Der geschmerzte Michael Jackson

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Die Spekulationen um den Lebenswandel Michael Jacksons reißen in der Phase der postverlusttraumatischen Ernüchterung und Ursachenforschung nicht ab. Unzählige Bildstrecken versuchen im Zeitraffer die Metamorphose eines jungen schwarzen Heranwachsenden und insbesondere Teenagers im Afro-Look der 1970er Jahre zu einer ausgebleichten, geschminkten und glatt frisierten Königspuppe nachzuvollziehen, die in ihrer Kostumierung und Kunstfertigkeit den Prototyp einer Zukunftsvision zu antizipieren scheint, dass dieser Planet bereits von Außerirdischen heimgesucht worden wäre. Als Betrachter solcher Bildstrecken versucht man automatisch jenen Moment zu erhaschen, wo man am liebsten auf die Stopp-Tast drücken würde, um den Star in der bevorzugten Version zu konservieren. Bei Michael Jackson dürfte das irgendwo im Zeitraum zwischen 1982 und 1985 liegen, als der King of Pop im Look des fragilen Collegeboys mit einer Affinität zur fantasievollen Exzentrik einem androgynen Märchenprinzen glich. Die Vereinigung vieler Widersprüche zu einer Kunstfigur kumulierten die symbolische Aufladung Jacksons zu einer Hyperikone. Doch ein solcher Zeitpunkt lässt sich nicht einfrieren, und die Zunft der Ursachenforscher hat derzeit Hochkonjunktur, wenn es um den fortwährenden Prozess von Jacksons Selbstdarstellung bis -entstellung geht. War er sogar ein "Schmerzensmann", um dem gängigen Vorurteil gerecht werden zu können, dass leidende Künstler die besseren Künstler seien? Oder war Michael Jackson ein geschmerzter Mann, der selber seine unglückliche Kindheit betonte, seine Angst anderen Menschen gegenüber und sein Misstrauen? Tatsächlich hat sich eine Fraktion zu Verfechtern der These erklärt, Jackson sei ein Opfer seines rabiaten Vaters gewesen, der seine eigene Erfolglosigkeit mit der Abrichtung seiner Kinder zu Attraktionen des Showbusiness kompensierte. Dabei soll der Vater als Zuchtmeister seine Kinder mit Gürtelhieben auf die Bühe getrieben haben. Und in der Tat mutet es grotesk an, dass Vater Joe Jackson nach dem Tod seines Sohnes öffentlich lachend und bei bester Laune im Blitzlichtgewitter der Fotografen posierte. Musste Sohn Michael also tatsächlich jenen Weg gehen, sich von seinen Wurzeln eines patriachalischen Familienoberhauptes völlig zu emanzipieren, dass nicht mal mehr seine Hautfarbe seine ethnische Familienzugehörigkeit bezeugen konnte? Viel zu selten wird jedoch auf ein weiteres farbiges Wunderkind mit fatalen Folgen verwiesen, das ebenfalls zu Beginn der 1980er Jahre für Furore sorgte: Im Jahr 1960 wird Jean Michel Basquiat als Spross einer puertoricanischen Mutter und eines haitianischen Vaters geboren und avancierte spätestens seit 1982 zum Star der internationalen Kunstszene, die nicht zuletzt unter dem popkulturellen Einfluss seines Mentors Andy Warhol stand. Auch bei Basquiat war es der Vater, der als Buchhalter gearbeitet hatte und Papier mit nach Hause brachte, damit der Sohn und seine Frau darauf zeichnen konnten. Obwohl Basquiat der erste schwarz-hispanische Superstar-Künstler wurde, konnten früher Ruhm, internationale Erfolge und materieller Reichtum nicht verhindern, dass er im Jahr 1988 viel zu früh an den Folgen eines Drogen-Cocktails in einem Alter verstarb, wo andere Künstler gerade ihre gestalterische Reife erlangen. Man sagt oftmals, große Künstler würden in ihrer Kunst ein Opfer bringen, dass den Anderen verwehrt bleiben aber gerade durch das Kunstwerk mittelbar zugänglich werden würde. Daraus erwächst oftmals das Missverständnis, der Künstler würde sich für einen Dritten oder sogar für sein Publikum opfern. Natürlich tut er dieses jedoch nur für seine Kunst, wobei die Verschmelzung mit dem Kunstwerk höchste Egozentrik erfordert. Und in dieser Symbiose gesellt sich ein weiterer und ebenso notwendiger Parasitismus hinzu, nämlich jener der öffentlichen Resonanz und der medialen Präsentation.

16:46 09.07.2009
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Geschrieben von

Herr Kunze

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