Das dunkle Schattenkabinett von Karsai

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Viele hatten es geahnt: Um seine Popularität bei den bevor stehenden Wahlen in Afghanistan zu erhöhen, holt Prädident Karsai eine Reihe von zwielichtigen Gestalten in sein Schattenkabinett. Neben Marschall Mohammend Fahim und Gulbuddin Hekmatyar ist nun auch der arrivierte Warlord Abdul Raschid Dostum in die illustre Runde von Kriegsverbrechern in Anwärterschaft auf eine Regierungsverantwortung aufgerückt. Dabei werden aus Kreisen der US-Regierung bereits "schwere Bedenken" gegen Dostums Rolle laut, doch mit unnachgiebiger Härte beharrt Karsai auf dessen zukünftiges Mitwirken in der Staatspolitik. Der Westen verstrickt sich bei seinem Vorhaben, Afghanistan zu demokratisieren und von den Taliban zu befreien, somit zunehmend in die Rolle eines Wasserträgers despotischer und machthungriger Antidemokraten mit dubioser Vorgeschichte. Aufgrund der Sinnlosigkeit dieses Unterfangens fordern die englischen Liberaldemokraten daher unlängst: "Bringt die Jungs heim", dem sich eine knappe Mehrheit der Briten anschließt. Und auch hierzulande werden die Erfolgsaussichten am Hindukusch zunehmend skeptischer beurteilt: Schriftsteller, Journalisten aber auch einfache Bürger und Bürgerinnen wissen einfach nicht mehr, wie Frau Merkel ernsthaft dafür kämpfen will, "dass in Afghanisten alle Menschen vernünftig leben können." Bei allem Respekt vor diesen ehrenwerten Motiven stellt sich die Frage, wie das gelingen soll? Denn Afghanistan gehört zu den ärmsten Ländern der Welt: Selbst wenn es gelänge, einen demokratischen Rechtsstaat auf dem Papier zu verankern, wären die Bevölkerung und das Land immer noch dieselben, und es hätte wohl kaum einen Sinn, die Hälfte der Einwohner als Polizisten auszubilden, um die Demokratie gegen die andere Hälfte zu verteidigen, welche diese nicht will. Damit tritt die grundsätzliche Schwachstelle aller Modernisierungsversuche religiös fundamentalistisch geprägter und wirtschaftlich rückständiger Gesellschaften offen zutage: Denn was nützt die Freiheit, wenn man sich dafür nichts kaufen kann? Ebenso fraglich ist, welche Freiheit am Hindukusch überhaupt verteidigt wird? Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 vermutete die US-Regierung, dass sich Osama bin Laden und Teile des Terror-Netzwerkes Al-Qaida in Afghanistan aufhielten, und so wurde im Zuge einer UN-Resolution das Regime der Taliban gestürzt, das bin Laden angeblich Unterschlupf gewährte und sich nach einem Ultimatum immer noch weigerte, ihn auszuliefern. Jedoch fehlt von Osama bin Laden bislang jede Spur, und da sich auch die angeblichen Nuklearwaffen im Irak als peinliche Progaganda-Fata Morgana entpuppt haben, hätte es genausogut sein können, dass er im benachbarten Usbekistan, Turkmenistan, Tajikistan oder sogar Pakistan verpflegt worden wäre: Denn wie soll man sich das überhaupt vorstellen? Terroristen residieren ja schließlich nicht in Luxushotels oder staatlich subventionierten Wohnanlagen. Sie beschaffen sich die Baupläne für ihre Bomben oftmals aus dem Internet und benutzen Teppichmesser. Selbst ein einfacher Schafhirte würde genügend Lebenskomfort bieten können, um Osama bin Laden bei seinem Nomadenleben die eine oder andere Nacht beherbergen zu können. Man stelle dich darüber hinaus vor, Israel hätte in den 1970er Jahren einen Krieg mit der Bundesrepublik Deutschland anzetteln wollen, weil die RAF mit den Palästinensern sympathisierte und kollaborierte. Wäre damit auch ein Lehrer-Ehepaar, das Ulrike Meinhof bei sich in der Wohnung versteckt hielt, zur Zielscheibe oder sogar Ursache einer kriegerischen Handlung geworden, oder stellvertretend dafür eben die Bundesregierung? Es bleibt also festzustellen, dass das UN-Mandat für den Afghanistan-Krieg rückwirkend höchst fragwürdig erscheint! Selbst Peter Scholl-Latour kommt zu dem Schluss, dass Al-Qaida in der ganzen Welt zerstreut sei, und der Krieg in Afghanistan daher keinen Sinn mache. Und als ideologisch motivierte Mission für eine freiheitliche Gesellschaftsform nach westlichem Muster ist dieser ja nicht begonnen und größtenteils auch gar nicht geführt worden. Die Verstärkung der Truppenpräsenz in Afghanistan basiert daher vielmehr auf Obamas Wahlkampfrhetorik, den angekündigten Rückzug aus dem Irak nicht als Niederlage verkaufen zu müssen, sondern mit der Aussicht auf einen endgültigen Sieg in Afghanistan zu entschädigen. Der Preis der Supermacht, um das Gesicht zu wahren, ist dabei denkbar hoch: Zivile Opfer werden ebenso in Kauf genommen wie der völlig unbewiesene Kriegsgrund, die Taliban hätten Osama bin Laden jemals eine Decke zum Schlafen, eine Kochstelle oder sogar ein Satelliten-Telefon zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus gab es die derzeitigen Akte des Terrors vor der Invasion der USA im Inneren des Landes praktisch gar nicht. Obama sollte endlich die moralische Stärke haben, sich zum Scheitern der militärischen Operationen im Irak und in Afghanistan zu bekennen. Die gekränkte Eitelkeit einer Supermacht, bei einem Terrorakt eine verwundbare Stelle gezeigt zu haben, kann nicht durch das Opfer unschuldiger Zivilisten kaschiert oder vergolten werden! Die Milliarden, die in den Krieg geflossen sind, hätten stattdessen zur Befriedung des Konfliktes zwischen Israel und den Palästinensern verwendet werden sollen: Auf den Straßen würden dann weniger Kinder mit Pflastersteinen werfen, um sich auf ihre Zukunft als potentielle Terroristen einzustimmen, sondern stattdessen in Schulen sitzen und für ihre Zukunft etwas Sinnvolles lernen. Es geht nicht nur um einen Abzug der Bundeswehr, sondern darum, dass die USA den Krieg in Afghanistan beenden. Sie konnten ihn weder gewinnen noch verlieren, weil er ein Irrtum war! Der Kampf gegen den Terrorismus wird damit freilich nicht beendet sein.

02:27 18.08.2009
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Geschrieben von

Herr Kunze

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