Adel meets Afghanistan

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Die deutsche Militärgeschichte ist reich bevölkert mit Vertretern des Adels. Bereits der Militärtheoretiker Carl von Clausewitz verfasste eine Schrift über den Krieg, die bis heute an den Militärschulen gelehrt und sogar in der Managementliteratur oder im Marketing Anwendung findet. Während des Wilhelminischen Kaiserreichs gehörten Adelige zu den bevorzugten Staatsdienern im Militär und in der Verwaltung; Generäle wie von Hindenburgh und von Ludendorff leiteten die militärischen Operationen gegen Ende des 1. Weltkriegs quasi mit "diktarorischen" Vollmachten. Der Publizist Klaus Happrecht, unter anderem Autor der Bücher "Auf der Höhe der Zeit?" und "Die Gräfin Marion Dönhoff", kommt jedoch zu dem Schluss, dass der Adel durch seine unglückliche Verquickung mit dem Nationalsozialismus einen Anspruch auf eine prägende Funktion im demokratischen Nachkriegsdeutschland eingebüßt habe, und dieses trotz des Widerstandsadels vom 20. Juli 1944 und der "Operation Walküre". Der Adel der deutschen Nachkriegsgeschichte glänzte daher eher durch Entnazifizierungsdeserteure wie Wernher von Braun, der sich lieber direkt in amerikanische Schutzhaft begab, um dem Nürnberger Tribunal zu entkommen. Und in der Folgegeneration hat die Widerstandskämpfernamensträgerin Veruschka von Lehndorff als das erste deutsche "Supermodel" brilliert, lange bevor Heidi Klum sich um die deutschen Nachwuchsmodels gekümmert hat. Die heute in Berlin ansässige Gräfin von Lehndorff bezeichnet die Hauptstadt nicht umsonst mit den Worten: "Berlin ist eine Narbenstadt", weswegen sie dort sei. Angesichts dieser Tradition scheint völlig vergessen worden zu sein, dass mit Karl Theodor zu Guttenberg nun ein Adliger den Posten des Verteidigungsministers ziert. Kaum in seinem Amt vereidigt, hat zu Guttenberg mit der Kunduz-Affäre ein ernsthaftes Glaubwürdigkeitsproblem bekommen, obwohl der entsprechende Luftangriff vor seinem Amtsantritt stattfand. Zuerst beurteilte er die Luftschläge als militärisch angemessen, um sie dann später als militärisch unangemessen einzuschätzen. Ihm sei ein so genannter "Feldjägerbericht" vorenthalten worden, der aber für die richtige Beurteilung notwendig gewesen sei. Dieser Fehler wurde dem Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhahn sowie dem Staatsekretär Peter Wichert angelastet, so dass diese ihrer Ämter enthoben wurden. Es sieht derzeit so aus, als würde zu Guttenberg den entsprechenden Untersuchungsausschuss politisch unbeschadet überstehen, auch wenn es noch zu einer Gegenüberstellung zwischen ihm sowie Schneiderhahn und Wichert kommen sollte. Sein Image kam ihm möglicherweise zur Hilfe: Bei seinem Frontbesuch in Afghanistan sah man ihn in schwarzer Bomberjacke oder braunem Armee-T-Shirt bei den Soldaten stehen, die ihn wie einen "Rockstar" feierten. Er bekundete solidarischen Zusammenhalt und sagte: "Ich stelle fest, dass wir hier wirklich eine tolle Truppe haben". So etwas kommt an, vor allen Dingen in den Medien. Dass der Einsatz in Afghanistan dabei zu einer Bühne für das Politikmarketing geworden ist, zeigen auch die britischen Royals. So ist Prinz Harry, der Dritte der Thronfolge im englischen Königshaus, seinem "Traum" von einem weiteren Einsatz in Afghanistan ein Stück näher gekommen, da er seine Prüfung zum Militärpiloten der Royal Air Force bestanden hat. Eine weitere Spezialisierung soll erfolgen, möglicherweise auf einen Helikopter des Typs "Apache". Von Clausewitz konnte nicht ahnen, dass die Schlachten der Postmoderne in den Medien ausgefochten werden.

23:06 06.05.2010
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Geschrieben von

Herr Kunze

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