Die Innereien von Volkswagen

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Man rufe sich den 23. März diesen Jahres im Sinne des Nicht-Erlebten in Erinnerung: In der niedersächsischen Staatskanzlei von Cristian Wulff waren Top-Manager und Anteilseigner von Porsche beziehungsweise Volkswagen als Gäste geladen, nur Wendelin Wiedeking durfte nicht dabei sein. Zwischen den beiden Porsche-Brüdern Oliver und Wolfgang sowie dem Ministerpräsidenten Wulff und VW-Aufsichtsratsvorsitzenden und Porsche-Miteigentümer in Personalunion Ferdinand Piech soll dabei die Übernahme von Porsche durch Volkswagen per Handschlag besiegelt worden sein, entgegen Wiedekingscher Herrlichkeit, der die Zuffenhausener nach wie vor in Wolfsburg einmarschieren sah. Wiedeking soll stattdessen bei Bankern gewesen sein, um die Kreditlinien für Porsche zu verlängern. Diesem verschwörerischen Treffen war jedoch ein langer Prozess staatlicher Interventionspolitik vorausgegangen: Bereits am 15. April 2008 hatte sich Wulff mit seiner Parteifreundin, der amtierenden Bundeskanzlerin Angela Merkel, beim Szene-Italiener "Sale e Pepe" in Berlin-Charlottenburg zu einem konspirativen Gespräch zusammengesetzt (nicht zu verwechseln mit dem häufiger frequentierten Italiener "Sale e Tabacci"). Dabei konnte Wulff aushandeln, dass Niedersachsen bei einem durch die EU-Kommission abgeänderten VW-Gesetz auch weiterhin eine Sperrmiorität mit 20, 1 Prozent der Stammaktien behalten würde. Nach Stuttgarts Ministerpräsidenten Günther Oettinger ist dieses jedoch "ein grober Verstoß gegen die Prinzipien der Marktwirtschaft". Dass also Staatsbeteiligungen durch den protegierenden Einfluss der Bundesregierung entgegen dem privatrechtlich organisierten Ordnungsrahmen einer Aktiengesellschaft den freien Wettbewerb beeinträchtigen, muss zu denken geben. Da aber für die geplante VW-Überhahme sowohl eine Mehrheit von 75 Prozent der Stammaktien als auch das Kippen des VW-Gesetzes notwendig waren, konnte Piech, der am 17. April im Sternzeichen des Widders als Enkel von Ferdinand Porsche geboren wurde, seinen zuletzt größten Unternehmenscoup feiern, in dessen Verlauf er selbst oftmals die Seiten gewechselt hat. Der bekenndende Legastheniker Piech vollzog während seiner Amtszeit als Vorstandsvorsitzender bei VW unter Anderem den Einstieg des Konzerns ins Hochpreisegment. Dabei wurden die Edelmarken Bugatti, Bentley und Lamborghini aquiriert sowie der VW Patheon und der Audi A8 als Oberklassemodelle gebaut. Piech wurde oft wegen seinem kompromisslosen und autokratischen Führungsstil kritisiert. So stammt von ihm der Satz: "Entweder stimmen die Zahlen, oder ich will neue Gesichter sehen." Er selbst bezeichnete sich als typische Widder-Persönlichkeit, die alles alleine durchboxen wolle, nicht anpassungsfähig sei und Konkurrenten mit offenem Kampf begegnen würde; solche Charaktere finde man eben in den Chef-Etagen, gleichwohl sie untereinander nur selten bis fast gar nicht miteinander klar kommen würden. Bereits während der Zeit seines Aufsichtsratsvorsitzes bei der Volkswagen AG und seiner gleichzeitigen Mitgliedschaft im Aufsichtsrat der Porsche AG (ebenso wie als deren Miteigentümer) erwarb Porsche im Jahr 2005 einen Anteil an VW von ungefähr 21 Prozent der Stammaktien und erhöhte diesen bis Herbst 2008 auf 42, 6 Prozent. Dementsprechend kann die wechselseitige Übernahmeschlacht beider Konzerne auch nicht als Familienstreit interpretiert werden, da sie von den Porsches und Piechs gemeinsam initiiert worden ist: Alle Familienmitglieder waren von Wiedekings Idee begeistert, VW zu übernehmen. Und Piech hat damit sein Einverständnis erteilt, dass Porsche im Falle eines Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrages den Zugriff auf die gefüllte VW-Kasse gehabt hätte, um die für die Übernahme notwendigen Kredite zu refinanzieren. Doch im Frühjahr 2009 geriet das komplexe Finanzierungsmodell des Stuttgarter Autobauers mit Darlehen, Aktienkäufen und Optionsgeschäften in die Schieflage. Nach jüngsten Informationen des "Spiegel" beläuft sich die Verschuldung sogar auf 14 Milliarden Euro, die Porsche an den Rand der Insolvenz drängt. Dabei ist nicht nur hinzugekommen, dass durch die "Kreditklemme" der Banken im Zuge der Finanzkrise die Beschaffung von Fremdkapital erschwert worden ist, sondern dass auch potentielle Investoren mit der Vergabe von Eigenkapital hadern. Und die Unwägbarkeiten der vielen Kaufoptionen von VW-Aktien schlummern als unkalkulierbare Größe mit dem Risiko eines "Totalausfalls" in der Bilanz. Dementsprechend informierte eine Ad-hoc-Mitteilung der Porsche Holding SE heute darüber, dass für das nun endende Geschäftsjahr ein Verlust vor Steuern von bis zu 5 Milliarden Euro anfallen würde, da die Kaufoptionen abgebaut und damit Buchverluste realisiert worden wären. Wie viele solcher Optionen allerdings noch in den Beständen bilanziert werden, dürfte für die zukünftige Geschäftsentwicklung ebenso bedeutsam sein. Trotz dieser finanziellen Eskapaden und Kapriolen hat Wiedeking den schwäbischen Sportwagenhersteller seit dem Jahr 1992, als dieser nahezu bankrott war, und Wiedeking selbst bei der Beschaffung von Eigenkapital mit seinem Privatvermögen haftete, zu einer Luxusmarke mit Weltruhm gemacht, die sich mit dem Cayenne und dem Panamera unlängst diversifiziert hat. Und er hat ganz im Sinne des Shareholder-Value die Wertsteigerung der Eigentümer maximiert. Neben den großen anderen Dynastien der Auto-Imperien Ford, Agnelli und Peugeot steigt der Porsche-Piech-Clan durch seine Beteiliung an Volkswagen, dem größten europäischen Autohersteller samt Porsche als 10. Konzernmarke, in den Olymp der Unternehmerfamilien auf. Unmittelbar nach seiner Demission als Vorstandsvorsitzender trat Wiedeking bei einer Betriebsversammlung vor die Belegschaft: Es tue ihm in der Seele weh. Sein gefühlvoller Abschied ließ Keinen in der Vorstandsriege oder von den Aufsichtsräten ungerührt, und schon gar nicht bei seinen Zuffenhausener Werksarbeitern. Der Garant des deutschen Spitzenmanagements und Unternehmer des Jahres von Europa hatte sich schlicht verzockt, aber er hatte dennoch wertvolle Arbeit geleistet. Nun wird es um die Zukunft der Marke "Porsche" gehen. Denn der schöne Mythos von Porsche verdeckte lange Zeit, dass die Fahrzeuge der Zuffenhausener nur noch selten mit modernster Technik ausgestattet sind. Dementsprechend laufen bereits jetzt schon in der VW-Fabrik im slowakischen Bratislava die großen Geländewagen von VW, Porsche und Audi von einem Band. Der Vorstandsvorsitzende von VW, Martin Winterkorn, hat eine eigens ersonnene Plattformen-Strategie entwickelt, bei der sich bis zu einem Dutzend Autos der Konzernmarken VW, Skoda, Seat oder Audi mit Synergieeffekten herstellen lassen, indem Motoren, Getriebe oder Achsen so konstruiert werden, dass sie nicht nur bei Fahrzeugen derselben Klasse, sondern ebenfalls bei anderen konzerneigenen Marken eingebaut werden können. So werden Entwicklungskosten gespart und die Auslastungen der Produktionsanlagen optimiert. Und dieses Arsenal eines solchen modularen "Baukastens" stünde Porsche als weiterer Konzernmarke unmittelbar zur Verfügung. Warum aber ein Porsche Cayenne zu einem Erfolgsmodell geworden ist, ein VW Touareg hingegen nicht, obwohl ihr technisches Innenleben derselben Entwicklungsstufe entspricht und teilweise in denselben Werkshallen zusammengeschraubt wurde, hat wiederrum etwas mit dem Mythos und der Strahlkraft einer Marke zu tun: Bereits nach Hans Domizlaff galt, dass der Begriff eines Fetisches oder eines Kristallisationspunktes der Gläubigkeit durch den Begriff einer Marke mit all ihren Variationen ersetzt worden ist. Gerade im Zeitalter einer voranschreitenden Individuation der Teilnehmer einer freiheitlichen und pluralistischen Gesellschaftsordnung koppelt sich der Einzelne zunehmend von kollektiven Wertbildungsmustern und Glaubensdogmen ab; der moderne und aufgeklärte Mensch ist frei, aber er ist dabei ebenso individualisiert und "einzigartig", und daher manchmal sogar nur auf sich selbst gestellt. Daher stilisieren sich diverse Ge- und Verbrauchsgüter in ihrer Botschaft und Identität zu einem semantischen und semiotischen Auffangbecken einer diffusen seelischen Einsamkeit ihrer Konsumenten. Dass sie dabei in technisch-physischer Hinsicht oft austauschbar sind, unterstreicht die Zentnerlast ihrer Bedeutungszuschreibungen, mit der sie sich als Kolosse einer sozialen Metapher oder sogar Illusion im gesellschaftlichen Raum bewegen. Fern ihrer standardisierten Funktionalität vermittelt der Markenmythos dabei erst das eigentliche Credo ihrer "Einzigartigkeit". Selbst wer einen Suzuki Baleno Kombi fährt, kann sich damit in der Nische eines Bohémians profilieren. Und die Dankbarkeit eines Porsche-Fahrers oder einer -fahrerin, die latente Unwägbarkeit eigener Persönlichkeitsmerkmale durch das stramme Korsett einer Autokarosserie samt repräsentativer Funktionen der Marke gestützt und stabilisiert zu wissen, wird häufig mit einem einfachen Autokennzeichen zum Ausdruck gebracht: "ZH 911".

20:47 29.07.2009
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Geschrieben von

Herr Kunze

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