70 Jahre danach: Revision statt Revisionismus

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Manche Wunden gehen tiefer, so dass es etliche Jahre dauern kann, bis sie vollends verheilen. Die Deutsche Geschichte ist reich beseelt von solchen Wunden. Am 01.September 2009, zum 70. Jahrestag des Überfalls auf Polen durch die Deutsche Wehrmacht, werden all jene Grausamkeiten, die in ungezählten Versuchen aufgearbeitet und doch nicht verwunden zu sein scheinen, zum wiederholten Male Gegenstand der kollektiven Reflexion. Die deutsche Seele tat sich schon immer schwer mit ihrer Schuld sowie mit ihren Rachegelüsten. Der verlorene 1. Weltkrieg und das unbefriedende Friedensdiktat von Versailles sollten einen schmerzlichen Schatten auf die Weimarer Republik werfen, der sie bis zu ihrem Niedergang begleitete. Revisionismus und Revanchismus waren im Folgenden der Nährboden für Hitlers politische Erfolge, die sich zunächst lückenlos aneinander reihten: Die Besetzung der entmilitarisierten Zone des Rheinlandes, der Anschluss Österreichs, die Einverleibung des Sudentenlandes sowie die "gewaltsame" Annexion der Tschechei ließen Hitler in den Augen Vieler während der 1930er Jahre als einen der größten Staatsmänner der Deutschen Geschichte erscheinen. Nach Hitler-Biograf Ian Kershaw schien Hitler bei der Revision der Bestimmungen des Versailler Vertrages und der Abschaffung der Nachkriegsordnung weiter gegangen und schneller voran gekommen zu sein, als irgend jemand hätte erwarten können. Selbst unter seinen politischen Gegnern handelte er sich mit seiner kruden Va banque-Mentalität eines Casino-Spielers ohne Scheu vor dem Risiko einen gewissen Respekt ein. Für die Westmächte stand hingegen spätestens seit der Besetzung von Prag fest, dass weitere territoriale Gebietsansprüche des Dritten Reiches insbesondere mit Gewaltanwendung nicht mehr toleriert werden konnten. Der britische Premierminister Arthur Neville Chamberlain hatte die Sinnlosigkeit seiner Appeasement-Politik schmerzvoll in Erfahrung bringen müssen, als Hitler sich entgegen den Bestimmungen des Münchner Abkommens vom 29. September 1938 nicht mit dem Sudentenland als "letzte territoriale Forderung" zufrieden geben wollte. Stattdessen wurde der tschechische Staatspräsident Hácha in der Nacht vom 14. auf den 15. März 1939 unter Androhung der einmarschierenden deutschen Truppen zur Kapitulation erpresst, so dass die Tschechei augenblicklich in Hitlers Hände fiel. Nun dämmerte auch der britischen Öffentlichkeit, dass Hitler auf diplomatischem Weg nicht mehr zu stoppen war...oder etwa doch? Der mit dem Versailler Vertrag festgelegte deutsch-polnische Grenzverlauf wurde von beiden Seiten kaum akzeptiert, so dass dieser erst nach bürgerkriegsähnlichen Aufständen ermittelt wurde und fortan ein heftig befehdeter Zankapfel blieb. So unternahm der deutsche Außenminister Hans Joachim von Ribbentrop am 24. Oktober 1938 Sondierungsgespräche mit der polnischen Regierung, um auf dem Verhandlungsweg eine Lösung der offenen Fragen zu erzielen. Dabei sollten Danzig ins Reichsgebiet zurückgeholt sowie Transitrechte für den Schienen- und Straßenverkehr durch den polnischen Korridor nach Ostpreußen begründet werden. Der Historiker Klaus Wiegrefe bezeichnet diese Absichten als geradezu "maßvolle Forderungen". Im Gegenzug wurden Polen ein Freihafen in Danzig, eine Verlängerung des Nichtangriffspaktes mit dem Dritten Reich bis 1959 sowie eine endgültige gegenseitige Grenzgarantie zugestanden. Doch Polens Außenminister Jóseph Beck befürchtete, die angestrebte Führungsrolle Polens in Osteuropa ohne die Rückendeckung Russlands nicht behaupten zu können. So wies Polen das Angebot Deutschlands am 26. März 1939 endgültig zurück und stellte klar, dass einseitige territoriale Veränderungen als Kriegsgrund behandelt werden würden. Polens Paranoia vor einem gewaltsamen Übergriff der Deutschen bewirkte, dass England und infolgedessen Frankreich sich zu einer Beistandsgarantie für Polen verpflichteten. Als Hitler am 31. März davon erfuhr, soll er mit seinen geballten Fäusten auf die luxuriöse Marmorplatte seines Arbeitstisches getrommelt haben, bis er in der Erschöpfung seiner eigenen Wut in sich zusammensackte: Der "Fall Weiß" war geboren, der eine "Lösung" auf militärischem Weg vorsah, sollte es zu keinem "Verhandlungsergebnis" mit Polen kommen. Hatten die Westmächte mit ihrer Beistandsgarantie eine solche "Verhandlungslösung" aber jedoch fast unmöglich gemacht, da Polen mit einem solchen Patronat im Rücken nun kaum noch einen Grund sah, um überhaupt verhandeln zu müssen? Waren den Westmächten Danzig und die Transitrechte durch den polnischen Korridor wirklich einen Europäischen Krieg wert? Und was wäre gewesen, wenn Deutschland mit Polen auf "diplomatischem Weg" (der von militärischen Optionen nicht völlig unabhängig ist) eine "gemeinsame" Lösung hätte erzielen können? Denn bei den Machtgelüsten eines ultimativen Verbrecherstaates, der die Welt einige Monate später in Angst und Schrecken versetzen sollte, schien man zu jenem Zeitpunkt noch nicht vollständig angelangt zu sein. Im Zuge einer deutsch-polnischen Allianz hätte es jedenfalls keinen "Fall Weiß" gegeben, und die UdSSR wäre nun gewarnt gewesen. Es hätte den Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 nicht gegeben, der in einem geheimen Zusatzprotokoll die Aufteilung Polens vorsah, und an den Stalin bis zuletzt fest geglaubt hatte: Der gelungene Überraschungsangriff der Deutschen Wehrmacht vom 22. Juni 1941 trafen Stalin sowie die Rote Armee derart unvorbereitet, dass er völlig verstört in das russische Hinterland flüchtete und sich erst wieder zu Beginn des kommenden Monats imstande sah, öffentlich zu seinem Volk zu sprechen. Die rückwirkende Beurteilung der nationalsozialistischen Gräueltaten legt eindeutig fest, dass Hitler früher hätte gestoppt werden müssen. Aber aus damaliger Sicht hat die Beistandserklärung der Westmächte für Polen einen Europäischen Krieg geradezu "begünstigt", und aus damaliger Sicht wären Danzig und die Transitrechte durch den polnischen Korridor für sich genommen einen solchen möglicherweise nicht wert gewesen. Sie war ein diplomatischer Schachzug, der den deutschen Diktator für sich genommen nicht stoppen konnte sondern stattdessen seinen Kriegsfanatismus nur noch mehr befeuerte. Am 1. September 1939 wurde der Überfall auf Polen eingeleitet. Die Westmächte ließen ihre Kriegserklärungen einige Tage später prompt folgen, doch vorerst ohne nennenswerte Kampfhandlungen. Stattdessen verinderte der passive "Sitzkrieg" im Westen jene "Feuerprobe" für Hitlers Westwall, die bei einer entsprechenden Truppenbindung im Osten fatale Folgen für das Dritte Reich hätten haben können.

16:58 27.08.2009
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Geschrieben von

Herr Kunze

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