Die Verklärung von Kunst und Körper

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Auf dem Titelbild der "Time" von 1984 lächelt der frisch gekürte King of Pop in Form eines Porträts, welches der Pop-Künstler Andy Warhol exklusiv für das Magazin angefertigt hatte. Einige Monate zuvor hatte Michael Jackson einen historischen Rekord aufgestellt und 8 Music Awards sowie kurze Zeit später 7 Grammys erhalten. Das Jahr 1984 markiert daher einen Meilenstein, der ihn endgültig zur Ausnahmeerscheinung der Popmusik werden ließ. Warhol porträtierte Jackson als den freundlichen Jungen von nebenan: Ein paar gelockte unbändige Strähnen verzieren seine Stirn, das Zahnpasta-Lächeln sowie die Anfangsphase plastisch chirurgischer Eingriffe aber immer noch unscheinbarer Gesichtskorrekturen lassen Jackson ebenso fröhlich wie puppenhaft aussehen. Warhol zeichnete mit einer violetten Linie bestimmte Konturen nach und kolorierte Jacksons Hautfarbe in einer prophetischen Geste um einige Nuancen heller, als wie sie es zum damaligen Zeitpunkt noch war. Jackson sollte weitere Korrekturen und Eingriffe der plastischen Chirurgie folgen lassen; er ist dabei jedoch sicherlich kein Einzelfall, wenn es um die eigentümliche bis neurotische Verklärung des Künstlers zu seinem Körper geht. Bereits Albrecht Dürer zeigte eine Besessenheit vom Bild seines eigenen Körpers, da keiner vor ihm so viele Selbstporträts gemalt hatte wie er. Der Künstler wird somit zum Bildschöpfer seiner eigenen Ästhetik, die sich je nach Ausprägung in einen Grenzbereich von Deformation oder narzisstischer Pose transzendiert, deren autoerotische Verklärung jedoch als Vorläufer der Selbsterfindungsrituale des postmodernen Starkults verstanden werden kann. Das Kunstwerk und die Biografie des Künstlers verschwimmen dabei oftmals miteinander. Nach einem misslungenen Attentat der radikalen Frauenrechtlerin Valerie Solanas wurde Warhol 1968 mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Seitdem war sein Oberkörper von langen Narben entstellt und musste durch ein medizinisches Korsett stabilisert werden. Da Warhol jedoch durch seinen exzentrischen Kleidungsstil und seine silberblonde Perrücke bereits Maßnahmen der Tarnung ergriffen hatte, fiel es ihm dementsprechend nicht schwer, das Attentat in einen kunstbezogenen Kontext zu stellen, indem er lapidar kommentierte, er sehe vor lauter Nähten nun aus wie ein Kleid von Dior oder Yves Saint-Laurent. Den vollständig konzeptionalisierten und professionalisierten Einsatz Körper verfremdender Techniken vollzog die Künstlerin Cindy Sherman in den 1980er Jahren, als sie ihren Körper als bloße Requisite benutzt hat, um auf ihren fotografischen Selbstdarstellungen bestimmte Aspekte des Horrors und Grotesken sowie albtraumhafte Visionen der Deformation und der sexuellen Gewalt zu veranschaulichen. Von der "künstlerischen Vision" bis zu Jacksons Realität schien es aber grundsätzlich kein weiter Weg zu sein, wurde er doch Anfang der 1990er Jahre durch eine Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger belangt. Seit Marcel Duchamp können jedoch alltägliche Gegenstände und Ereignisse, sofern sie ihrem eigentlichen Verwendungszweck und sozialen Kontext enthoben werden, als so genannte "ready mades" Eingang in die Kunstdefinition finden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass bei der Verklärung von Kunst und Körper auch im Fall von Michael Jackson bestimmte symbolische Effekte auftreten, die ihn künstlerisch als gesamtes Ereignis ausmachen.

16:17 17.07.2009
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Geschrieben von

Herr Kunze

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