Die geschenkte Demokratie

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Im Verlauf des Kriegsjahres 1918 galt ein militärischer Sieg des Deutschen Kaiserreiches streckenweise als aussichtslos. Trotz dieser "unvermeidbaren" Niederlage gab die deutsche Marineführung im Oktober einen Flottenbefehl heraus, um die Kriegsflotte in eine weitere Seeschlacht gegen die britische Royal Navy zu schicken. Die deutschen Schiffsbesatzungen zweifelten jedoch am Sinn eines solchen Himmelfahrtskommandos und begannen eine Meuterei. Diese ging als Kieler Matrosenaufstand in die deutsche Geschichte ein, der sich innerhalb weniger Tage zu einer echten Revolution entwickelte, die das ganze Land überzog. So kam es zur "Novemberrevolution", die eine Ablösung der konstitutionellen Monarchie durch eine parlamentarische Demokratie bewirkte. Der Kaiser floh ins Exil, und am 09. November 1918 verkündete der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann in Berlin die Republik. Zwei Tage später erfolgte der Waffenstillstand. Im Nachhinein wurde die Novemberrevolution jedoch im Zuge von Hindenburghs These, das deutsche Herr sei im Felde unbesiegt von den Sozialdemokraten und Revolutionären bekämpft worden, durch den Mythos der Dolchstoßlegende überschattet. Dementsprechend hat Adolf Hitler in zahlreichen Reden die Schuld der "Novemberverbrecher von 1918" beschworen. Da Hitler einen besonderen Hang zum symbolträchtigen Revisionismus hatte, fiel das Datum für den Hitler-Putsch nicht zu zufällig auf den 09. November 1923. Doch der Marsch auf Berlin kam bereits vor der Feldherrenhalle in München im Kugelhagel der Landespolizei zum Erliegen. Hitler wurde des Hochverrats für schuldig befunden und verbüßte eine durchaus komfortable Festungshaft in Landsberg, wo er sein Buch "Mein Kampf" zur Niederschrift brachte. Die NSDAP blieb während der 1920er Jahre jedoch weiterhin eine unbedeutende politische Kraft. Erst als im Oktober 1929 die Weltwirtschaftskrise durch den New Yorker Börsenkrach ausgelöst wurde, der als "Schwarzer Freitag" in die Börsengeschichte eingehen sollte, begann der Aufstieg der Nationalsozialisten, die bei den darauf folgenden Reichstagswahlen erstmalig einen massiven Zulauf verzeichnen konnten. Hitlers Aufstieg an die Regierungsmacht schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges war die bestehende Zweiteilung Deutschlands trotz Adenauer bald unvermeidbar. Im Jahr 1960 wurde die so genannte "Jaspers-Kontroverse" ausgetragen. Der Philosoph Karl Jaspers bezeichnete die Forderung nach einer Wiedervereinigung Deutschlands als "politisch irreal". Darüber hinaus machte er die Deutschen selbst für die durch sie verursachte Weltkatastrophe verantwortlich, die mit dem Preis der Deutschen Teilung zu bezahlen sei. Es folgte der Mauerbau und weitere Jahre der sozialistischen Diktatur, aber schlussendlich brach das SED-Regime am 09. November 1989 wie ein Kartenhaus samt Mauer in sich zusammen. Diese Selbstauflösung der DDR war ebenso unvorhersehbar wie poltisch abstrakt. International hatte die DDR durch den Erfolg ihrer Leistungssportler immer ein strammes Bild vermittelt, ihre wirtschaftliche Misere offenbarte sich jedoch erst nach dem Fall der Mauer. Als Zufallstag der Deutschen Geschichte bleibt der 09. November im kollektiven Gedächtnis der Deutschen somit seit der Gründung der Weimarer Republik, über den Terror des Nationalsozialismus bis zum Fall der Mauer von 1989 stets verankert. Dieser Tag symbolisiert die Tragik des deutschen Staatswesens, das erst über viele Umwege zu einer geglückten Demokratie werden konnte. Und diese Demokratie wurde dem deutschen Volk immer eher als Ergebnis verlorener Kriege oder durch diffuse Selbstauflösungsprozesse einer diktatorischen Staatsordnung (wie im Fall der DDR) zugetragen und weniger durch revolutionäre Heldentaten erkämpft. Der 09. November 1989 kann daher kaum für einen nationalen Heldengedenktag dienen, denn der "Held" dieser "Revolution" war die marode Wirtschaft der DDR, die das System in sich zusammen fallen ließ. Den 09. November 1989 zum Tag einer Revolution zu verklären wäre vergleichbar damit, als würde man einem Sträfling zum Gelingen eines Gefängnisausbruchs gratulieren wollen, nur weil die Gitterstäbe seiner Zelle durchgerostet waren, so dass er einfach mühelos in die Freiheit spazieren konnte. Dementsprechend gilt seit 1990 der 03. Oktober laut Einigungsvertrag als Nationalfeiertag, weil dieser Tag die politische Leistung der Einheit symbolisiert.

14:40 22.11.2010
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Geschrieben von

Herr Kunze

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