitsinteressen“ der Bundesrepublik zu gewährleisten. Dank einer Gesetzesänderung sollen zukünftig ausländische Beteiligungen ab 25 Prozent auch regelmäßig danach überprüft werden, ob sie die „öffentliche Ordnung“ stören könnten. Das Gummi-Gesetz soll noch vor der Bundestagswahl im Herbst dieses Jahres in Kraft treten. Staatsfonds sollen von der Regelüberprüfung allerdings ausgenommen werden.

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