Die Natur des ganzen Menschen

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In der publizistischen und insbesondere geisteswissenschaflich geprägten Szene scheint sich traditionell ein perspektivischer Dualismus herausgeschält zu haben, der von einer Trennung zwischen Natur und Kultur ausgeht. So werden viele menschliche Leistungen, inklusive der Gartengestaltung, zu einem Symbol für die grundsätzlichen kulturellen und zivilisatorischen Fähigkeiten des Menschen, die ihn vom Rest der Natur abzuspalten scheinen. Der Mensch ist dabei nicht Natur, sondern er greift vielmehr in sie ein. Es mag nun nobel klingen, wenn man sagt, die Natur könne einem gestohlen bleiben, mit ihrer ganzen Sinnlosigkeit und ihrem ganzen Desinteresse, da sie sich einen Dreck um den Menschen schere. Nungut, man könnte nun auf die Idee kommen, dass man selbst ja nicht zuletzt auch ein "Produkt" der Natur ist: Mit verschiedenen Techniken, insbesondere der molekularen Genetik, wurde gezeigt, dass der Mensch mit den Schimpansen im biologischen Sinne eine "Abstammungseinheit" bildet. Man kann nun sagen, dass aber bislang kein Schimpanse ein Kunstwerk geschaffen oder Wissenschaft betrieben habe, ebenso wie alle anderen zivilisatorischen Leistungen, der funktionsbezogen geplanten oder kunstvollen Gartengestaltung eingeschlossen. Doch durch die aktuellen Bestrebungen der Neurowissenschaften, den Geist des Menschen zu "naturalisieren" und damit auf seine materiellen beziehungsweise neuronalen Grundlagen zurückzuführen, könnte es zu der unvermuteten naturwissenschaftlichen Erkenntnis kommen, dass auch der Mensch als Ganzes "Natur" ist, und zwar nicht nur in physiologischer Hinsicht, sondern ganz im Sinne seiner mentalen Fähigkeiten (die zweifelsohne dadurch nicht geschmälert würden, und um deren Einsatz weiterhin gebeten wird). Es käme dann nur zu der unliebsamen Pointe, dass das Gestohlensein der Natur eben die Grundlagen zur Ordnung derselben entziehen würde. Denn die Natur befähigt erst dazu, genau dieses zu tun. Dementsprechend gilt die strikte Unterscheidung zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften aus Sicht des Hirnforschers Gehard Roth als Anachronismus, da es aus seiner Sicht keinen strikten Unterschied zwischen beidem mehr gäbe, weil sich auch die gesellschaftlichen Fähigkeiten des Menschen aus seiner biologischen Natur ergäben.

01:57 08.07.2009
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Geschrieben von

Herr Kunze

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