Der gute Mensch vom Alexanderplatz

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"Es gibt nichts Gutes, außer man tut es." Mit dieser geflügelten Redewendung brachte Erich Kästner seine Haltung zum Ausdruck, dass das Gute unmittelbar seinen Weg in die Wirklichkeit und Alltagspraxis finden müsse. Demgegenüber ist der zeitgenössische Literaturbetrieb von Urheberrechtsexzessen, Plagiatsvorwürfen oder Persönlichkeitsrechtsverletzungen durchdrungen. Das mag stutzig machen. So ist Star-Autorin Helene Hegemann vorgeworfen worden, sie habe einige Passagen ihres Buches von einem Blogger abgekupfert. Weiterhin ist Maxim Biller von seiner Ex-Freundin zu einer Geldstrafe von 50.000 Euro verurteilt worden, weil er sie für seine Liebesgeschichte "Esra" zur Hauptfigur gewählt haben soll. Darüber hinaus wurde das Verbot des gleichnamigen Romans erwirkt. Und zuletzt ging das Gerücht um, die Autorin Ariadne von Schirach habe zu Beginn des Jahres in einem Artikel die Kindheit eines ihr völlig Unbekannten verwertet: Diese sei von Trauer und Vernachlässigung gekennzeichnet, da er von seiner Mutter im Stich gelassen worden sei (Ariadne, wenn du das liest: Es gibt auch andere Frauen, von denen man sich im Stich gelassen fühlen kann...). Worum geht es also bei der Grenze zwischen der Kunstfreiheit und einer Persönlichkeitsrechtsverletzung? Grundsätzlich um Maßnahmen, welche in die über das Grundgesetz garantierte Privat- oder Intimsphäre eingreifen. Dazu zählen Tonbandaufnahmen ohne Zustimmung, verfälschte Darstellungsweisen in den Medien oder diffamierende Äußerungen. Entscheidend ist dabei nicht (und das wird leider immer wieder falsch verstanden), dass man eine Figur "objektiv" und ohne ein entsprechendes Vorwissen erkennen kann. Entscheidend ist vielmehr, dass es eine mehr oder weniger kleine Gruppe von "Insidern" gibt, die eine solche Identifikation herstellen können und über die der Autor oder die Autorin Kenntnis gehabt haben muss. Wer also ungefragt im Privatleben eines fremden Menschen herumspioniert, das Ganze als "Rohstoff" in kommerziellen Publikationen weiterverwertet und dabei Intimitäten preisgibt oder Diffamierungen äußert, die von einer bestimmten Gruppe von "Insidern" als solche wissentlich erkannt werden können, der begibt sich auf das Terrain eines "Rechtsbruchs" - so spießbürgerlich das klingen mag. Und für Leute, die sich aus parteipolitischen Gründen den Bürgerrechten verpflichtet haben, gelten so oder so ganz andere Maßstäbe (auch wenn die individuelle Problematik "nachvollziehbar" erscheint). Das hat aus meiner Sicht übrigens weniger etwas mit "Intelligenz" zu tun, sondern mehr mit versuchter Einschüchterung; und wer will, kann sogar einen "Erpressungsversuch" hineininterpretieren. Von einer "Einheit" des Weltwillens im Schopenhauerschen Sinne also bitte keine Spur. Aber nun zurück zu Ariadne von Schirach: In ihrem Debutroman "Der Tanz um die Lust" (erschienen 2007 im Goldmann Verlag) schildert sie in einem autofiktionalen Porträt das Nacht- und Liebesleben ihres Freundeskreises. König Gunter, Flexter, Vince, die Eisprinzessin und SusiPop sind die Protagonisten, die sich zwischen der ultimativen Lustbefriedigung und der romantischen Sehnsucht nach Liebe polarisieren. Dabei seien ihrer Meinung nach die "metrosexuellen Narzissen" auf dem Vormarsch, also urbane und postmoderne Szenegänger (und solche, die es vielleicht sein wollen), die entweder den DJ kennen oder sogar selber der DJ sind: "Die metrosexuellen Narzissen sind des Mannes Rache an der selbstbewussten Frau. Sie sind smart genug, um zu kapieren, wie der Markt läuft, und dass heiße Ware immer gut bezahlt wird." In einem Club traf sie eine Gruppe dieser Spezies: "Ein Verwegener, ein großer Dunkler, ein All-American-Dreamboy und einer mit Brille und Dreitagebart, der seine intellektuelle Potenz nur so ausschwitzte...Sie sind mancipated." Als ich das vor drei Jahren las, ist mir sofort klar geworden, dass der Mann um alles in der Welt nur eines zu sein habe: "Mancipated". Ariadne von Schirach hat sich beschwert, dass sie von der Bild-Zeitung als "Porno-Philosophin vom Alexanderplatz" bezeichnet worden ist. Aber hier muss man "Bild" in Schutz nehmen: Es hätte keinen Sinn gemacht, sie als "Lust-, Porno- und Liebe-Philosophin" zu bezeichnen; und es kann auch nicht bestritten werden, dass der Porno ein expliziter "Bestandteil" ihres Buches ist. Ariadne von Schirach ist eine vielseitige Selbstdarstellerin und eine attraktive Autorin. Sie ist nicht zuletzt der gute Mensch vom Alexanderplatz. Es gibt nichts in ihrem gesamten Schaffen, das mir bislang als anstößig, obszön oder unangenehm aufgefallen wäre. Man kann wahrscheinlich nichtmal von einer verfälschten Darstellung sprechen. Aber in einer These hat sie Unrecht: Kunst bezieht sich in der Regel auf Kunst, und nicht unbedingt auf das tatsächliche Leben. Ariadne von Schirach schafft Resonanzräume des Wahrhaftigen, in denen man wie durch gothische Kathedralen voller Erstaunen wandelt, an ihrer Seite Schritt haltend, durchdrungen von der erhabenen Demut und dem guten Gefühl des Glücks: ihr dienen zu dürfen.

14:54 16.04.2010
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Geschrieben von

Herr Kunze

Blogger
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