Die Hegemannialstellung

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Was ist die Helene Hegemann zuletzt wieder kritisiert worden. Ihr Debütroman "Axolotl Roadkill" weise Passagen auf, die sie nachweislich ohne Quellengabe - dafür teilweise quasi im Wortlaut - von anderen Bloggern oder Autoren übernommen habe. Sie hingegen spricht von der Ablösung des Urheberrechtsexzesses durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation. Den einen gilt sie als bahnbrechend und phänomenonal, den anderen als unreif, nervig, epigonenhaft und als schlichte Text-Kleptomanin. Immerhin hat ihr die Diskussion derzeit den 2. Platz auf der "Spiegel"-Bestsellerliste für Belletristik eingebracht. Und Maxim Biller frohlockt, sie schreibe eine deutsche Sprache, die es so noch nie gab: "...suggestiv wie Sowjetpropaganda, himmlisch rhytmisch, zu Hause in der Hoch- und Straßensprache und so verführerisch individuell..."; zumindest was die Sowjetpropaganda anbelangt, dürfte es diesen Sound bereits zu Zeiten der DDR gegeben haben. Wir sehen das Bild eines adoleszenten Mädchens, das mit geplättetem Pony und Pubertätsbabyspeck so unverkrampfte Dinge schreibt wie: "In dieser Position lasse ich mich aus diversen Gründen wahnsinnig lange in den Mund ficken." Dabei wird der Porno gesellschaftsfähig, indem er zur künstlerischen Strategie erhoben ist. Wir fragen uns, ob das autobiografisch gemeint sein kann, da schon Charlotte Roches Enthüllungsknaller "Feuchgebiete" nach eigenen Angaben zu 70 Prozent autobiografisch sein soll. Doch Hegemann beteuert, das Buch habe wirklich nichts mit ihr persönlich zu tun. Dafür sei sie auch viel zu langweilig. Das kennt man: Nicht die Autorin hat das gesagt, sondern nur die erzählende Figur. Allen Plagiatsvorwürfen zum Trotz ist Hegemann für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert worden, doch die Kritiker bemängeln, dass die Nominierung bereits vor Bekanntwerden der Vorwürfe stattfand. Was in den deutschen Feuilletons jedoch als Skandal gehandelt wird, ist bereits seit langer Zeit Bestandteil der modernen Kunst: Die Appropriation Art. Elaine Sturtevant, Mike Bidlo und selbst Cindy Sherman haben sich beim Gestaltungsreservoir ihrer Vorbilder bedient - selbstverständlich ohne "Quellenangabe". Dabei kopieren die Künstler bewusst und mit strategischer Absicht die Werke anderer Künstler; der Akt des Kopierens und dessen Resultat sollen dabei selbst als Kunst angesehen werden. Wir verzeihen Hegemann jedoch, dass sie ihre Heldin "Mifti" sagen lässt, dass es angeblich keine Frauen gäbe, die Action-Filme machen würden; natürlich haben sich Kathryn Bigelows Erfolgsstreifen wie "Blue Steel", "Point Break" oder auch "Strange Days" unwiderruflich in das Herz eines jeden Actionfans eingeschlichen. Wir verstehen auch, dass die gerade erst vor Kurzem volljährig gewordene Hegemann damals vom Türsteher des Berghains (der mit den vielen Tattoos) nicht eingelassen werden konnte, so dass sie sich ersatzweise beim Blogger "Airen" und dessen Schilderungen über einen der angesagtesten Clubs des Berliner Nachtlebens bedienen musste. Aber wir wundern uns über das deutsche Feuilleton, das ihr eigentliches "Vorbild" bislang nicht erkannt zu haben scheint: Die US-Autorin Susan E. Hinton wurde mit ihrem Erstling "The Outsiders" (das Buch wurde bereits an anderer Stelle besprochen) im Jahr 1967 als 16-jähriges Nachwuchstalent schlagartig berühmt. 1975 erschien ihr Buch "Rumble Fish", das 1983 von Francis Ford Coppola verfilmt wurde. Der gleichnamige Titel des Films bezieht sich auf einen Kampffisch, dessen Männchen den Artgenossen gegenüber so aggressiv sind, dass sie in separaten Aquarien nur einzeln gehalten werden können, gleichwohl sie für Schau- und Wettkämpfe gezüchtet werden. Hegemanns "Axolotl", der nachaktive mexikanische Lurch, der nicht erwachsen wird, ist eine Art Allegorie auf Coppolas Film und ebenso eine Art Hommage an Hintons berufliche Biografie. Die "Parallelität" der Ereignisse stellt für sich genommen eine Art "Konzeptkunst" dar, die das Buch zu einem Vorläufer der literarischen "Appropriation Art" machen könnte. Hier liegt das literarische Potential, und weniger in der Vorstellung, dass uns eine Teenagerin ein Buch präsentiert hat, das auf der Grundlage entstanden ist, dass sie in den letzten Jahren die meiste Zeit vor dem Fernseher gesessen oder im Internet gesurft hat. Die Marketing-Strategie vom Ullstein Verlag scheint aufgegangen zu sein. Das eigentliche "Kunstwerk" blieb jedoch bislang unentdeckt.

22:42 22.02.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Herr Kunze

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