Das ist Amerika

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Der General Stanley McChrystal ist ein groß gewachsener Amerikaner. Mit einem Top-Abschluss an der Militärakademie Westpoint und einer hoch dekorierten militärischen Laufbahn wurde McChrystal 2009 zum Kommandeur der ISAF und der US Forces in Afghanistan benannt. Seine Ausbildung wurde vor allen Dingen durch die Special Forces geprägt, die in winzigen Gruppen besonders schwierige Missionen durchführen. Seit 2001 ist die ISAF mit einer Resolution durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in Afghanistan stationiert. Ihr Auftrag besteht hauptsächlich in der Unterstützung der vorläufigen Staatsorgane Afghanistans und der Herstellung der allgemeinen Sicherheit. Da die ISAF im Zuge der amerikanischen Militäroperation "Enduring Freedom" nach Afghanistan entsendet worden ist, galt sie häufig auch als "Begleittruppe" der Amerikaner, die sich insbesondere der Friedenssicherung verpflichtet hat. Seitdem jedoch auch die Soldaten der ISAF zunehmend in aktive Kampfhandlungen involviert sind, wie der Luftangriff bei Kunduz demonstriert hat, lässt sich der Terminus einer "Schutztruppe" nicht mehr aufrecht erhalten. Sowohl Bundeskanzlerin Angela Merkel auch auch ihr Außenminister Guido Westerwelle und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sprechen daher vom "Krieg" in Afghanistan oder zumindest von kriegsähnlichen Zuständen. Der US-General McChrystal hat beim Deutschland-Besuch der vergangenen Woche seine Sicht der Dinge dargelegt. Auf einer Pressekonferenz im noblen Berliner Hotel Ritz am Potsdamer Platz beteuerte er vor einer kleinen Runde von Journalisten, wie sehr er das Engagement der Bundeswehr in Afghanistan zu schätzen wisse. Seine nicht immer ganz einwandfreien Formulierungen in Richtung der Kanzlerin schienen auch durch Verteidigungsminister zu Guttenberg nicht immer ganz gedeckt zu sein, gleichwohl dieser von einem "guten Gespräch" und von einer "gemeinsamen Verantwortung" berichtet hat. McChrystal ist der "Pazifist" unter den Generälen. Er steht für die Einführung der so genannten "Counterinsurgency"-Strategie, sowohl im Irak als auch in Afghanistan, die auf eine lange militärische Tradition zurückblicken kann. Diese besagt, dass die "Aufstandsbekämpfung" nicht alleine mit militärischen Mitteln zu bewerkstelligen ist, sondern vielmehr auf die Hilfe der örtlichen Bevölkerung und die Kooperation mit den staatlichen Organen angewiesen ist. Das erzeugt bei vielen Abgeordneten des Bundestags Sympathien, weil es nach einer "humanen" Kriegführung klingt, die eine gemeinsame Zusammenarbeit vor die reine Anwendung von Waffengewalt stellt. Es gibt zwei Missverständnisse, die in der öffentlichen Diskussion um den Einsatz in Afghanistan eine Rolle spielen. Dazu zählt erstens, dass die "Counterinsurgency" als Methode der "humanen" Kriegführung ein Ziel als solches sei. Vielmehr ist es jedoch so, dass die Bekämpfung von Terroristen in Afghanistan ohne eine Kooperation der ortsansässigen Bevölkerung grundsätzlich nicht gelingen kann: In einem unterentwickelten Land mit circa 30 Mio. Einwohnern, das zum überwiegenden Teil aus schwer zugänglicher Gebirgslandschaft besteht, erscheint das Aufspüren einer offiziell bestätigten Anzahl von circa 8.000 "Terroristen" nur schwer durchführbar. Terroristen haben in der Regel kein Partei- oder Soldbuch bei sich, sie tragen keine Uniformen, die sie von den anderen Zivilisten unterscheiden könnten; sie sind in keinem Mitgliederverzeichnis einer Partei oder einer sonstigen (eingetragenen) terroristischen Vereinigung registriert und daher mit bürokratischen Mitteln kaum zu erfassen. Kurzum: Terroristen sind in Afghanistan kaum von der zivilen Bevölkerung zu unterscheiden, vielmehr offenbaren sie ihre Identität oftmals erst während der Ausübung eines terroristischen Aktes. Zweitens ist der Einsatz in Afghanistan nicht unbedingt als Kampf gegen eine andere Kultur beziehungsweise gegen den "Islamofaschismus" zu verstehen, dessen Mission der Verbreitung von Demokratie, Menschenrechten und Kapitalismus zu dienen habe. Das ist vielmehr ein Mittel zum Zweck, um die erforderliche Kooperationsbereitschaft der Afghanen zu wecken, damit die besagten Terroristen überhaupt ausfinding gemacht werden können. Es ist eine Art "Deal", dass man den Afghanen einen demokratischen Rechtsstaat für die Auslieferung von Terroristen "anbietet". Das Problem ist, dass die abstrakten Werte des Westens für den durchschnittlichen Afghanen vorerst "unattraktiv" erscheinen müssen. Erst wenn Coca Cola, Mc Donalds und Microsoft für die Afghanen tatsächlich erfahrbar werden, können sie den wahren Wert des Westens wirklich schätzen lernen.

14:57 26.04.2010
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Geschrieben von

Herr Kunze

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