Bilder der Kunst und Wissenschaft

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Seitdem die Fotografie durch ihre mechanische Perfektion, unkomplizierte Technik und massentauglichen Verwendungsmöglichkeiten das Sichtbare zu beherrschen begann, musste die Bildende Kunst neue Territorien erobern, um sich in der Bildproduktion nach wie vor zu legitimieren. Da kam vielen Künstlern Sigmund Freud mit seiner Psychoanalyse gerade recht. Denn das Unbewusste war unsichtbar und konnte erst durch die Deutung der Träume, durch halluzinative Bewusstseinszustände und dergleichen zugänglich gemacht werden. Warum also sollte das nicht auch Gegenstand einer künstlerischen Arbeit sein, fragten sich viele Künstler, die in der naturalistischen Darstellung die Fotografie als das dominante Medium erkannten. Fortan sollte der Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts etwas sichtbar machen, das vorher unsichtbar war. Beim Expressionismus ging es um den an die Oberfläche geholten sichtbaren Ausdruck intensiver Gefühlswelten. Die Dadaisten und Surrealisten zielten auf die Sichtbarmachung unbewusster psychischer Inhalte ab, die nicht selten hinter der Oberfläche einer banalen Alltagswirklichkeit vermutet wurden. So präsentierten die Mitbegründer der Berliner Dada-Bewegung das "Normale" mit dem Pathos des Besonderen. Simple Gegenstände aus der Alltagswelt wurden als Ausstellungsobjekte nur dadurch zu Kultobjekten erhoben, dass sie in einen Kontext zur Kunst gestellt wurden. Dieses war ein Ansatz, der sich auch in der Pop Art weiterentwickeln sollte. Es war daher ein glücklicher Zufall der Kunstgeschichte, dass die massentaugliche Verwendung der Fotografie und Sigmund Freuds Mythologisierung des Unbewussten das Substrat für diverse Kunstrichtungen bildeten. Auch die Hirnfoschung versucht heute mit ihren apparativen Methoden "Bilder" zu erlangen, die eine Kartografierung des Unbewussten erlauben. Über das methodische Vorgehen lässt sich streiten, doch versuchen Kunst und Wissenschaft auf jeweils unterschiedlichen Wegen ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

16:43 12.09.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Herr Kunze

Blogger
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare